"Warum weinst Du denn jetzt, Ini?" fragte Andlau; "ehe Du bei mir warst, hattest Du doch einen Grund – aber jetzt? ...." –
"Pedant!" rief sie; "soll ich mich etwa nach Regeln freuen? Wenn jubel, Küsse, Liebkosungen nicht ausreichen, so kommen Tränen und Klagen an die Reihe. Jenes ist Glück im Sonnenlichte, dieses im Mondschein. Auf die Beleuchtung kommt's ja nicht an, wenn's nur überhaupt etwas zu beleuchten gibt."
"Aber Tränen erinnern doch an Schmerz, und ich möchte gern, dass Du bei mir ohne Schmerz glücklich wärest, befriedigt, ruhig. –"
"O, ich bin ausserordentlich ruhig."
"Nun so setze Dich zu mir und erzähle mir von Deinem Leben."
"Erzählen – ja! sitzen – nein! Das Sitzen, lieber Anastas, ist eine entsetzliche Erfindung. Zum Gehen, Stehen und Liegen ist der Mensch geschaffen, das zeigt seine schöne, lange, gestreckte Gestalt, die vom krummen, geknickten, verbogenen Sitzen ganz krüppelhaft wird. Meine Gedanken verrosten, wenn ich sitze, und das macht nicht ruhig, sondern nur schläferig. Ruhig bin ich, wenn alle Kräfte in Bewegung sind und wie die Strahlen einer Fontäne springen. Ruhig bin ich, wenn meine Seele eine grosse Landschaft ist, wo im Westen die Sonne purpurgolden glüht, und unter ihr Blitze gleich Silberschlangen aus dem Gewölk auftauchen, wo im Osten der Mond friedlich hervorkommt, wie ein unschuldiges Kind, das von fern einer Schlacht zusieht, wo der Donner wie ein geschlagener, grollender Feind scheu entflieht, indessen die Vögel ihre Siegeshymnen anheben, wo die ganze Erde opferraucht und glänzt wie ein geschmückter Altar – o mein Anastas, dann bin ich himmlisch ruhig! und n u r dann."
Sie warf sich auf das Sopha, ganz erschöpft. Andlau kniete neben ihr nieder und wollte ihren Kopf an seine Brust legen; aber sie sagte:
"Lass mich! da steht ein Piano, es wird schlecht genug sein, aber spiele! ich habe Dich so lange nicht gehört! und nie sprichst Du lieblicher zu mir als in Tönen."
Andlau küsste ihre wunderschönen Füsse, und setzte sich ans Piano. Er spielte vortrefflich; am liebsten und am schönsten phantasirte er. Er fing zuweilen an nach Noten zu spielen, aber wenn ein Akkord oder eine Melodie oder irgend etwas kam, was ihn frappirte, so verliess er den Componisten, und löste in eigener Weise jenen Akkord auf. Er überdachte in Tönen den Tongedanken des Componisten, so wie man Randbemerkungen auf ein Buch schreibt. Musik! das ist eine Kunst! alle andere Künste sind keine, sie haben immer ihr Vorbild in der natur, und wollen die nachahmen, wenn's hoch kommt – sie verklären. Menschenform und Menschenwesen zu idealisiren, oder den Raum zu verherrlichen, worin der Mensch sein Treiben hat – ist ihr Ziel, lieblich wie jedes Ziel, das über die Befriedigung des materiellen Bedürfnisses hinausgeht. Aber der Marmorgott und die gemalte Heilige werden unsersgleichen, gehen mit uns Hand in Hand! aber die Poesie, welche die natürliche Sprache des unbefangenen Menchen ist, gibt unsre eigenen Gedanken mit unsern eigenen Worten uns wieder! Die Musik hingegen verschönt nicht diese Welt und ihre Erscheinungen, sondern überwölbt sie mit einer zweiten, in der wir schweben gleich körperlosen Engeln, die Flügel haben unter einem strahlenden, liebenden, gläubigen Angesicht. Und das bewirkt sie durch Klänge, welche auf Zahlen sich gründen, durch Zahlen bezeichnet werden können, und aus der Zusammenstellung von Holz und Metall zauberisch, fabelhaft, hervorgelockt werden. nach klugen, tiefsinnigen, regelrechten Berechnungen, entdeckt die Musik ü b e r der Erde eine neue Welt, wie Columbus a u f der Erde es getan – eine Welt voll primitiver Kraft und Herrlichkeit, eine Welt, in der jeder sein Eldorado sucht, und zwar ohne Klugheit und Tiefsinn zu haben, und ohne die Regel zu verstehen! ein Paradies, worin jeder Zutritt hat, der eine Seele empfing. Kinder, Wilde, Greise, zu unentwickelt oder zu stumpf für die Schönheiten des Meissels und Pinsels, nehmen teil an dem Zauber der Musik, und Wiegenlied und Grabgesang geleiten unsre ersten und unsre letzten Schritte im Leben. Die Poesie hiess in ihrer Frühlingszeit "die heitre Kunst," und damals mit Recht, denn sie musste aus der harmlosen Sprache, der noch die Eierschaalen der Rohheit und Unbeholfenheit anklebten, den buntgefiederten, tirilirenden Vogel herausschälen, den man Minnelied nannte, und der unter Musikbegleitung, als Improvisation, oft nach selbsterfundener Melodie, bei glänzenden Festen und frohen Gelagen zur Erhöhung der Lust über die Lippen des Dichters schwirrte. Seitdem sind aber lange Jahrhunderte vergangen, und die Poesie hat sich im Laufe derselben misslaunig wie eine alte Jungfer in die Einsamkeit zurückgezogen, und sich auf Gelahrteit und Schulmeistereien geworfen, weil sie doch gern, wie alle alten Jungfern, ein Wörtchen mitredet, und weil ein dozirender Ton, bald spöttisch lächerlich machend, bald superklug ermahnend, am meisten Effect macht bei den spöttischen, superklugen Leuten unserer Zeit. Sie ist nun ein Stubenhocker, ein Bücherwurm, die Poesie! hat die Beine unter dem Schreibtisch und Dintenflecke an den Fingern, treibt finanzielle und administrative Speculationen, schreibt Hymnen über Dampfmaschinen und Oden über Trottoirs von Asphalt, und wenn Jemand sie sich anders vorstellen kann, als mit einer blauen Brille