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Geister walteten, als die, welche für und in unserm Beruf uns zur Seite stehen. Ich möchte erfahren, ob es denn kein anderes Glück gibt, als das, welches unser unruhiges Bemühen, unsern Ehrgeiz, unsre Eitelkeit belohnt, d.h. aufreizt, indem es sie momentan befriedigt. Ich möchte ein stilles, dauerndes, unerschütterliches, schützendes Glück, das wie ein schattiger Fusspfad neben der breiten, sterilen Lebensheerstrasse dahinliefe. Das Alles, mein' ich, müsse eine Frau mir geben und mir sein! Doch die, zu der ich dies Vertrauen haben könnte, hab' ich noch nicht gefunden."

"Du machst wahrscheinlich grosse Ansprüche, lieber Mario .... –"

"Ganz und gar keine! ich verlange nur, dass wir so zu einander passen, wie zwei mal zwei vier ist."

"Das ist freilich eine sehr bescheidene Forderung" – sprach Feldern lächelnd. Oberwalldorf war in lebhafter Aufregung. Eine festliche Taufe und ein wochenlanger Besuch galten in dem häuslichen, geregelten Leben für merkwürdige begebenheiten. Heute sollte Faustine eintreffen, morgen die Taufe sein. Adele, eine sehr hübsche, aber kugelrunde Frau, rollte sich mit unglaublicher Behendigkeit und unermüdlicher Geschäftigkeit durch das Haus, um ihre sämmtlichen Anstalten und Einrichtungen zum neunundneunzigsten Mal zu überschauen und zu besprechen, obgleich alle Dienstboten, gleich Kanonieren mit brennender Lunte bei ihren Kanonen, schussfertig und des Winkes gewärtig bei ihren Geschäften waren. Hinter Adele her zog, wie eine wilde Jagd, ihre Kinderschaar, bei der man die gute Mannszucht, welche im Domestiken-Corps herrschte, sehr vermisste. Ihre Kinder zum Gehorsam zu gewöhnen, dahin hatte die gute Adele es noch nicht gebracht. Sie waren ihr von haus aus über den Kopf gewachsen, und diese Frau, ein Muster von Ordnung und Pünktlichkeit, duldete, dass ihre Kinder, wenn es ihnen gefiel, ihre Einrichtungen in die kläglichste Unordnung brachten. Wurde es einmal so arg, dass sie eine Züchtigung für unumgänglich hielt, so trat ihr Mann dazwischen und sagte, er könne nicht leiden, dass seine Kinder gemisshandelt würden. Er selbst verlor die Geduld mit ihnen nur dann, wenn sie an seine Heiligtümer, Schreibtisch und Bücherschrank, unheilige Hand legten. Vielleicht den grössten Zorn seines Lebens hatte er empfunden, als seine älteste Tochter in ihrem vierten Jahr seine Abwesenheit aus dem Zimmer benutzt hatte, um auf einen Stuhl vor dem Bücherschrank zu klettern, und seine sämmtlichen Werke, so weit sie ihren Händen erreichbar, auf den Fussboden zu schleudern. Damals hielt er ein Strafgericht, dessen Schrecknisse sich traditionell bei den Kindern fortpflanzten, so dass sie dreister eine Löwenmähne, als die Schriften des Papa berührt haben würden.

"kommt nun herunter, Kinder" – sagte Adele, in das für Faustine bestimmte Zimmer tretend, wo die Kleinen verweilt waren, während sie die Runde durch die übrigen Gastzimmer gemacht. Aber die Kinder hörten und sahen nicht; denn drei rollten sich in der vom Bett herabgerissnen grünseidnen Decke kopfüber, kopfunter auf der Erde herum; und die beiden älteren voltigirten mit der höchsten Behendigkeit vom Bett auf den Fussboden und so wieder hinauf. Alle fünf kreischten, glühten, schwitzten, zappelten, balgten sich nebenherkurz, es war ein ausserordentlicher Spass, den nur die Mutter nicht goutirte. Es gab ihr einen Stich durchs Herz, die derben Lederschuhe auf dem feinen Bettbezug umhertrampeln zu sehen. Sie rief zur Ordnung! doch leichter hätte sie eine Heerde junger Füllen als ihre Kinder zusammentreiben können. Da nahm sie ihre Zuflucht zu einer Kriegslist und: "Ein Wagen! die Tante kommt!" rufend, verliess sie schnell das Zimmer. Die Kinder stürmten augenblicks ihr nach und die Treppe hinab, und Adele hatte das Schlachtfeld gewonnen, auf welchem nach zehn Minuten wieder die frühere Zierlichkeit herrschte.

Endlich kam Faustine. Sie hatte sich heute von Andlau getrennt, und das Gefühl, wie einsam sie ohne ihn auf der Welt stehe, beängstigte sie. In der Familie unsrer Geschwister wird es uns selten heimisch. Mag uns der Bruder oder die Schwester noch so lieb und wert und vertraut seindie Schwägerin, der Schwager, deren Eltern, deren Vetter und Muhmen, sind eben fremdartige Elemente, die uns häufiger abstossen, als anziehen, vielleicht darum, weil man von uns begehrt, dass wir für Personen, die unserm Blute fremd und unsrer Neigung fern sind, Liebe und Freundschaft hegen sollen, welche Gefühle man doch gern nach eigener Wahl verteilt. Seit zwei Jahren war Faustine nicht hier gewesen. Als sie sich Oberwalldorf näherte, vergass sie etwas ihre Traurigkeit. Es lag äusserst freundlich am Eingang eines Tals, durch welches ein rascher Waldbach strömte, der weiter hinab sich in den Main ergoss und höher hinauf Schneide- und Sägemühlen trieb. Die Wohnungen der Landleute lagen zwischen blühenden Gärten; Wiesen und Felder grünten üppig; die Berge, welche das Tal zwischen sich nahmen, waren mit gemischtem Laub- und Nadelholz bedeckt: es war keine grossartige, aber eine wohltuende, liebliche natur. Das Wohnhaus, das man aus Artigkeit das Schloss nannte, lag mitten im Besitztum, von Ulmen umgeben, altertümlich ohne Pracht, wodurch es ein etwas vernachlässigtes Ansehen hatte, was indessen nur Nebendinge betraf. Das Wappen über der Eingangstür war beschädigt, künstliche Steinmetzarbeit an einem Erker war ganz herabgefallen und die Urne versiegt, welche ein verstümmelter Triton im Hof über einem Wasserbecken hielt. Alles Wesentliche war solid.

Die ganze Familie umringte