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, und hat Recht zu glauben, dass kein Dritter diesen Punkt so überdacht hat. Ansichten über die Oekonomie hab' ich aber gar nicht, und muss mich bei solchen Gesprächen schweigend und hörend verhalten, was auf die Dauer nicht amüsant ist. dafür räche ich mich an Clemens Walldorf; mit dem rede i c h und er hört mir zu; von Antworten ist nicht viel die Rede. Antworten nach meinem Sinn gibt mir niemand, als Du. Ich sehne mich sie zu hören. Sie zu lesenbin ich überdrüssig. Der fatale Ueberdruss! muss er sich überall einschleichen? Nun, ich hoffe, Du nimmst es nicht übel, dass Deine Gegenwart mir lieber ist, als Deine Briefe."

Clemens war halb gekränkt in seiner Eitelkeit und halb betrübt in seinem Herzen, dass Faustine ihn ganz in früherer Weise behandele. Was ihn anfänglich erfreute, gnügte ihm nicht mehr. Bin ich denn noch immer ein knabenhafter Schüler in ihren Augen? fragte er zuweilen leise; und gern hätte er laut an sie selbst diese Frage gerichtet. Aber wenn sie Ja sagte! Er fürchtete sich vor diesem Ja. Was könnte ich ihr auch sonst sein? setzte er seufzend hinzu; braucht sie überhaupt einen Menschen zu ihrem Dienst und kann ein Mensch ihr genügen? Ach, ich wollte sie ja nur auf der Hand tragen, wie einen Schmetterling.

Faustine hatte keine Ahnung, dass Clemens oder irgend ein anderer Mann ein Interesse für sie hegen könne, welches die gewöhnlichen Grenzen der Teilnahme und des Wohlwollens überstiege. Eine tiefe Neigung einzuflössen, schien ihr unmöglich, weil sie keine erwidern zu können glaubte, und sie hatte die feste überzeugung, dies stehe ihr, so zu sagen, auf der Stirn geschrieben. Die Männer wüssten es auf ein Haar, behauptete sie, wo ihre Liebenswürdigkeit Eindruck mache und wo nicht, und "verlorne Liebesmüh" spielten sie nie. Clemens war für alle Menschen, mit denen er lebte, so freundlich, hatte stets ein so gutes Lächeln, ein so sanftes Wort, dass sie sich verwundert haben würde, sie, die Verwöhnte, wenn er es nicht doppelt für sie gehabt.

Als er einmal unermüdlich Ball mit den Kindern gespielt, sagte sie:

"Sie sind ein herziger Mensch, der eine recht liebe Frau verdient."

Clemens sah sie gross an. Sein Bruder sagte:

"Denkst Du denn schon an eine Frau, Clemens?"

Clemens wandte sich zu seinem Bruder, sah den an und schwieg.

"Warum sollte er nicht?" fragte Adele statt seiner.

"Er ist so jung, so unerfahren in der Landwirtschaft....." –

"Ach, Guter!" rief Faustine, "auf tiefe Wissenschaft wartet die Liebe nicht."

"Und du warst ja auch nicht viel älter, als wir uns verheirateten," setzte Adele hinzu.

"Die Weiber mögen doch nichts lieber als selbst heiraten oder wenigstens Heiraten stiften" – sagte Walldorf und lachte donnernd über seine Bemerkung, die ihm eben so neu als geistreich vorkam.

Adele sagte empfindlich: "Ich dächte, das wäre sehr schmeichelhaft für Euch."

Faustine rief: "Immer besser, sie stiften, als sie stören! – aber was meint denn Clemens dazu?"

"Dass es Zeit hat," sprach er lakonisch.

"Seht ihr, wie gut ich meinen Bruder kenne!" rief Walldorf triumphirend. "Er macht erst eine tüchtige Schule gründlich durch, kauft dann ein Gut in meiner Nachbarschaft und lässt sich nieder. Während der Zeit ist die Josephine heran gewachsen .... gelt, Clemens?"

"Da muss er lange in die Schule gehen," sagte Faustine, "wenn er auf Ihre Josephine warten soll. Wie lange rechnen sie denn die Lehrzeit?"

"Nun, sieben Jahr gewiss! ich fing bei vierzehn an, und verdarb dazwischen nicht meine Zeit mit Studien auf Gymnasien, Universitäten und was weiss ich! doch darf ich nicht sagen, dass ich vor dem einundzwanzigsten Jahre meine Lehrzeit vollendet hab'. Er fängt in dem Alter an, als ich aufhörte. Ist nicht meine Schuld! hab' ermahnt und gepredigt."

"Jeder hat seine Weise, guter Max" – sprach Clemens gelassen.

"Und nicht wahr, auch seine Weise eine Frau zu nehmen?" fragte Faustine.

"Gewiss!" entgegnete er; "ich würde nie eine heiraten, die unter meinen Augen erwachsen wäre."

"Warum denn nicht?" fragte Adele, wieder ganz empfindlich.

"Weil ich gern von meiner Frau glauben möchte, dass sie für mich vom Himmel herabgefallen wäre."

"Ueberspannte Ansichten!" brummte Walldorf.

"Das gefällt mir!" rief Faustine, und klatschte vergnügt in die hände; "ich hab' es gern, wenn der Mann etwas mehr von seiner Frau wünscht und erwartet, als dass sie ihm die Suppe nicht versalze."

"Bei den hochgespannten Forderungen kommt selten ein sonderliches Glück zum Vorschein!" – bemerkte Adele; "dafür kann ich einstehen, dass meine Töchter ihren Männern nie die Suppe, noch irgend eine andre Speise versalzen werden; aber wenn die begehren, dass meine Töchter sich wie überirdische Genien benehmen sollen, so muss ich antworten: versucht's in Gottes Namen! ich habe nie etwas Ueberirdisches weder an ihnen bemerkt, noch für sie gewünscht."

"Das ist nun so verschieden!"