mehr Mut bekommen hatte und der durch den strengen Befehl des Governador, wie des Papstes, bevollmächtigt war, drang mit seinen Häschern in das Haus, um die Flüchtlinge zu fordern und in das Gefängnis zu führen. Der Graf war abwesend und mit einigen Freunden auf einem Spazierritt begriffen. Die Diener weigerten sich, die Banditen herauszugeben und beriefen sich auf das Recht des Asyls und die Unverletzlichkeit des Hauses. Der Anführer widersprach, das Recht sei längst aufgehoben und vernichtet, und kein Mensch dürfe sich seiner rechtmässigen Obrigkeit widersetzen. Während dieses Streites und Zankes kam Graf Raimund mit seinen Genossen vom Spazierritt zurück. Der junge Mann war nicht ganz so wild und ungestüm, wie sein Bruder, Luigi, aber nicht minder stolz und hochfahrend, auf seinen Adel und die Hoheit seines Blutes eitel, und unfähig eine Beleidigung, oder was er die Verletzung seiner Rechte nannte, zu erdulden. Er erstaunte, den Obristen der Häscher mit seinem Gefolge in seinem haus zu finden. Er zwang sich erst höflich zu sein, und erkundigte sich nach der Ursache dieses Besuchs. Der Barigell antwortete dass er auf allerhöchsten Befehl verschiedene Banditen verlange die der Graf ihm ausliefern möge.
"Ich erstaune, Mann, über Eure Dreistigkeit", rief Graf Raimund: "habt Ihr vergessen, wem dieser Palast gehört, und wer ich bin? Dürft Ihr mein angebornes Recht so frech verletzen, und mit diesen Euren saubern Gesellen über die Schwelle meines Hauses schreiten?"
"Herr Graf", rief ihm Bozela entgegen, "mein und Euer Gebieter ist der erlauchte Governador, von Seiner päpstlichen Heiligkeit gar nicht einmal zu sprechen. Auf deren ausdrücklichen Befehl bin ich hier, und so wie ich diesen allerhöchsten Gewalten Gehorsam leisten muss, werdet Ihr es auch."
"Welche neue, nie erhörte Sprache!" rief der erbitterte Graf. "Woher diese Frechheit? Ich befehle Euch, augenblicks mein Haus zu räumen, und jene beiden Gefangenen sogleich in Freiheit zu setzen, wenn Ihr nicht meinen Zorn und Eure Züchtigung erfahren wollt."
"Züchtigung?" schrie jetzt im Jähzorn Bozela. "Wer seid Ihr denn eigentlich, Ihr kleines Männchen, dass Ihr also sprechen dürft?"
Jetzt machte sich der eine Begleiter des Grafen, Rusticucci, auch ein junger Mann, herbei, sowie der dritte, Graf Savelli, ein Schwager Raimunds. Sie waren besorgt, dass Orsini sich in seinem Zorn vergessen könnte und ritten jetzt ganz nahe zu ihrem Freunde heran.
"Männchen?" schrie Raimund erbost, "wenn ich jetzt meinen Dienern dort befehle, Euch zu züchtigen, Unverschämter, so bekommt Ihr nur, was Euch gebührt. Dankt es meiner Mässigung und Grossmut, dass es nicht geschieht, weil Ihr meinem Zorne zu niedrig seid."
Rusticucci wollte vermitteln, Savelli riet abzusteigen, aber schon hatte sich das Volk bei dem lauten Gezänk versammelt, und drängte sich an das Haus; die Diener, die sich im Palast befanden, waren durch die Häscher abgeschnitten von ihren Herren, und konnten nicht durchdringen, um diesen beim Absteigen zu helfen. So schrie jetzt alles durcheinander, und im Volksgedränge bemerkte man den alten gebrechlichen Montalto, der sich vergeblich bestrebte, die freie Strasse zu gewinnen, um zur Kirche, die er besuchen wollte, hinzulenken. Nun hatte der Barigello auch schon alle Fassung verloren und schrie mit seiner donnernden stimme: "Ihr, der Herr Raimund? Grossmütig? Elender Wicht! Ihr seid selber ebenso schlimm, wie jenes Gesindel, denn Ihr beschirmt diese Räuber und Mörder, Ihr zieht Vorteil von diesen Landflüchtigen, Ihr seid ein Empörer und Rebell gegen Eure Obrigkeit und unsern Heiligsten Vater, und wenn ich wollte, so könnte ich Euch selber als Gefangenen in den Kerker werfen, und wenn ich es jetzt nicht tue, so bin ich, als Amtsverwalter der Grossmütige gegen Euch!"
"Nichtswürdiger Hund! Bestie!" schrie der Graf, von Wut ganz ausser sich: "die Kanaille will wie ein Prinz reden."
Und mit diesen Worten holte er mit der Reitpeitsche aus, und schlug von oben dem nahe stehenden Barigello so heftig über das Antlitz, dass dieser im ersten Augenblick glaubte, blind zu sein. Als der plötzlich reissende Schmerz, der ihn betäubt hatte, entwichen war, sah er sich nach seinen Leuten um, winkte, und auf dies früher verabredete Zeichen donnerten zehn Schüsse aus den scharf geladenen Doppelhaken. Ein Schuss ging dicht dem Kardinal Montalto vorüber; entsetzt sprang das Volk auf die Seite, die Strasse ward für den Augenblick frei. Der junge Rusticucci lag, aus der Brust blutend, seinem Rosse hintenüber, er griff ohnmächtig mit den Händen auf die Steine, als wenn er sich aufrichten wollte, das Pferd schlug hinten aus, sprang seitwärts und schleppte ihn eine Strecke über das Pflaster, bis er als Leiche niederfiel. Graf Raimund war totenbleich, er blutete stark, auch in die Brust getroffen, seine Leute hoben ihn vom Ross und trugen den Ohnmächtigen nach seinem Zimmer, andere Diener rannten nach Ärzten. Savelli hing über den Hals seines Pferdes vorn, er nannte wimmernd den Namen seines Schwagers, Luigi Orsini; ein Stallmeister empfing ihn in seinen Armen, und da er ebenfalls ohne Besinnung war, ward er auch, indem er viel Blut verlor, in den Palast getragen.
Ein stummes Entsetzen hatte sich des Volkes bemächtigt. Aber, sosehr diese geringen Menschen vom Adel waren gequält und misshandelt worden, so betrachteten sie doch mit Grauen