über einer impertinenten Nase, den beneide ich um seine frische Phantasie. Das bischen Heiterkeit, das noch in der Welt, hat sich in die Musik geflüchtet, und wo es nur ein fest gibt, für vornehm oder gering, in frescogemalten Sälen oder unter grünen Bäumen, Musik muss dabei sein. Nie wird munterer geplaudert, als wenn es Musik gibt: in jeder Soiree, bei jeder Tafel kann man sich davon überzeugen. Und das Volk nun gar! Wie schmaust der Wiener so behaglich seine gebackenen Hähnel, mit welchem Wohlgefallen trinkt der Dresdner seinen miserabeln Kaffee, wenn es nur Musik dabei gibt. Wie es in Berlin zugeht, weiss ich nicht. Ich habe gehört, dass das Volk viel Weissbier trinken soll, kann mich aber nicht davon überzeugen, weil ich gar keine Menschen erblicke, die wie "das Volk" aussehen. Geputzt und geziert, geschniegelt und gebiegelt wie unser einer, habe ich wohl im Tiergarten grosse Schaaren gehen und sitzen sehen; aber sie kamen mir Alle vor, als sprächen sie: "wir sind viel zu gebildet, um uns mit etwas so Gemeinem wie essen und trinken abzugeben." Wenn wirklich "Volk" in Berlin existirt, so muss es ausgeschieden wie Parias leben. Man dringt nicht zu ihm. – Dies Alles nur so beiläufig. eigentlich wollt' ich sagen: da die Musik von Orpheus an bis zum Rattenfänger immer Wunder getan, so ist es kein Wunder, dass sie auch Faustinens rasches, heisses Herz zur Ruhe brachte.
Ohne sich länger in Kissingen aufzuhalten, ging sie mit Andlau nach Belgien, dessen alte geschichte und alte Künste sie mehr interessirten, als dessen moderne industrielle Betriebsamkeit. Graf Mengen lebte ziemlich einsam in Dresden. Die Häuser einiger Minister gaben dann und wann den Ueberresten der zerstreuten Gesellschaft gelegenheit sich zu sehen; jedoch war kein Nerv und kein Magnet darin, am wenigsten für ihn. Die Oberfläche des Lebens musste sehr schillernd sein, sollte sein Auge an ihr haften bleiben, und um in die Tiefen hinabzusteigen, muss man einen andern Impuls haben, als Neugier und momentane Teilnahme. Stolz, kalt und rein ging er durch die Welt, nichts fürchtend, als aus seinem inneren Gleichgewicht zu kommen, in Schwankungen zu geraten und die herrschaft über sich zu verlieren. Das geschieht aber leicht, wenn man sich in die Tiefen des Lebens hineinwagt. Dante zagte in der Hölle und war geblendet im Himmel; aber er ging, weil Beatrice es gebot und ihm den Führer schickte. Nicht Alle haben eine Beatrice und einen von ihr gesendeten Virgil. Mengen hatte keine. Er liebte den Umgang mit Frauen – als Unterhaltung und weil die Eitelkeit eines schönen und gescheuten Mannes immer ihre Rechnung dabei findet. Doch ward er besser von Männern verstanden, als von Frauen. Er lachte viel; darum hielten ihn die Frauen für sehr lustig; die Männer wissen aus Erfahrung, dass der Mann oft lacht, weil es sich für ihn nicht schickt zu weinen. Mario lachte über seine eigenen kolossalen Wünsche und ihre winzige Erfüllung; er lachte über das Maskenspiel, welches Kopf und Herz treiben, wenn dem einen teil daran liegt, sich auf drei Minuten von dem andern hintergehen zu lassen; er lachte über den Sieger, wenn Verstand und Gefühl ihre kleinen Händel zusammen ausfochten, und sprach zu ihm: morgen wirst du der Geschlagene sein; er lachte über sich selbst, wenn er sich gegen die Macht der Empfindung durch Spott und Scherz wie hinter Wall und Mauer verschanzte; er lachte, weil er sehr ernst war, ein fester Pilot, der seinen Nachen ungefährdet durch die Strömung zu bringen sucht, indessen die Brandung des konfusen, strudelnden Lebens ihn die wunderlichsten Sprünge, welleauf, welleab, machen lässt. Und weil er lachte, so behielt er den frischen Mut, welcher nie die arme schlaff sinken lässt. Jeder Zustand, jedes verhältnis war ihm ein neuer Sporn, eine höhere Stufe. "Sei dir selbst getreu – hatte sein Vater zu ihm gesagt, als der fünfzehnjährige Mario das älterliche Haus verliess – sei bereit für das, was Du als recht erkannt, nicht bloss zu sterben, das ist bisweilen dem Jünglinge sehr leicht, sondern zu leben, und das ist fast immer sehr schwer. Aber es lohnt nicht der Mühe des Lebens, wenn Du nur das Leichte tun willst." Dies war der Segen, den der Vater dem Sohne gab, und als der Sohn ihn zu seiner Richtschnur machte, ward der Vater sein Freund; denn nach denselben grundsätzen leben und handeln – das stiftet Freundschaft zwischen Männern; Mario betete seinen Vater an. Trotz der grossen Selbstständigkeit, zu welcher dieser ihn früh gewöhnt, brachte er Alles vor des Vaters Forum, was – nicht der Entscheidung, die traf er selbst – der Billigung bedurfte. "Das war recht," sagte dann der alte Mengen, und Mario erwiderte: "Ich wusste es." Bei grossen und kleinen Dingen, bei ernsten und unwichtigen Gelegenheiten, erklang oft die stimme des Vaters, ohne dass Mario daran dachte, vor seinem Ohr. Er liebte einst eine Frau, ein schönes, liebliches, verlockendes Wesen. Es musste zu irgend einer Entscheidung kommen. "Nun, Mario?" fragte ihn der alte Mengen, obgleich er funfzig Meilen von dem Sohn entfernt war, und Mario zerbrach die Fessel. Ein andres Mal hatte er die tollkühne Wette gemacht, auf der Balustrade eines hohen Kirchturms frei umherzugehen. Er