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Befangensten einzuleuchten, dass nur die Tugend so stolz und dreist sprechen könne. Man vermutete, dass ein andres, schlimmeres Geheimnis hinter diesem laure. Man sah, wie still und verlegen, fast demütig, der grossherzige Kardinal Farnese war, der in seiner triumphierenden Schadenfreude erst dieses Verhör am eifrigsten gefordert hatte. Auch dem nicht Scharfsichtigen fielen jetzt die Widersprüche in der sonderbaren Anklage auf und alle waren still und sahen vor sich nieder. Man wusste ja, wie oft Zeugen oder Verbrechern Worte in den Mund gelegt wurden, um ihnen auf diesem Wege ihre Verzeihung zu erleichtern, um irgendeinem Gegner zu schaden. War doch auch der elende Mancini, der auf der scharfen Folter alles sollte ausgesagt haben, schon freigelassen, man hatte ihn nur verwarnt, das römische Gebiet bei Todesstrafe niemals wieder zu betreten. Wusste man denn die Summe, die er vielleicht von jenen erhalten hatte, denen seine Entfernung notwendig war? Valentinis Selbstanklage hatte noch weniger zu bedeuten.

Ohne dass es mit einer Silbe ausgesprochen wurde, hatte Vittoria schon einen vollständigen Sieg erfochten, worüber der Engländer entzückt war, den die schöne grosse Frau und ihre heroische Entschlossenheit begeistert hatte. Jetzt erhob sich der stolze Bracciano und wendete sich, nachdem er alle durch eine Verbeugung begrüsst hatte, an den Kardinal Farnese, der sich die Miene gab, als wenn er tiefsinnig in seinem Gedenkbuch etwas Wichtiges einzeichnete.

"Ihr, verehrter Freund", sprach Bracciano mit lauter stimme, "werdet also, wie die edle Witwe wünscht, ihre Tugend und Unschuld am besten und kräftigsten bezeugen können. Soll Euer Stillschweigen nicht für Lossprechung gelten, oder verlangt der Heilige Vater und das Kollegium der Kardinäle die Fortsetzung des Prozesses, so erkläre ich hiermit, dass ich imstande bin, den wahren Mörder anzuzeigen, was ich auch gewiss tun werde, wenn man mich zum Äussersten zwingt. Aber zum Äussersten, ich wiederhole es, werde ich dann getrieben. Alle meine Macht, Mannschaft, mein Ansehn, meine Reichtümer, meinen Einfluss werde ich dann rücksichtslos daran strecken, mit meinem Gut und Blut eine verleumdete Unschuld zu verteidigen und zu erretten. Es komme dann, was kommen mag, und meine Gegner mögen sich dann selber die möglichen Folgen zuschreiben. Dann eröffne ich aber zugleich, wie und wo ich es erfahren habe, wozu dieser arme Peretti von einem grossen, mächtigen mann gemissbraucht werden sollte; wird dies weltkundig, so steht es dahin, ob noch irgend jemand, selbst der edle Oheim, das Schicksal des Unglücklichen sonderlich bedauern würde."

Alle verstummten, und sahen nach Farnese, der heftig in sich kämpfte, seine Fassung nicht völlig zu verlieren. Er war vernichtet, denn was Vittorias Rede nur angedeutet, sprach der Herzog deutlich aus: dass er selbst in jener Nacht die schändliche Abrede angehört hatte. Mit einem stolzen Gruss wendete sich Bracciano nach der Tür. Einer der Schreiber eilte ihm nach und sagte demütig: "Exzellenz, Ihr habt Euern Mantel vergessen"; er machte Miene, ihn herbeizuholen. "Kind", sagte der stolze Mann, "was kümmert dich das? Lass liegen, ich bin es nicht gewohnt, die Stühle, auf denen ich sitze, mit mir zu nehmen." – So verliess er den Saal. –

Jetzt erhob sich Farnese, und sagte, indem er die Versammlung eilig verliess: "Ich bin in meinem Gewissen gezwungen, alles das zu bestätigen, was der edle Herzog oder die verständige, tugendhafte Witwe selbst ausgesagt haben, ich halte sie für völlig unschuldig, und erkläre, dass wir durch falsche Angeber sind getäuscht worden."

Der Medicäer erhob sich hierauf und sprach: "Vittoria Accorombona, verwitwete Peretti, wir sprechen Euch hiermit jedes Verdachtes an dem Morde des Gemahls frei, los und ledig. Aber in dieser unruhigen Zeit, verfolgt von mächtigen Feinden, wie Ihr es seid, bedrängt von gewalttätigen Bewerbern, die, wie Ihr selber wisst und ausgesagt habt, keine Mittel scheuen, selbst die schrecklichen nicht, ist es unsre Pflicht, Euch auf einige Zeit von der Welt abzusondern, um Euch Sicherheit zu gewähren. Dass Euer kleines Haus Euch diese nicht verleiht, dass es nicht ziemlich ist, länger im Palast des Herzoges zu verweilen, muss Eurem hohen verstand selber einleuchten. Der Governador in eigner hoher person, der Neffe und weltliche Stellvertreter unsers Heiligen Vaters, hat Euch die Ehre erwiesen, Euch hierherzuführen, er wird Euch gleichfalls zurückbegleiten, und Euch einen teil seiner eignen wohnung, zum Schutz, in Castell Angelo anweisen. Nicht als Gefängnis bezieht Ihr diese Burg, sondern als wahres Asyl, um Euch wie vor Verleumdung, so auch vor persönlichen Angriffen zu schützen. Der Heilige Vater wird sich auch erweichen lassen, und Euch die völlige ungehemmte Freiheit wiedergewähren, die Ihr scheinbar nur auf einige Zeit verliert, wenn sich alle diese ungestümen Wogen verlaufen haben."

Im Vorsaal empfing der Governador die Losgesprochene und führte sie nach der Engelsburg, wo sie mehrere Zimmer bewohnen sollte, um weder Bracciano, noch andre ihrer Freunde oder Feinde auf einige Zeit zu sehen.

Als im Palast der Medicäer der Kardinal Fernando und der Ritter Carre angekommen waren, sagte der letztere: "Diese herrliche Frau sollte die Königin eines grossen Reiches sein."

"Man sagt", erwiderte der Medicäer, "dass sie sich schon jetzt mit Bracciano verlobt habe. Sei sie übrigens unschuldig, so darf doch unsre Familie diese unkluge Ehe nicht zugeben, damit die rechtmässigen Kinder nicht