1840_Tieck_098_99.txt

nachdem die Ruhe scheinbar wiederhergestellt war, vom Tumult und Morde. "Jetzt hat der Heilige Vater", beschloss er, "alle Faktionen durch die Opfer besänftigt, die er den Empörern gebracht hat."

"O Luigi!" rief Vittoria aus, "dieser böse Geist, dieser Entsetzliche ist mir bekannt, und der Himmel wird es mir gewähren, dass ich sein Antlitz niemals wieder erblicke. In ihm ist Wut und Roheit verkörpert, und sein Wesen ist um so furchtbarer, weil er auch mit höflichem Gleissen den feinen Mann, den Galanten spielen kann. Wenn er am freundlichsten lacht, sinnt er auf das Abscheulichste."

"Ihr eifert zu sehr, schöne Frau", antwortete Vitelli, "dieser Luigi wird wohl, wie es bei den meisten Menschen der Fall ist, zu seinen Taten mehr durch die äussern Umstände, als durch seine innere Bosheit getrieben. Was die schlechten Menschen tun, darf man nicht immer ihrem Charakter zuschreiben. Wir sind einmal so in unsrer Schwachheit, dass wir vieles nicht unterlassen oder vermeiden können, wenn wir auch wollen. So, was jetzt der Heilige Vater und der verehrte Gouverneur haben tun müssen; sie beweinen den Schlag, zu welchem sie notgedrungen die Hand erheben. – Lebt wohl, der Papst hat mich rufen lassen."

"Mann!" rief Vittoria geängstigt – "nach allem, was Ihr mir eben erzählt habt, nach diesen kürzlich verübten Greueln, werdet Ihr Euch doch nicht in den Strassen von Rom sehen lassen wollen? Lasst Euch warnen, Freund. Nein, Ihr geht heute nicht aus, der Papst wird Eure Entschuldigung annehmen, und der Gouverneur sollte es Euch verbieten, heute einen Fuss aus dem Kastell zu setzen."

Vitelli lächelte und sagte: "Weiberfurcht!"

"So seid ihr Männer", antwortete sie, "alle seid ihr so; – als wenn wir Frauen nur Wesen der Furcht und Bildnisse der Angst wären! Es gibt ein Zagen, das ebenso weise, als männlich ist: Tollkühnheit und Leichtsinn muss man nicht mit dem Namen Mut stempeln wollen. Bleibt heute in Euern Zimmern, wenn ich nicht Todesangst um Euch erdulden soll: denn ich sehe einen schwarzen, tückischen Geist hinter Euch stehen, welcher grinset und hohnlacht." –

"Glücklich", antwortete der junge Mann, "dass Ihr so warmen Anteil an meinem Schicksale nehmt."

"O keine Phrasen!" rief sie aus; "zu dergleichen ist die Zeit allzu ernst. Wenn ich mir Euer sanftes Antlitz, Euer edles weiches Wesen diesem Luigi und seinen wilden Genossen gegenüber denke! Bleibt, mein Freund, wir wollen lesen und musizieren, Ihr habt dies Befreite Jerusalem, wie wir es nun einmal besitzen, noch nicht zu Ende gelesen. Seid nicht halsstarrig aus einer missverstandenen Männlichkeit."

Vitelli lächelte wieder, küsste ihr zärtlich die Hand und hüpfte zur Tür. "Auf Wiedersehn!" rief er zurück.

"Sie können nicht ernstaft sein, diese Männer", sagte Vittoria zu sich: "uns gegenüber soll immer Liebe und Zärtlichkeit gespielt werden, auch in Momenten, wo es völlig unziemlich ist. Auch das gehört zu den Drangsalen von uns armen Weibern, dass wir keinen echten, unbestochenen Freund unter den Männern finden können. Diese scheinbare Vergötterung, in demselben Augenblick, wo sie uns geringe achten. So dieser sanfte, liebenswürdige Vitelli. Für den Posten, der ihm von Vater und Grossvater anvertraut ist, müsste er etwas mehr von einem Helden haben. Es gäbe keinen männlichen, echten Freund, so sagte ich eben? – o du guter, getreuer Caporale, wie muss ich bei dir abbitten!" –

Vitelli fuhr zum Papst, um dessen Befehle zu empfangen. Man wollte, da die Stadt wieder ruhig war, gegen die Banditen auf dem land, die ganze Städte eingeäschert hatten, mit Strenge verfahren. Nur war es bedenklich, dass nach diesem Tumulte kein Barigell und Häscher in den Provinzen sich wollte gebrauchen lassen: in der Stadt waren sie für diesen Augenblick alle vertilgt, und es war zu fürchten, dass sich neue zu diesem gefahrvollen Dienst schwerlich würden anwerben lassen. Man ratschlagte, ob nicht Banditen, denen man unbedingte Amnestie gewährte, am besten zu gebrauchen wären, um die Ruhe einigermassen wiederherzustellen. Doch erschien dieser Versuch auch wieder allzu misslich, weil sich dadurch die Regierung völlig in ihre hände lieferte. Im äussersten Falle musste man sich auf die bewaffneten Haufen, auf die Soldaten und selbst die wenigen Schweizer, sowie auf die Freiwilligen verlassen, die bei dringender Gefahr aufgerufen wurden.

Der Papst sagte endlich dem geliebten Vitelli Lebewohl. Er trat an das Fenster, um ihm nachzusehn. Vitelli bestieg seinen kleinen offenen Wagen, und grüsste noch einmal ehrerbietig zum Palast hinauf. Indem trat über den Platz Luigi Orsini mit seinem abscheulichen Begleiter, dem Grafen Pignatello, auf das Fuhrwerk zu. Dieser Pignatello trug wieder ein solches schwarzes Wams und den Federhut, wie ihn früher Pepoli im Gebirge gesehen hatte. Seit einiger Zeit war er Orsinis Herzensfreund geworden, und liess sich von diesem zu den verruchtesten Diensten gebrauchen. Vitelli wurde blass, als er des Luigi ansichtig wurde, doch befahl er seinem Stallmeister, diesen beiden sorglos aber schnell vorüberzufahren. In demselben Augenblick aber schrie Orsini: "Halt!" und griff in den Zügel, so dass das Pferd stillstand. Zugleich erschallte ein Schuss, und Vitelli stürzte, von dem Pistol des Pignatello getroffen,