. Sonst war um diese Stunde das ganze Schloss dunkel. Heute Licht in einigen Zimmern! Sie ist nicht da, sonst wären sie wohl schlafen gegangen – dachte er. Er trat in den Saal. Sie war da. Er flog auf sie zu, ergriff ihre hände, küsste sie mit stürmischem Entzücken und sank dann halb ohnmächtig auf einen Stuhl, keines Wortes mächtig. Walldorf besprengte sein Gesicht mit wasser, Adele hielt ihm Aeter vor. Faustine sah zu.
"Was dachten Sie denn eigentlich?" fragte sie, nachdem er sich erholt.
"Nichts!" sagte er. "Sonst würde' ich wohl das Richtige gedacht haben. Meine Angst war zu gross."
Als er am andern Tage eine Promenade vorschlug, antwortete sie:
"Das haben Sie verscherzt! ich habe das Vertrauen zu Ihnen verloren. Sie lassen mich einsam auf der sumpfigen Wiese."
Er gelobte und flehte. Aber Faustine ging nicht mehr. Ihre Abreise rückte ganz nah heran, und sie verbarg nicht, wie sehr sie sich darüber freute. Clemens war wie vernichtet. Am letzten Abend, als sie zufällig allein waren, fasste er Mut und fragte:
"Wüsste ich nur, ob Sie ohne Verdruss an mich denken!"
Auf Faustinens Lippe schwebte ein Lächeln, das soviel bedeutete, als: ich denke ja gar nicht an Dich. Sie sagte gleichgültig:
"Sie haben mir gar nichts Leides getan."
"Doch! jenen Abend auf der Waldwiese...." –
"Das sollt' ich übel genommen haben? nein, guter Clemens, beruhigen Sie sich. Wir scheiden wie wir uns fanden – als gute Freunde."
"Und tun die nichts für einander?"
"Schwerlich!" rief sie heiter. "Freunde tun schon wenig genug für einander – aber gute Freunde wünschen sich glückliche Reise, und damit Basta!"
"Würden Sie mir nicht erlauben Ihnen zu schreiben?"
"Da ich schwerlich Zeit haben würde, Ihnen zu antworten, so mein' ich, dass Sie von dieser erlaubnis keinen Gebrauch machen möchten."
"Sie sind von einer eisigen, übermenschlichen Kälte! Fünf Wochen haben Sie hier gelebt, so freundlich, so liebenswürdig, dass es eine Wonne war, mit Ihnen zu verkehren, Sie zu sehen, sich von Ihnen anstrahlen zu lassen – und nun gehen Sie, als wäre Alles Spass oder gar nicht gewesen."
"Ich gehe mit derselben freundlichen, teilnehmenden Gesinnung, die ich beim Kommen hatte. Kummer über meine Abreise zu affectiren würde gewiss lächerlich sein. Ich bin sehr gern hier gewesen, zwischen guten Menschen, aber ich gehe auch gern; denn heimisch bin und werde ich hier nicht."
"Und wann werde' ich Sie wiedersehen?"
"Müssen Sie mich denn durchaus wiedersehen?"
"Durchaus!" sagte er fest. "O Gott, nur sehen! das können Sie mir doch gönnen?"
"Wenn es Ihnen zu etwas hilft, Sie fördert – gern! wenn nicht – ungern! Ueberlegen Sie sich das."
"Sie sind schauerlich, Faustine!"
"Hab' ich denn Unrecht? – Kommen Sie, wir wollen Schach spielen."
Sie spielten; doch Clemens so unaufmerksam, dass Faustine ihm seine Königin nehmen konnte.
"Die Königin ist fort, das Spiel ist aus," sagte er und verliess das Zimmer.
Der allgemeine Abschied am nächsten Morgen war herzlich und kurz. Einen besonderen nahm Clemens nicht. Faustine kam zu Andlau mit jubelvoller Freudigkeit.
"Nun will ich wieder leben," sagte sie. "Ich muss zum Leben einen weiten Horizont, einen hohen Standpunkt, eine schöne Aussicht, eine reine Atmosphäre haben – Alles haben, was ich auf hohen Bergen finde, und was Deine Nähe, Dein Umgang, Dein Wesen mir geben. Ohne Dich wandle ich im Tal umher, immer den Ausgang suchend, immer auf die Berge verlangend, durstend nach Luft, nach Freiheit, nach Dir, Anastas!"
Strahlendes Glück lag auf ihrem schönen Antlitz, aber sie weinte. Sie schloss Andlau mit jener Kraft in die arme, welche den Mann schauern macht, weil er darin die herrschaft der Seele über den Körper wahrnimmt. Er ist von Kindheit auf gewöhnt, dessen Kräfte zu üben, er führt die Waffen, er teilt die Wellen, er bändigt die Pferde; Ernst und Scherz, eiserne notwendigkeit und fröhliche Erholung machen ihn stark. Neigung, Gewohnheit, Erziehung machen heutzutage aus der Frau ein gebrechliches Wesen; aber man stelle sie mit einer leidenschaft dem mann gegenüber, und er wird zittern – so wie man beim Erdbeben zittert.
Andlau suchte immer Faustinens wetterleuchtendes Wesen zu beruhigen. Sie war zauberhaft schön mitten in den Stürmen der Empfindung, so wie im grund alle Menschen nur dann schön sind, wenn sie sich in ihrem eigentümlichen Element bewegen; allein er liebte sie so sehr, dass er weniger Freude darüber hatte, sie in ihrer Herrlichkeit zu sehen, als er Furcht empfand, dass die häufige Wiederkehr oder die Dauer solcher Momente das irdische Leben aufzehren könnten. Die Liebe sorgt stets um das Geliebte, obgleich ihre sorge fast immer so überflüssig wie Andlaus Furcht ist. Kein fisch ist gestorben, weil man ihn ins wasser gelassen hat. Der Himmel und ich – pflegte Faustine zu sagen – wir müssen uns ausdonnern; das ist unsre natur, und ihr Leute mit euern Blitzableitern langweilt uns sehr.