1840_von_Hahn_Hahn_135_11.txt

schaffendes Regen teile und geniesse. Im Sommer, mein' ich, könne mir kein Unglück, nichts Böses widerfahren: die Sonne lächelt mich an! ist sie nicht das Auge Gottes? – O Anastas, ich habe wohl Recht, die himmlische Sonne zu lieben, die mir Freuden bereitet, wie eine gute Mutter."

"Ich sagte Dir schon heute, Du wärst ein Kind des Lichts."

"Und der Stürme, Anastas! denn auch im Gewitter, unter Donner und Blitz, bin ich geboren. Darum tun mir die Stürme nichts! sie brausen über mein Haupt dahin, sie zerwühlen mein Haar und mein Kleid, ich drücke beide arme kreuzweis über meine Brust, und senke den Kopf und lasse sie sausenich horche auf die stimme des Ewigen in ihnen. Und auch der Donner schreckt mich nicht! nicht die leiseste Bangigkeit, die unwillkürlich, körperlich fast, sein sollbeschleicht mich im Gewitter. Wenn der Donner pomphaft über den Himmel, um hohe Berge und in tiefe Täler rollt, so mein' ich, dass grosse Geister, aus ihren ewigen Wohnungen herabsteigend, die arme kleine Erde mit dröhnendem Fusstritt berühren, wie ein alter in Eisen gewaffneter Ritter das Hüttchen des Landmanns. Und die Blitze gar! die gelten alle, alle mir! die greifen und züngeln nach mir, die möchten mein Gürtel sein, meine Krone, meine Lanzeund ich Schwache, ich Bewusstlose verstehe nur nicht, sie zu brauchen. O die Blitze haben grosse Dinge mit mir vor! tödten will mich keiner, auch nicht blenden! als ich zuerst das Auge auftat, hab' ich sie ja gesehen, und starb nicht und erblindete nicht. Aber versengen und aufzehren wollen sie alles Irdischeauch bei mir, glaube' ich. Darum sehe ich immer empor und breite die arme aus zum Himmel, wenn es blitzt. Siehst Du, das Alles verstehe' ich, aber den Mond verstehe ich nicht."

"Aber ich, Ini, denn er spricht eine unpoetische Sprache, die mir sehr geläufig. Sein kühler Strahl ist ein Wegweiser, dass man spät Abends nach haus, und nicht auf der Elbbrücke gehen soll, wo böse Kobolde sich tummeln und uns mit eisigem Atem anhauchen. Sie suchen Dir zu schaden, und Du ahnst sie nichtda muss ich dann Wache halten."

"O Du bist gut!" sagte sie und drückte innig seine Hand. Er führte sie in ihre wohnung und suchte dann die seine auf. Zwei Tage später sagte Mengen auf der Terrasse zu Feldern: "Du wolltest mich ja der schönen weissen Statue vorstellen, die vorgestern hier zeichnete, Gräfin ... wie heisst sie?" "Obernau; eine Statue ist sie nicht; dafür aber heute früh auf mehre Monate verreist;" – entgegnete Feldern. "Schade!" sagte Graf Mengen; "aber sie wird wiederkommen, und dann! – Manche Menschen sehen so wunderbar aus, dass ich übers Gebirg klimmen würde oder auf die Turmspitze steigen, um ihnen wenigstens Einmal gründlich ins Antlitz zu sehen, und habe ich das getan, so vergesse ich sie nie."

"Dein Gesandter wird ja von der Badereise Tochter und Enkelin hieher bringen. Ob die junge person hübsch ist?"

"Sehr hübsch, nach einem Portrait zu urteilen, doch zu jung, um Eindruck zu machen."

"Und die Mutter?"

"Nicht mehr jung genug."

"Die diplomatische Laufbahn ist doch äusserst angenehm! Nicht nur, dass Ihr wie die Windrose für alle Weltgegenden und alle Classen der Gesellschaft eingerichtet seid: Ihr findet auch, wohin Ihr entsendet werdet, überall ein Haus, in dem Ihr zu haus seid wie in dem eigenen, ohne die Unbequemlichkeit, welche häufig mit letzterem verbunden ist."

"Der Soldat hat seine Kameraden, der Beamte seine Collegen, wasbeiläufig gesagtunbeschreiblich philisterhaft klingt; und beide haben ihre Chefs; ich sehe keinen besonderen Vorteil in unsern Verhältnissen, als höchstens den, dass unser Chef seinem einsamen Secretär ganz genau auf die Finger sehen kann. Ich bin zuweilen dieser Stellung überdrüssig zum Todtschiessen! Wäre Cäsar nicht gross durch sein Leben und seinen Tod, so wär' er es durch sein berühmtes Wort vom ersten und Zweiten."

"Wir arbeiten rottenweise in einem weit ärgern Joch, als das ist, worin Ihr einzeln arbeitet; also habt Ihr doch immer die grössere Chance für Euch, bald der Erste zu werden, und nicht in einem armseligen Dorf, sondern in irgend einer Weltstadt. Ich hätte mich auch gern der Diplomatie gewidmet, aber Rücksichten wiesen mich in eine andere Carriere, in der das Leben und die Gesellschaft geringere Ansprüche an uns machen."

"Du bist verlobt, hörte ich sagen ...." –

"Seit vier Jahren."

"Welche Geduld, mein lieber Feldern! – und Deine Braut lebt hier?"

"In der Nachbarschaft, auf dem landDu wirst sie kennen lernen."

"Ich würde mich auch gern verheiraten."

"Ah, das freut mich! Auch schon verlobt?"

"Nein," sagte Mario lächelnd, "und am wenigsten vier Jahr. Ein weibliches Wesen hat mir noch nicht den Wunsch eingeflösst, mich zu verheiraten, sondern aus der öden Oberflächlichkeit des Lebens möchte ich mir in dessen Tiefe eine Zuflucht bereiten, wo ich dem Gewirr unerreichbar bliebe, wo andre