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für den lieblichen, freien, zwecklosen, vornehmen Spaziergang, der seinen verborgenen Reiz nur dem entüllt, der ihn ohne Nebenabsicht auf Dienst und Nutzen geniesst. Ein Rezept ist nicht über das zu geben, was zu einem angenehmen Spaziergang gehört, denn nach Regeln wird er nicht construirt. Hingegen ist sehr leicht zu sagen, was notwendig n i c h t zu ihm gehört: Gesellschaft. Man muss allein sein oder mit einem geliebten Menschen gehen; denn Letzteres ist keine Gesellschaft: man ist nur zu Zweien allein.

Clemens begleitete zuweilen Faustinen, um ihr irgend eine hübsche Aussicht, oder einen prächtigen Baum oder einen versteckten Fusspfad in den Bergen zu zeigen. Nach und nach geschah es täglich. Wenn Adele sich arbeitsam mit ihrer Näherei Abends vor die Tür in den Garten setzte, und Walldorf mit der Pfeife langsam vor dem haus auf und nieder ging, machte Faustine gewöhnlich eine Viertelstunde lang diese ermüdende Promenade mit ihrem Schwager, und trat dann eine grössere mit Clemens an. Er war ein ganz liebenswürdiger Mensch, sanft und weich an Gemüt, wie die kolossalen Gestalten gewöhnlich sind. Zu ihren riesigen Körperkräften gab ihnen die ausgleichende natur eine milde, wohlwollende Seele, welche sie unfähig macht, ihre Kraft auf brutale Weise zu gebrauchen. Nur ausnahmsweise sind sie Raufbolde und Händelmacher. Die Kleinen, die sich auf die Fussspitzen recken müssen, damit man sie erblickedas sind die Krakehler, die Zanksüchtigen; die tun patzig, damit kein fremder Ellbogen um ihre Nasenspitze spiele. Doch, zum Ersatz, weil sie oft so lächerlich sindversteckte die ausgleichende natur in die kleinen Figürchen die grossen Genies.

Clemens hatte schon vor vier Jahren eine besondere Zuneigung für Faustine gehabt. Er war etwas schläfriger natur damals; Bruder und Schwägerin trugen, ihrer Eigentümlichkeit nach, nicht dazu bei, ihn zu ermuntern, wohl aber Faustine, die mit dem unbeholfenen blöden Menschen sprach und scherzte, bis er etwas seine eckige Scheu verlor. dafür blieb er ihr innig dankbar. Weil er ihr in dem Zeitpunkt begegnet, wo er anfing, das Leben mit andern als kindischen Augen zu betrachten, glaubte er, dass sie diese Wendung und Lichtung seines innersten Wesens veranlasst habe, und so knüpfte er seine lieblichernste erkenntnis an ihre lieblichernste Erscheinung. Jedes Mal, wenn er seinen Bruder besuchte, hoffte er heimlich Faustine in Oberwalldorf zu findenimmer umsonst! aber er bewahrte eine stille sehnsucht nach ihr, wie man sie im Winter nach dem lang ausbleibenden Frühling empfindet. Handlung, Tätigkeit, welcher Art sie seien, sind den Einbildungen entgegen, wie wasser dem Feuer, und ein Paar Studien- oder Arbeitsjahre, was sag' ich! Monate, bisweilen Wochen, bringen einen jungen Kopf sehr schnell ins rechte Gleis. Aber da Clemens sich keineswegs einbildete, Faustine zu lieben, sondern sie nur als das Holdseligste betrachtete, was ihm auf der Erde begegnet, so bewahrte er ihre Erinnerung in immer gleicher Frische. Und auch jetzt war sie ganz, ganz wie damals; denn sie tat nicht gern einen Schritt vorwärts, den sie später hätte zurücktun müssen. Sie tat sehr oft Schritte, die gewagt, regellos, nicht zur Nachfolge einladend waren, doch war es einmal geschehen, so stellte sie sich fest und sagte heimlich: "nur nicht zaghaft! nur immer vorwärts! wer gelenkige Glieder hat, muss springen und klettern, darf sie nicht einrosten lassen." Das, in Beziehung auf sich selbst. Für Andere hatte sie einen Takt in der Seele, der ihre Schritte so abmass, dass kein fremder gang dadurch beeinträchtigt wurdeso glaubte sie wenigstens.

Einst fand sie Clemens unter den Ulmen des Hofes, als sie am Morgen einen Spaziergang machen wollte.

"Darf ich Sie begleiten?" fragte er.

"Ich danke Ihnen! Morgens brauch' ich Sie nicht," sprach sie freundlich.

"Brauchen Sie mich nicht!" wiederholte er.

"Nein," sagte sie unbefangen, "am Morgen geh' ich nicht so weit, dass ich mich verirren könnte, es wird zu heiss! und dann ist's ja heller Tag! Abends fürchte ich, dass die Dunkelheit über mich einbrechen könntedann brauche ich einen Beschützer." Sie nickte ihm freundlich zu, und ging fort.

Dies war ganz wahr. Nebenbei dachte sie, es könne ihn in seinen gewohnten Beschäftigungen stören – "und ich mag Niemand stören," fügte sie hinzu. "Anastas! den stör' ich nie, der lebt für mich, meinetwegen, der kann mit mir spazieren gehen vom Morgen zum Abend; Clemens nicht! Clemens nur, wenn er nichts Anderes, nichts Besseres versäumt."

Aber Clemens war mit dieser Rücksicht keineswegs zufrieden und sagte ihr am Abend:

"Gönnen Sie mir doch einige liebliche Stunden mehr in Ihrer Nähe für die Paar elenden Tage, die Sie noch hier sein werden."

"Sie dürfen keinen zu lebhaften Geschmack an meinem nichtstuerischen Leben finden, entgegnete sie, es ist unglaublich ansteckend."

"Ja, so lange Sie da sind. Wenn Sie uns verlassen haben, gewinnt die alte Tätigkeit ihr altes Rechtund ein neues dazu: sie muss zerstreuen helfen."

"Die Verständigkeit der Männer ist ausserordentlich gross," rief Faustine scherzend; "sie werden durch sie geschützt und nie um ein Haar breit weiter fortgezogen, als sie es sich vorgenommen haben."

"Billigen Sie es nicht?" fragte er ernstaft