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lärmend Faustinens Wagen, und es gab ein Gejubel beim Empfang, dass Niemand sein eigen Wort hören konnte. Ein Paar Kinder stiegen in denselben und befahlen dem Postillon, sie im Hof umher zu fahren, wozu er durchaus nicht geneigt war. Für seine abschlägige Antwort trösteten sie sich damit, dass sie abpacken halfen.

"Erinnern Sie sich noch meiner?" fragte endlich eine sanfte, wohlklingende stimme hinter Faustine.

"Recht gut!" – wollte sie sagen, und blickte sich nach dem Sprechenden um, doch erschrocken fuhr sie zurück, denn ein baumlanger, schwarzer Mann, mit einem Bart wie ein Jupiter, sah auf sie herab.

"Ich bin ja der kleine Clemens," sagte der Riese, und ein mitleidiges Lächeln über Faustinens Schreck legte sich in seine freundlichen Augen.

"Find' es begreiflich, dass Sie das Bürschchen nicht erkannt haben," sagte Walldorf mit schallendem Gelächter; "sieht ja aus wie der wilde Mann auf den Harzgulden, nur anständiger, versteht sich! war immer von tüchtigem Schrot und Korn. Was ein Haken werden will, krümmt sich bei zeitenobgleich der Clemens nichts weniger als gekrümmt ist, sondern gerade und unverbogen an Leib und Seele."

"Das freut mich" – sprach Faustine mit einem Lächeln, so lieblich, wie Clemens schon vor vier Jahren gemeint hatte, es gleiche dem Sonnenstrahl.

"Sie sehen aber ganz aus wie damals!" rief Clemens.

"Das freut mich auch," entgegnete sie.

"Willst Du nicht irgend etwas geniessen, liebe Ini?" fragte Adele; "Du musst recht Hunger haben; den ganzen Tag im Wagen gesessendas macht müdegelt?"

"Weder hungrig noch müde, Adelchen! ich habe ja nichts dabei zu tun."

"Aber das Nachtessen will ich denn doch früher anordnen."

"Nicht meinetwegen! ich danke Dir tausendmal, und werde Dir zehntausendmal danken, wenn Du nicht die geringsten Umstände für mich machst. Ich bin nicht blöde und werde fordern, was ich brauchewenn Du es erlaubst."

"Sehr verständig!" sagte Walldorf. "Ungenirt müssen Wirt und Gäste sein. Ehe ich es vergesse! welchen Namen wollen Sie denn Ihrem Patchen geben?"

"Welchen Sie wollen, bester Walldorf."

"O nein! die Gevattern legen dem Patchen einen ihrer Namen beiso schickt es sich."

"Ich glaubte, das sei altmodisch."

"Kann wohl sein; d'rum hab' ich's gern."

"Gefällt Ihnen denn Faustus oder Faustin für Ihren Sohn?"

"Nein, ganz und gar nicht! liebe nicht das Romantische, Abenteuerliche, wobei einem Räuber- und Gespenstergeschichten einfallen. Möchte Ihnen aber doch gern eine Ehre antun. Haben Sie keinen Lieblingsnamen?"

"O ja, Anastasius."

"Gut! so soll der kleine Mann Anastasius genannt werden. Wird aber schlecht fahrendas arme Bübchen!"

"Wobei? warum?" riefen Alle.

"Bekommt die Duodez-Ausgabe meiner beobachtenden Berechnungen von Oberwalldorf. Ein garstiges Format, das! nicht fisch, nicht Fleisch, weder imponirend noch zierlich. Sollte der Himmel keinen Sohn mehr bescheeren, so bin im stand, die Duodez-Ausgabe ganz und gar zu streichen; dann bekäme er den Sedez, der ein allerliebstes Spielzeug ist, mit Krähenfedern geschrieben ... –"

"Faustine kennt es, lieber Max" – sagte Adele.

"So? Ei!" sprach er, ungemein erstaunt, dass seine Frau ihn in dieser Unterhaltung störte, denn sie war so daran gewöhnt, dass sie für ihre person nicht mehr darauf achtete, als auf fallende Regentropfen; doch jetzt hörte sie mit dem Ohr ihrer Schwester.

Die Kinder stürmten herein und drängten sich dann, Faustine gewahrend, scheu und bewildert in einem Winkel des Zimmers zusammen, wo sie mäuschenstill die Tante angafften, einige mit den Fingern im mund, andre an den Knöpfen drehend.

"Wollt Ihr nicht schlafen gehen, Kinderchen?" fragte Adele.

Da erhob sich ein Lärm, wie die Hühner machen, wenn sie Abends zum Schlafen auffliegen, und unter endlosen Gutenacht-Wünschen und -Küssen zogen sie ab, denn die Tante war ihnen noch zu fremd, um nicht störend zu sein.

Der Tauftag ging vorüber mit vielem Geräusch und vieler Langeweile, wenigstens für Faustine, die keine Feste liebte, welche wochenlang vorbereitet waren. "Sie haben immer einen sauersüssen Beischmack," sagte sie, "von all den Verdriesslichkeiten, Umständlichkeiten, Plagen und Qualen, welche die Festgeber während der Vorkehrungen ausgestanden haben."

Hernach lebte sie in ihrer Weise, störte Keinen, und liess sich nicht stören, las, zeichnete, ging spazieren. Adele fand nichts unbegreiflicher, als dass man zum Vergnügen spazieren gehen könne. Sie ging in den Garten, um zu sehen, ob die Kirschen reiften oder ob die Kartoffeln blühten, zuweilen aufs Feld, um ihren Flachs zu inspiziren; aber nur für diese Zwecke trugen ihre Füsse sie über die Schwelle des Hauses. Walldorf, wie die meisten Männer, deren Geschäfte sie viel im Freien und auf den Beinen erhalten, nannte den Spaziergang einen Zeitverderb. Männer hingegen, welche eine Lebensweise führen, welche sie viel über den Arbeitstisch bückt, betrachten ihn als eine Arzenei, die sie täglich in einer gewissen, nach Stunden gemessenen Dosis einnehmen müssen. Alles sehr erniedrigend