1840_von_Hahn_Hahn_135_28.txt

, die brummen, und den Mücken, die stechen." Andlaus Liebe war ihr die Frühlingsluft, in welcher sie, wie die Lerche, ihre Flügel ausbreitete, sich hob, und steigend und singend hängen blieb.

In Frankfurt fand Andlau einen Brief vor, der ihm den Tod seiner Mutter meldete, und den Wunsch seiner beiden Brüder, ihn bei der Regulirung der Geschäfte zu sehen. "Sie brauchen mich," sagte Andlau; "sie wollen einen Zeugen haben, dass Keiner von ihnen mit dem Pistol in der Hand dem Andern einen Napoleon mehr, als ihm zukommt, abgefordert hat."

"Du willst in den Elsass?" fragte Faustine ungläubig; "willst mich verlassen; Anastas, tu' es nicht! Ich in Dresden, Du jenseit des Rheinsdas liegt zu weit auseinander!" Sie schlang die arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn, ängstlich und fest wie ein junger Vogel unter den Flügel der Mutter. Sie hatte die grossen diamantenen Augen einer Gazelle, und mit diesen Augen sah sie ihn so zärtlich und traurig an, dass er sie mit seinen Küssen schloss, denn er fühlte, wie sein Herz an diesen Strahlen zerschmolz.

"Ich kann meinen Brüdern nützlich sein," sagte er, "vielleicht dazu beitragen, dass Alles in Liebe und Güte abgetan wird. Meine Mutter mag ihren Liebling, meinen jüngsten Bruder, bevorzugt haben, und ich fürchte sehr, Aloys wird es sich nicht wollen gefallen lassen. Jeder handelt für seine Familie, jeder behauptet, das Recht seiner unmündigen Kinder vertreten zu müssen...." –

"Himmel!" unterbrach ihn Faustine, "wie hasse ich all diese Verhältnisse, welche unter der Firma: Familie! den Menschen in gefühlempörende Zustände bringen. Kaum hat ein Wesen die Augen zugetan, welches für uns das Ehrwürdigste unter der Sonne war, so stürzen wir heisshungrig über den Nachlass her, und zanken uns im Angesichte der geliebten Leiche um die klägliche Erbschaft. Alle Andacht und Trauer geht unter in Berechnungen und Auseinandersetzungen. Und dann heisst es: meinetwegen führe ich nicht diesen Prozess und werfe ich nicht dies Testament um, aber meine Kinder! – Muss man denn seiner Kinder wegen Scandal treiben, so gehe man doch lieber auf die Landstrasse und plündere den ersten besten englischen Reisewagen aus, als mit dem Bruder um drei Batzen zu hadern."

"Liebe Ini, ich will ja versuchen, ob ich meine Brüder daran verhindern kann."

"Ja, das schmerzt mich eben, Anastas! Wenn sie Dich ruhig an das Grab Deiner Mutter treten liessen, wenn Ihr Euch an diesem grab freundlich und ernst die hände drücken wolltet, so spräche ich zuerst: gehe hin! – aber um zu verhindern, dass sie sich bei dieser unglückseligen Erbschaft todtschlagen oder bestehlen, dazu bist Du viel zu gut! dazu ist die Polizei da, ich meine die Juristen, die Grenzwächter auf dem Mein- und Dein-Gebiete, die Flurschützen, welche aufpassen, dass keiner eine Traube vom Weinberg nascheaber sie selbst dürfen naschen für ihre Mühe."

Doch was Faustine auch vorbringen mochte, Andlau blieb bei seinem Entschluss.

"Einige Wochen vergehen schnell; das hast Du ja im Lauf des Sommers erfahren," sprach er; "und welche Freude, wenn wir uns nach der Trennung wiederhaben!"

"Weil ich es bereits erfahren habe," entgegnete Faustine weinend, "so bin ich ja mit dieser Erfahrung gleichsam abgefunden; ich brauche sie nicht mehr. Und wie kannst Du wissen, ob nach einigen Wochen Alles abgetan sein wird! Nimm mich wenigstens mit, als Dein Page verkleidet etwa."

"Ich werde Dich erst nach Dresden bringen," sagte Andlau, ohne den letzten Vorschlag sonderlich zu beachten, "und dann zurückreisen."

"Du bist ein eiskalter Mensch!" rief sie und warf unwillig seine Hand aus der ihrigen.

"Das kann wohl sein," entgegnete er sanft.

"Und ich sehe durchaus nicht ein, warum ich Dich liebe."

"Das hab' ich nie eingesehen, und es Dir auch oftmals gesagt."

"Aber da ich Dich nun einmal lieberief sie, wieder mit süsser, schmeichlerischer stimmeso schmerzt mich tödtlich die lange, dumpfe Trennung! Dich nicht?"

"Faustine, Du kennst mich, Du weisst, dass mein Leben in Dir ist, dass Du nicht bloss mein Glück, nicht bloss meine Liebe, nein! mein Glaube und meine Hoffnung bist, dass Deine Kristallseele mich gleichgültig gemacht hat gegen alle staubigen, buntgefärbten, flitterhaften Erscheinungen, dass neben Dir nichts, unter Dir eine Welt steht, dass ich von der Ewigkeit nichts wünsche, als Dich, weil ich in der Ewigkeit nur Dich, den schönsten Gottesgedanken, sehe; – das weisst Du, und fragst, als ob Du nichts wüsstest! Mache mir nicht das Herz schwer, und glaube nur, ich vermisse Dich durch die Trennung weit mehr, als Du mich. Du setzest Dich an Deine Staffelei und malst und erschaffst, und vergisst bei Deinen Schöpfungen alle Schmerzen, vielleicht alles Glück. Die Phantasie pflanzt goldene Stäbe rings um Dich her, und Deine Trauer rankt sich an ihnen empor und Du stehst schnell in einer duftenden, blühenden Laube, die Du selbst gezogen hast. Der Mensch deutet die Dinge, wie er sie versteht, nach seinen Fähigkeiten; Du bist so reich