der die Familiensonne umkreist. Der Fixstern gefällt mir zwar am Besten durch seine grandiose Unabhängigkeit; aber die unruhige, bewegliche Seele verträgt sich nicht mit der Fixstern-natur."
"Doch gehört sie einigermassen zur Ehe."
"Ich meine, die Ehe gibt sie."
"Wenn man die Fähigkeit dafür mitbringt."
"Diese zu entwickeln, werde' ich meiner künftigen Frau überlassen. Aber wann werde' ich die Bekanntschaft Deiner Braut machen?"
"Willst Du morgen mit mir hinaus?"
"Gern."
Sie ritten am andern Tage das heitre Elbufer gegen Meissen hinab. Der Landsitz von fräulein Cunigundens Eltern lag auf halbem Wege dortin. Mario forderte seinen Freund auf, ihm eine Beschreibung der Geliebten zu machen."
"Sie würde parteiisch ausfallen," entgegnete Feldern; "Cunigunde ist nicht eigentlich schön, wenigstens glaube' ich, dass ihre Schwestern schöner sind ...." –
"Diable! sie hat Schwestern? warum sagtest Du mir das nicht früher? Du musst wissen, ich hüte mich sehr, in ein Haus eingeführt zu werden, wo unverheiratete Töchter sind. Man steht oft mit dem linken Fuss noch auf der Schwelle, und soll schon mit dem rechten vor den Altar treten."
"Cunigundens Schwestern sind allerliebst."
"Und sie selbst?"
"Allerliebst wäre keine Bezeichnung für sie."
Es wird eine hässliche, verständige, grundgute person sein – dachte Mario, und wandte das Gespräch. Bald war das Ziel erreicht. Durch ein Gittertor, an dem zwei prächtige Linden Wache hielten, ritten sie in einen zierlichen, gartenmässigen Hof, vor das nette Landhaus, unter dessen um einige Stufen erhöhten Vorhalle Damen arbeitend sassen. Feldern ward freundlich empfangen, und stellte der Frau von Stein und ihren beiden jüngsten Töchtern Graf Mengen vor. Dann fragte er nach Cunigunden. Sie war mit dem Vater in den Weinberg gestiegen, um zu sehen, ob die Trauben noch nicht reifen wollten – was seine einzige, aber ihm durchaus genügende Beschäftigung war. Eben als Feldern sie aufsuchen wollte, kam sie mit dem Vater zurück. Mario stand versteinert bei ihrer Erscheinung. Ist Feldern toll geworden, dachte er, oder will er mich necken! diese person soll nicht schön sein? nicht einmal so schön, wie die beiden kleinen albernen Schwestern? er ist blind – er ist rasend! – Feldern näherte sich äusserst zärtlich der Braut; aber – war es die Gegenwart des Fremden oder lag es überhaupt in ihrer Weise – sie empfing ihn kühl. Sie machte eine so graziös ausweichende Bewegung, dass es ihm nicht möglich war, sie zu umarmen, und als sie Hand in Hand neben ihm stand, da sah sie ihn zwar recht freundlich an, aber, o weh! sie sah auf ihn herab, sie war grösser als er – vielleicht nur einen halben Zoll, jedoch grösser! – Nun, das wird nimmermehr gehen, dachte Mario.
Frau von Stein sprach gescheut, und das ist immer angenehm; Herr von Stein nur, wenn er gefragt wurde, und das ist bei bornirten Leuten auch angenehm; Cunigunde fast gar nicht; ihre Schwestern plapperten so viel wie möglich. Die Conversation stockte nie. Dennoch ward es Mengen nicht behaglich, und er verstand es doch sonst so gut, in jedem Kreise heimisch zu werden! Eine verstimmte Saite verdirbt das ganze Concert für ein feines Ohr. Cunigunde war diese verstimmte Saite. Ihre Befangenheit, ihre Zerstreuteit wirkte ansteckend auf ihn, den einzigen Unbefangenen des Zirkels. Die Uebrigen mussten wohl daran gewöhnt sein. Aber wie konnte der Verlobte es sein! Wenn das Mädchen meine Braut und immer so zerstreut bei mir wäre, dachte Mario, so würde' ich um alle Schätze der Welt nicht sie heiraten. Wäre er so verliebt wie Feldern gewesen, er würde sie doch geheiratet haben!
Cunigunde trug einen grossen runden Strohhut, dessen breiter Rand Gesicht, Schultern und Nacken fast ganz verschattete. Feldern bat sie, den Hut abzunehmen.
"Die Sonne!" sagte sie ablehnend. Da aber die Vorhalle gegen Osten lag, so fiel kein Sonnenstrahl hinein, und sie setzte hinzu: "Die Mücken!"
"Wie unfreundlich!" sagte Frau von Stein halblaut.
Cunigunde nahm schweigend ihren Hut ab. Sie hatte wunderschönes dunkelbraunes Haar, das sich in schweren Zöpfen um ihre Schläfen legte und sich dann im Nacken zu einem griechischen Knoten verband. Feldern nahm eine Weinrebe, die ihren Hut wie ein Kranz umschlang, und drückte sie auf ihr Haar. Sie sah aus wie Ariadne – aber ohne Verzweiflung über den treulosen Teseus, und ohne Triumph über die Liebe des Bacchus. Sie freute sich nicht darüber, dass der Bräutigam sie reizend fand, sie duldete es; und nur es dulden heisst: es erdulden. Heisses Rot überflog momentan ihr feines, edles Antlitz und sie warf einen dunkeln melancholischen blick auf Feldern. Später, als sie und ihr Schmuck unbemerkt waren, machte sie eine rasche Wendung des Kopfs, wodurch die locker hängende Rebe herab fiel. Feldern konnte sich keines Lächelns, keiner Aufmerksamkeit von ihrer Seite erfreuen, aber Mengen konnte es noch weniger. Nicht nur, dass sie nicht sprach – sie sah auch Niemand an. Manche Menschen brauchen gar nicht zu reden, nur zu blicken, und man wähnt eine tiefsinnige Musik zu hören, ein Gemälde des innersten Wesens sich aufrollen zu sehen – solche Magie hat das Auge. Menschen, die reden