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Versammlung den tugendhaften Montalto zu vermissen, dem ich vertraue, der mich einst liebte, in dessen Gegenwart, von seinem blick befeuert, es mir noch leichter sein würde, alle diese leeren gehaltlosen Anklagen niederzuschlagen, und diese Verleumdung wie Staub von mir zu schütteln. Meine ehrwürdige, tugendhafte Mutter, die ihr ganzes Leben nur ihren geliebten Kindern zum Opfer gebracht hat, die von allen Freunden und Bekannten verehrt wurde, diese eine Mörderin? Und wofür? Weshalb? Hat sie je Rang und Grösse auf niedrige, oder gar schändliche Weise zu erringen gesucht? Ihr ganzes Leben mit allen seinen Aufopferungen spricht für das Gegenteil. Ich darf wohl daran erinnern, denn die Sache ist ja stadtkundig, wie weder ich noch sie den Bewerbungen jenes jungen, reichen und mächtigen Luigi, der sich sogar Gewalttätigkeiten erlauben wollte, nachgab oder entgegenkam. War es uns denn um Glanz und Reichtum zu tun, so wurde er uns ja hier gewissermassen aufgedrungen. Der grosse ehrwürdige Kardinal Farnese hat meine tugendhafte Mutter seit vielen Jahren gekannt, ja ich darf es sagen, ohne seine Würde zu kränken, er ist immerdar ihr wahrer Freund gewesen, und hat es niemals an Beweisen der achtung und des Vertrauens fehlen lassen. Er mag jetzt dreist und entschlossen sagen, ob er diese abgeschmackte Anklage auch nur für möglich hält. – Ja, ich nenne sie abgeschmackt, und die hohe Versammlung verzeihe mir diesen Ausdruck, denn ich finde kein andres Wort für diese unzusammenhängenden, sich widersprechenden Aussagen. Sei es, ich liebte Peretti nicht; – weiss denn der fromme, tugendhafte Borromäus, oder der hohe Medicäer, ob ich irgend ursache hatte, diesen Mann zu lieben? Hat er mich geliebt? War er ein treuer Ehegatte? Hat er mich nicht vielleicht tödlich verletzt und beleidigt? Doch ich will nicht anklagen, wenn ich auch meinen Wandel nicht zu rechtfertigen brauche. – Mein unglücklicher Bruder Marcelloja dieser ist das Unglück, der wahre Schmerz meines Lebenswenn er mit den Mördern, wie es scheint, in Verbindung war, wenn er sie vielleicht führteso ist es doch unbegreiflich, wie auf ein dunkles Wort von ihm, Peretti so wahnsinnig sein konnte, nach dem Ort der Bestimmung zu eilen. Er muss diesem Marcello also doch unbedingt vertraut haben, er muss sein Herzensfreund, sein Verbündeter, wer weiss zu welcher Freveltat gewesen sein. Und ich, die ich erst spät erfuhr, die ich mich entsetzte, als ich es vernahm, dass Marcello von Peretti oft in unserm haus versteckt gewesen sei: ich soll gegen meine Ehre, Wohlfahrt und Leben ein solches Komplott geleitet haben? – Ja, ich bekenne offen und laut: verwünscht habe ich diesen Peretti, als er in jener furchtbaren Nacht, trotz aller Bitten und Warnungen von uns eilte, als meine ehrwürdige Mutter, wie wahnsinnig vor Schmerz, weinend und schluchzend seine Knie umfasste und er sie zurückstiess. – Man stelle doch diesen elenden, verächtlichen Mancini mir gegenüber, er wiederhole, Auge im Auge mir, jene furchtbare Anklageich weiss, ich behaupte es, er wird vor meinem blick zuschanden werden, der Verächtliche, er wird meine Anrede und Frage nicht ertragen können. Man rufe den Valentini herbei, der jenen Brief soll geschrieben haben. Und dannwenn ich denn dahin gezwungen werdewerde ich auch statt Abbitte und Bekenntnis eine Anklage anregen können, die vielleicht den Dreistesten und Übermütigsten, der sich so sicher dünkt, in Verwirrung, ja Betäubung versetzen möchte. Ich habe erfahren, was in jener Nacht vorfiel, als der arme, berauschte Peretti in sein Haus früher von jenem Festino zurückkehrte, als er uns gesagt hatte; vielleicht lässt es sich wahrscheinlich machen, dass diese Nacht das Vorspiel zu jener trübseligen war, die wir alle beklagen." –

Die letzten Worte hatte sie an den Kardinal Farnese gerichtet, jetzt ging sie ganz nahe zu ihm, und sah ihn fest mit jenem durchbohrenden Blicke an, dessen Feuer noch niemand hatte ertragen können. Der Alte ward sichtlich verwirrt, er erblasste, er wollte sich zusammenfassen, und man bemerkte das Zittern seiner hände. Borromäus und Medici, als aufmerksame Beobachter, sahen alles und errieten noch mehr; sie ahneten jetzt, dass die traurige Begebenheit ganz anders zusammenhänge, als man ihnen hatte vorspiegeln wollen. Borromäus ward sogar beschämt, und der Medicäer beschloss, die Sache so zu wenden, wie er es schon vor der Sitzung bedacht hatte, die nicht stattgefunden, wenn der fromme erzürnte Papst nicht mit zu grossem Ernst sie verlangt hätte.

"Und meine Lebensweise", fing Vittoria wieder an: "also soll es verdächtig, tadelnswürdig sein, sich mit Poesie und Philosophie zu beschäftigen? Mit Fremden, einem Tasso, Caporale und berühmten, edlen Männern, wie dem ernsten Greise Sperone, zu verkehren? Ärgerliche gespräche? Wen haben sie geärgert?

War dies alles doch die einzige Ursache, wie er es selber hundertmal erklärt hat, dass der grosse Farnese unsre Familie so fleissig besuchte. Sind denn etwa geschminkte oder berüchtigte Buhlerinnen zu uns gekommen, wie es doch an so manchen Höfen geschieht, die dort geduldet, ja bewundert werden, die herrschen dürfen, – So mag nach meiner Rechtfertigung, die ich, wenn ich muss, noch viel bestimmter aussprechen kann, die Versammlung über mich beschliessen."

Es war nicht zu verkennen, dass alle in Verlegenheit waren, denn sie hatten einen ganz andern Ausgang erwartet. Es schien auch dem