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Ida Gräfin Hahn-Hahn

Gräfin Faustine

An Bystram

Seit fünf Monaten schmachte ich im zwiefachen Kerker der Blindheit und der Krankheit; seit fünf Monaten hast Du, unermüdlich über mir wachend, mich gepflegt und getröstet, mir Mut und Beruhigung zugesprochen, mir die Träne aus dem Auge und den Angstschweiss von der Stirn getrocknet, mir Dein Auge und Deine Hand geliehen. Dass ich nicht ganz in Verzweiflung, Stumpfsinn, Apatie untergegangen bin, danke ich Dir. Darum soll dies Buchdas freilich schon vor einem halben Jahr, bis auf die letzte Durchsicht, fertig war, dessen Herausgabe aber doch einen aufglimmenden Funken geistiger Regsamkeit mir verkündet: – darum soll es Deinen Namen wie ein Diadem an der Stirn tragen. Vielleicht ist er das Beste an dem ganzen buch. Tarand, 14. August 1840. In Norddeutschland gibt es wohl wenig lieblichere Punkte, als die Brühlsche Terrasse in Dresden zur Frühlingszeit. An einem Juniustage, frisch, grün und strahlend wie ein Smaragd, sassen mehre junge Männer vor dem Baldinischen Pavillon, rauchten Cigarren, nahmen Gefrornes oder Kaffee, musterten die Vorübergehenden und schwatzten eine Musterkarte von Unsinn durcheinander, wozu, wie sich von selbst versteht, Pferde, Teater und Frauen das Tema lieferten, – ein Tema, so lange und so oft gebrandschatzt, dass man schwer begreift, wie es noch immer zu neuen Variationen dienen könne.

Es war drei Uhr Nachmittags, und daher keine elegante Frau auf der Terrasse zu sehen. Sie speisten oder wollten speisen, und fürchteten die Hitze, die Sonne, obgleich sich kühler, grüner, wehender Schatten über die Terrasse legte. Desto mehr musste es auffallen, dass eine augenscheinlich dem höhern stand angehörende Frau allein auf einer Bank sass, den Rükken dem Pavillon zugewendet, ungestört von dem Geschwätz der Männer, und von dem unruhigen, jauchzenden Treiben der Kinder, welche mit und ohne Wärterinnen die Terrasse gleich Ameisen überdeckten. Aber es fiel Keinem auf. Sie musste also eine Erscheinung sein, die Jedermann kannte, und für die sich Niemand interessirte. Sie zeichnete emsig. Ein Bedienter stand wie eine Statue seitwärts hinter ihr und hielt einen Sonnenschirm so, dass weder ein blendender Lichtstrahl noch ein zitternder Schatten des Laubes Auge, Hand und Papier der Gebieterin treffen konnte. Ihr grosses, dunkles Auge flog mit einem schnellen, scharfen Aufschlag hin und her zwischen Gegend und Zeichnung, und die feine Hand, ohne Scheu vor der Luft, der grösseren Festigkeit wegen des Handschuhs entledigt, folgte gewandt dem blick. Sie war ganz in ihre Arbeit vertieft.

"Lady Geraldin ist heute nach Teplitz abgefahrendas ist meine letzte Neuigkeit," sagte ein junger Mann aus jener Gruppe.

"Ist gar keine Neuigkeit!" rief ein Anderer, "es war längst bestimmt."

"Aber auf morgen."

"Nein, auf heute."

"Wahrhaftig, auf morgen!"

"Kurz und gut, sie ist fort," sagte ein Dritter, "und bald wird Dresden ganz ausgestorben sein. Man muss sich auch davon machen. Es ist unerträglich, nichts als gemeine unbekannte Gesichter zu sehen."

"Ich liebe gerade die fremden Gesichter, welche wie Wandervögel jetzt hindurch und in die Bäder ziehen."

"Ah, fremde Gesichter! das ist etwas ganz Andres! die lieb' ich auch, und die kennt man sehr schnell. Ich meinte die unbekannten, die Nobody's, den Bodensatz der Gesellschaft, Namen, die man sich hundertmal wiederholen lässt, ohne im stand zu sein, sie zu behalten, Gestalten, die Anspruch darauf machen, gegrüsst zu werden, weil man sie in irgend einem Salon coudoyirt hatund von solchen wimmelt Dresden plötzlich, wie die Nacht von Gespenstern."

"Ich bedaure jeden, der gezwungen ist den Sommer hier zuzubringen."

"Und gestern Abend ist Graf Mengen angekommen. Der Gesandte hat nur darauf gewartet, um seine Badereise anzutretenso bleibt er denn solo soletti! – Freilich .... reiten kann man überall, und auch allein ist's amüsant."

"Beneidenswert! – Und wo werden Sie hingehen?"

"Unbestimmt noch! hie und da aufs Land, zu Freundenspäter nach Teplitz. Wenn Fürst Clary Wettrennen veranstalten wollte, wie sie doch jetzt in jedem civilisirten land Europa's, und ziemlich an jedem Ort, wo fashionable Gesellschaft sich zusammenfindet, Mode sind: so würde der dortige Aufentalt bedeutend gewinnen. Das Terrain wäre vortrefflich; die Wiener würden auch ihre Pferde schicken. Unbegreiflich, dass der Clary den Vorteil nicht einsieht."

"kennen Sie den Graf Mengen?" – wurde gefragt.

"Ich sah ihn heute' früh bei Feldern, seinem Universitätsfreunde, aber nur einen Augenblick. Wir wurden einander genanntdann ging er zu seinem Gesandten."

"Wie sieht er aus? hat er gute Manieren?"

"Ich denke, er muss pompös zu Pferd sitzen."

"Aber, lieber Centaur," rief Einer, "im Zimmer, im Salon kann man nicht zu Pferd sitzen, und muss sich doch präsentiren."

Der Centaur, der nichts Schmeichelhafteres kannte, als diesen Beinamen, sagte:

"Wer gut reitet, präsentirt sich überall und immer gut, hat Gewandteit, Kraft, Haltung, Ungezwungenheitkurz Alles, was ein Cavalier bedarf."

"Auch Verstand?"

"Auch Verstand! die Pferde sind kluge, schlaue, pfiffige, tückische