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Besucherin hin, die sogleich redselig die Grüsse ihrer herrschaft hersagte, und sich dann erkundigte, warum denn der junge, liebenswürdige Mattei noch nicht wieder gekommen sei, um die herzlichsten Danksagungen der ganzen Familie zu empfangen.

"Setzt Euch, alte person, ruht Euch aus", sagte der Priester; "das Schwatzen muss Euch sehr müde machen. Mein Neffe, Gott tröste ihn, ist krank. Die junge fröhliche Dame ist, wie ich höre, mit weniger selbst als einem blauen Auge davongekommen. So geht es immer mit den Vornehmen und Reichen: wir armes Gesindel müssen alles ausbaden und den Schaden bezahlen. Das wasser hat meinem jungen Bengel nicht geschadet, aber beim Hineinspringen ist er so heftig auf die spitzen Steine aufgeschlagen, dass rücken, Rippen, Hüften, alles ein Schmerz ist. Er hat Beulen und ist so blau gefärbt und angelaufen wie der damaszierte Stahl. – Das wisst Ihr doch von Eurer Jugend her, aus der Naturgeschichte, Ihr altes Kind, dass Steine nicht so weich sind, wie das wasser?"

"Lieber Himmel, nein", sagte Ursula, "das habe ich noch nicht vergessen. Ich habe alle meine Herrschaften aufgesäugt, sonst wäre meine gnädige Signora Julia auch wohl nicht so schön geblieben, und alle die Kinder, vorzüglich aber das älteste, der Herr Abbate, mögen mir vielen Verstand und Einsicht, auch Gedächtnis weggesogen haben, womit sie nun in der Welt prunken und aufsehen erregen, aber diese Kenntnis und Einsicht ist mir doch geblieben. Ja, ehrwürdiger Herr, Steine sind in der Regel hart, aber auf verschiedene Art, nach seiner Temperatur ein jeder; aber darauf hinstürzen, ist keinem Körper gesund. Sonst hätten die bösen Juden den heiligen Stephanus gar nicht steinigen können, wenn in den Kieseln nicht eine gewisse Harte wäre."

"Eure Kenntnis wandelt auf dem ganz richtigen Wege", fuhr der Priester fort; "man freut sich, mit Menschen von Geist und Erfahrung Bekanntschaft zu machen, denn die Welt verdummt immer mehr. Aber meinen Neffen, den haben die Herrschaften, so scheint es mir, verbraucht, denn wenn er auch wiederaufkommen sollte, wird er doch zeitlebens ein Narr bleiben. Da phantasiert und tollt er auf seinem Lager herum, und spricht von den alten heidnischen Göttern, von denen er wenigstens ein Dutzend, so schreit er es aus, da unten im Wasserfall, kennengelernt hat. Dann sagt er zur Abwechselung, er sei selbst eine von den alten Gotteiten, und Euer hochgewachsenes fräulein habe ihn dazu gestempelt. Er meint in seiner philosophischen Raserei, er hätte sich eigentlich, wenn er Menschenverstand gehabt hätte, neulich umbringen sollen, und die überweise Vittoria zugleich mit, so würden die beiden jetzt in den elysischen Gärten spazierengehn, und die reifsten und süssesten Maulaffenbeeren von den Bäumen herunternaschen. Von der Religion will er nun gar nichts wissen, weil er meint, die könne ihm zu seinem künftigen Fortkommen in der Hölle doch von keinem sonderlichen Nutzen sein, denn Herr Pluto und dessen unterirdische Richter examinierten die Kandidaten nach einem gar andern Katechismus. Kurz, der Bursche ist mir und der ganzen Christenheit dermalen verdorben, und das hat einzig Eure superkluge herrschaft: zu verantworten, die das junge Blut als einen Pudelhund mit sich nahm, um verlornen Hochmut aus dem wasser wieder heraufzuholen. Ich habe sogleich den Apoteker müssen kommen lassen, der ihn bepflasterte, und ihm Latwergen und Tränke und Tropfen mitgebracht hat, die ich armer Gesell aus meiner knappen Wirtschaft nun alle bezahlen muss; alles bittres, verfluchtes, niederträchtiges Zeugs, wo sie mir noch viel Geldes dazugeben müssten, wenn ich sollte überredet werden, das gottlose Höllengesöff hinterzuschlucken. Der einzige greifliche Vorteil bei der ganzen verfluchten geschichte ist, dass das dumme Lammsgesicht in den ersten zehn Jahren nicht wieder braucht geprügelt zu werden, weil ihm rücken und Rippen von der remarkablen geschichte beinah zerquetscht und zertrümmert sind."

"Geistlicher Herr", sagte Ursula, "Ihr beliebt so klug und so quatsch durcheinanderzusprechen, dass es fast unmöglich ist, Eure Meinung zu kapieren. Wenigstens macht Ihr es den Laien ziemlich schwer."

"Nun, so seht Euch die Bescherung selbst an", sagte der Geistliche, "wenn Ihr Euch aus meiner Legende nicht zu vernehmen wisst."

Sie gingen in die kammer, wo der Kranke sich unruhig auf seinem schlechten Lager wälzte. Seine Augen glühten, und als die beiden eintraten, rief er ihnen entgegen: "Teuerster Monsignore Charon, bringt er sie jetzt herüber, meine längst angetraute Gemahlin, die Dame Vittoria? Ei was! Ist sie schon seit den kurzen dreihundert Jahren so sehr gealtert, wie muss ich dann erst aussehn, der ich schon vor meiner Geburt ein alter Kerl war? – Wie? Runzeln in dem braunen Gesicht? Warum gerade so? Kann das Alter denn nicht bloss ehrwürdig erscheinen, warum muss es gerade lächerlich sein?"

"Nein, nein, junges Blut", rief Ursula unwillig aus; "ich bin nicht die herrschaft, ich bin die Amme, die sie grossgesäugt hat, darum lasst Eure Pasquinaden und wendet Euch an Gott, damit er Euch gesund mache und Euren verfallenen Verstand wiederherstelle."

"Ihr habt sie mit Eurem Blut, mit Eurer Milch, mit Euren Lebenskräften gesäugt?" rief der Kranke; "kommt näher, Musterbild aller Schönheit, denn auf die Weise hat sie ja nur von Euch ihre Vollkommenheiten. Ehe sie selber war,