"Leider wahr! aber mein Auge ist ein geschickter Operateur und trennt die Auswüchse vom Körper. Und dann ist diese Stadt mit ihrem Dom noch eine von den alten e n t s t a n d e n e n , keine moderne g e m a c h t e , die plötzlich aufschiesst, weil der Monarch eine hübsche Avenue zu seinem Schloss haben will, oder weil die Leute reich werden wollen, und darum Häuser auf Actien bauen. Wie ich sie hasse, diese characterlosen, flachen, öden Häuser mit ihren hundert tausend blanken Fenstern! Kann da Häuslichkeit drin gedeihen, kann da Treue drin wohnen? Wenn ein Wagen vorbeifährt, zittern Tür und Fenster; wenn der Wind weht, bebt das ganze feige Ding, als bäte es ihn untertänigst um Verzeihung, dass es wagt noch auf den Füssen zu stehen! O ihr lieben, stillen, alten Häuser, die ihr bescheiden mit der schmalsten Seite auf der Gasse steht, um eure Nachbarn nicht zu beeinträchtigen, um euch nicht in die Breite zu verflachen, wie gut bin ich euch! hinter euren starken Mauern und sparsamen, aber weiten Fenstern, in eurer verschwiegenen Tiefe, in euren traulichen, geräumigen, gewölbten Zimmern, da ist's doch noch möglich, Gedanken zu haben, welche sich auf Häuslichkeit beziehen. Wär' ich ein Mann, so holte ich mir nur aus solchem haus eine Frau. Mädchen, in einem modernen haus erzogen, sind es für fremde Augen! alle Welt guckt da hinein und fragt neugierig: was tust du? was treibst du? Die Sonne scheint in all die Fenster wie in einen Glaskasten hinein, wo die Blumen vor der Zeit blühen müssen, und für die Mädchen ist Schatten gut, stiller, kühler, grüner Schatten – da bleiben sie frisch, frisch von Wangen, frisch von Seele. Es existiren aber gar keine Mirakelmädchen mit frischen, apfelblütnen Wangen mehr! sie müssen so viel lernen, so viel schöne Künste treiben – das fatiguirt, und glaube mir, es hängt Alles mit den modernen Häusern zusammen. Wär' ich ein Mann, ich schlenderte durch die altertümlichen Gassen, und schaute rechts und schaute links. Da auf einmal, in jenem dunkeln haus, wo über der gewölbten Tür drei Eicheln ausgehauen sind, im Erdgeschoss, am offnen Fenster, das mit Gitterstäben geschützt ist, die aber so weit geschweift sind, dass die Katze in dem Ausbug Raum hat, und der grosse Blumentopf, aus welchem sich die Kapuzinerkresse emporrankt – verstehst Du, lustige Kapuzinerkresse, kein sentimentaler Epheu – da sitzt ein herziges Mädchen und arbeitet fleissig. Sie arbeitet nicht hastig, nicht gebückt wie eine Magd, wie um's liebe Brot – sondern aus anmutiger Gewohnheit an Beschäftigung. Gute Gedanken steigen mit der Nadel hinauf und herab, vom Kopf zum Herzchen, und die schelmischen Lippen summen ein Lied. Das Haar hängt ihr leicht und lose, wie Gott will, an den Wangen herab, die Augen – wenn sie sie aufschlägt – blikken ernst und verweisen gleichsam dem mund seinen Mutwillen – das Mädchen müsste meine Liebste werden! Alle Tage ginge ich zweimal vorüber, einmal am Morgen, einmal am Abend; grüssen täte ich nicht, das wäre befremdlich; aber ohne Gruss würden wir nach und nach ganz bekannt. Dann legte ich mir einmal Morgens den Zwang auf, nicht vorbeizugehn, damit Abends ihre Augen fragten: aber wo warst du denn heute früh? – O Anastas, komm, wir wollen das Haus suchen und das Mädchen. Heiraten kann ich es zwar nicht ...." –
"Aber ich kann es" – sagte Andlau neckend.
"Eben so wenig!" rief Faustine, und warf mutwillig und stolz den schönen Kopf zurück, als brauche sie sich nicht einmal die Mühe zu geben, ihn anzusehen, um ihn zu fesseln.
"Und welchen Ersatz willst Du denn dem armen Mädchen dafür bieten, dass es nicht geheiratet wird?"
"Ich will es malen."
"Brav! das wird ein hübsches Bildchen werden," sagte Andlau, und machte trotz Nebel und Wind einen Spaziergang mit ihr. Er freute sich ihres schönen Talents – nicht bloss weil es ihm Wonne war sie zu bewundern – sondern weil er es betrachtete als einen Canal, in welchen der übervolle Strom ihres Wesens wohltätig, ohne die Ufer zu zerstören, sich ergoss. Ihren Phantasien lieh er immer Gehör. Ihren Gedankensprüngen setzte oft sein Urteil, seine Meinung, Schranken; niemals seine Laune. Darum war Faustine ausserordentlich durch seinen Umgang verwöhnt; sie fand jeden andern langweilig und steril, wo sie nicht dieser Teilnahme, dieser Ermunterung, diesem Verständniss begegnete. Er hatte sie daran gewöhnt, sich rücksichtlos, absichtlos, in unbefangener keuscher Freiheit vor ihm zu offenbaren; darum wurde es ihr schwer, in die zurückhaltenden, abwehrenden Formen der Gesellschaft sich zu fügen, und sie tat es auch nur innerhalb selbstgewählter Grenzen, die angeborner Takt und kein Herkommen ihr bestimmten; aber eben deshalb fühlte sie sich nur bei Andlau glücklich. "Mon aller n'est pas naturel, s'il n'est à pleines voiles, sprech' ich mit Montaigne – sagte sie – wenn ich in der kleinen Nussschale oberflächlicher gespräche und nichtsbedeutenden Verkehrs balanciren muss, so legt sich dieses Unbehagen gleich einer eisernen Schlafmütze auf meine Stirn, und lieber rede ich in dreimal vierundzwanzig Stunden keine Sylbe, als in einer Stunde unaufhörlich von den Fliegen