, ohne aufzublikken, müssen ein hinreissendes Organ oder einen ausserordentlichen geistigen Reichtum haben, wenn ihre Rede jenen Eindruck machen soll. Ein unsichtbar Sprechender überzeugt nur halb, und reisst nie hin. Das Antlitz ist wahrer als die Worte. Worte lügen so oft; eine Miene, ein Lächeln, ein Zucken der Augenwimper oder der Lippe sagen oft das Gegenteil von dem, was das Wort sagt, und offenbaren dadurch die eigentliche Meinung. Das Wort ist ein kluger, berechneter, feiner Zögling des Geistes; aber der Ausdruck der Bewegung, das Mienenspiel, ist ein Kind der Seele, und die Seele durchschimmert es, wie der Körper ein Musselinkleid durchschimmert. Cunigunde mochte die Absicht haben, ihre Seele zu verhüllen; dies Spiel gelingt zuweilen denen gegenüber, welchen daran liegt, dass es gelinge; wer aber nicht dabei beteiligt ist, erkennt das Spiel. Sie sah Niemand an – man hätte glauben dürfen, dass sie in sich selbst versunken sei; allein sie hob doch bisweilen ihr Auge und dann war es leicht zu erkennen, dass sie in die Zukunft versunken war, solch ein heisser Durst lag in diesem Auge. Aber nicht nach Liebe, nicht nach Glück! nichts Sehnsuchtsvolles, nichts Träumerisches! Ein Schiffer, der das Land erreichen mögte, und den die Brandung nicht landen lässt, mag diesen Ausdruck haben.
Es wurde Musik gemacht und mit gutem Geschmack solche, welche sich für einen häuslichen Kreis schickt. Cunigundens Schwestern sangen zweistimmig, mit jungen frischen Stimmen heitre und launige Volkslieder und neckten Cunigunde mit ihrer Abneigung gegen mehrstimmigen Gesang. Sie sei so einsiedlerisch, sagte die Eine; und die Andere: sie möge nicht Takt halten mit einem Zweiten.
"Ich kann es nicht," sagte Cunigunde, "ich würde' es ja gern tun."
"Nun, so singen Sie allein" – bat Feldern, und sie sang mit einer schönen, aber eiskalten stimme und ohne Leben im Vortrag, so viel und was er wünschte. Beim Abschied entliess sie ihn gerade so, wie sie ihn empfangen hatte. Kein inniger blick, geschweige ein inniges Wort, war zwischen ihnen gewechselt.
Kaum sassen die Freunde zu Pferde, als Mario ausbrach:
"Du hattest ganz Recht: allerliebst ist keine Bezeichnung für Deine Braut! sie ist ja wirklich bildschön, ohne alle figürliche Redensart! ich meine, schön wie ein Bild."
"Ich glaubte, die Schwestern würden Dir besser gefallen."
"Bester! ich verbitte mir diese Beleidigung meines Geschmacks. Zwei weisse schnatternde Gänschen und ein Schwan! Wann wirst Du Dich verheiraten?"
"Im November, denke' ich."
"Das ist ein monat, in welchem ich regelmässig das Leben im Norden verwünsche. Du tust sehr Recht, ihn Dir zum Rosenmonat umzuwandeln! – Aber sie ist äusserst schweigsam – Deine Braut."
"Ihre Art so!"
"Gott, was sind die Frauen schön, wenn sie schön sind."
"Du bist ja ganz in Extase" – sagte Feldern misstrauisch.
"Wie kann Dich das befremden, Dich, der Du vier Jahr lang unter ihrem Zauber stehst und sogar die Qual der langen sehnsucht ertragen kannst."
"Was mir gewiss ist, nur in die Ferne geschoben, macht mir keine Qual."
"Und wartest Du nicht? erzeugt Erwartung nicht Ungeduld, und nennst Du Ungeduld nicht Qual? O lass das nicht fräulein Cunigunde hören, sie würde nicht mit Deiner stoischen Kälte zufrieden sein."
"Jeder muss am Besten wissen, wie er mit der Geliebten umzugehen hat" – sagte Feldern übellaunig.
Er sollte es wenigstens – schwebte schon auf Marios Lippen; aber er hielt die kränkende Bemerkung zurück und sagte: "Schade, dass die Eisenbahn noch nicht fertig – Du würdest dann manche schöne Stunde mehr geniessen können. Es ist doch hübsch, dass die Liebe, auf die von den administrativen und industriellen Köpfen keine andere Rücksicht genommen wird als die, welche die Propagation des Menschengeschlechts betrifft, auch von Dampfmaschinen und Eisenbahnen ihren Vorteil zieht. Es gibt keine Pyrenäen mehr, sagte Ludwig XIV. grosssprecherisch, und log obenein bis auf diese Stunde, wo die Pyrenäen sich dadurch sehr bemerklich machen, dass sie Frankreichs Influenza nur teilweise nach Spanien hineinschlüpfen lassen. Aber wir können mit voller Wahrheit sagen: für Liebende gibt es keine Trennung mehr. In vier Wochen bin ich mit dem Dampfschiff, vom Rhein ausgehend, auf der andern Hemisphäre. Wie Untreue und Pflichtvergessenheit vorfallen sollten, ist gar nicht zu begreifen, denn in jedem Moment muss man gewärtig sein, von einem lieben Besuch überrascht zu werden, und wenn man seiner Liebsten nur keine Zeit lässt zum Vergessen: so wird man es auch nicht. Es ist bewundernswürdig, welchen guten Einfluss die Dampfmaschinen auf die Moralität haben. Und dann wagen verstockte Finsterlinge zu behaupten: deren Verfall und der Fortschritt der Industrie gehen Hand in Hand."
Feldern antwortete einsylbig. Er forderte nie mehr in Zukunft Mario auf, ihn zu seiner Braut zu begleiten, und da er es nicht tat, so sprach auch Mario den Wunsch nicht aus. Wirklich interessirte ihn Cunigunde nicht genug, um ihn zu veranlassen, Felderns Eifersucht zu reizen. Und Feldern war allerdings eifersüchtig, nicht auf einen bestimmten Gegenstand, sondern im Allgemeinen, weil er, trotz des vierjährigen Brautstandes, so unbekannt in dem Herzen seiner Braut war, wie die Alten im Ozean. Manche beschränkte und selbstzufriedene Leute macht solche Unbekanntschaft erst