Wohltäter erwies, den ich damals vom tod rettete, um den ich mein Gefühl des Rechtes unterdrückte, mir bittere Vorwürfe im Gewissen seinetalb machte – nun ja, nun hat er es mir vergolten, und ich muss mir in meinem stillen inneren sagen: dass mir recht geschieht, dass der Himmel so meine sündliche Nachgiebigkeit bestraft; freilich schwer, hart; – so wird mir meine Liebe, mein Mitleiden vergolten, dass ich einmal der Rührung meines Herzens, den weinenden Klagen einer Mutter nachgegeben." – Er weinte bitterlich und legte sein Haupt zwischen den Armen auf den Tisch, auf welchem viele Papiere lagen, die er noch nicht angesehen hatte.
Als er sich am Weinen gesättigt, sass er aufrecht, um dem Papst den Vortrag über wichtige Geschäfte halten zu können. So trafen ihn in seiner Ruhe mit trocknem und festen blick bei der Arbeit, die ihn besuchenden Kardinäle. Der Medicäer war sehr gerührt und Borromäus konnte ihn nur, von Tränen unterbrochen, begrüssen. Diese und andre Kardinäle bewunderten seine Standhaftigkeit und Ergebung in den Willen des Schicksals. fest und ungebeugt trat Montalto in die Versammlung der Kardinäle, gefasst und scheinbar ruhig: Freund und Feind begrüssten ihn dort mit der herzlichsten Rührung, viele reichten ihm die Hand, und keiner war, der ihm nicht seine aufrichtige Teilnahme bewiesen hätte. Selbst Farnese und die Partei, die sich bis dahin immer die Miene gegeben hatte, ihn zu verachten, äusserte ihre Verehrung und Bewunderung über diese, wie sie sagten, mehr als menschliche Fassung.
Als Montalto in das Zimmer des Papstes trat, ging ihm der alte Gregor entgegen, drückte ihm die Hand und weinte herzlich. "Wir wollen", sagte er dann, "diesen abscheulichen Meuchelmord mit der grössten Strenge und Gründlichkeit untersuchen, und seid versichert, alter bewährter Freund, der Schuldige, mag er auch sein, wer er will, soll zu Eurer Genugtuung furchtbar bestraft werden."
"Heiligster Vater", erwiderte Montalto erschüttert, "wenn mein Wort etwas gilt und meine Bitte, so lassen wir diese traurige geschichte völlig ruhn, und übergeben sie, wo möglich, der Vergessenheit. Ich mag nicht die Veranlassung geben, dass neue Händel und Verwirrungen entstehn, unvermutete Entdeckungen, die die jetzigen Faktionen verstärken und andere erschaffen könnten. Lassen wir dem Herrn die Strafe, der mir nach seiner Weisheit und Liebe diesen Kummer in meinem Alter gesendet hat."
"Der Papst sah den Redenden mit einem grossen, verwunderten Blicke an. – Sie gingen zu den Geschäften über, und als diese geendigt waren, und andere Kardinäle eintraten, sagte er zu einigen von diesen: Dieser Montalto ist ein ebenso grosser als kluger Mann: sein unerschütterlicher Gleichmut verdient die allerhöchste Bewunderung."
So gingen einige Tage vorüber, Peretti war, nach dem Wunsche seines Oheims, mit wenigem Pomp, um das aufsehen nicht zu verstärken, beerdiget worden. Eine stille dumpfe Trauer herrschte in der Familie Accoromboni; sie nahmen nicht alle Besuche an, welche ihnen von Teilnehmenden gemacht wurden, viele aber, die sich bisher laut genug zu den Freunden des Hauses gerechnet hatten, blieben aus, so wie der Kardinal Farnese; manche gaben nur schriftlich ihre trauernde Begrüssung ab, und Bracciano war bei einem kurzen Besuche so erschüttert, dass er sich bald wieder entfernen musste, und Vittoria keine Beruhigung von ihm empfangen konnte.
Diese war endlich durch das Übermass der vielen, sie bestürmenden Gefühle, völlig aufgelöst. Ihre Nächte waren schlaflos, die Nahrung stärkte und erquickte sie nicht, und so, nach einem kurzen Fieberzustande sank sie in eine stumpfe Bewusstlosigkeit. Sie war nicht mehr fähig, ihr Schicksal zu überdenken, sich aller Umstände zu erinnern, die sie so nach und nach in diese abscheuliche Lage geworfen hatten. Diese gewaltsame Wendung ihres Lebens hatte sie so plötzlich überrascht, dass sie noch keines freien Entschlusses fähig war. Ihr Gemüt, das sie für so reich gehalten hatte, schien ihr nun völlig verarmt: sie sah mit Entsetzen in diese innere Leere, und begriff nicht, wohin alle diese Kräfte entschwunden waren, die ihr sonst immer Halt gegeben, die Gefühle, von denen sie in allen Lagen, selbst in der Verzweiflung Trost empfangen hatte.
"Wozu", rief sie in nächtlicher Einsamkeit in ihrem starren Unmut auf, "habe ich mich denn immer für besser als viele andre gehalten, wenn jetzt der Brunnen des Lebens so völlig in mir versiegt? – Ich glaubte ja immer von den Musen begünstigt zu sein, und mich in unmittelbarer Berührung mit göttlichen Kräften zu befinden; warum gestatte ich denn nun der toten kalten Erde die herrschaft über meinen Geist, und rufe nicht jene Bundesgenossen zu hülfe, die mir in Stunden des Übermutes fröhlich und lächelnd beistanden?"
Sie setzte sich nieder, tat einige Griffe auf ihrer Laute und schrieb dann ein Gedicht in Terzinen, dessen Inhalt ungefähr folgender war:
Ernst und Trauer des Lebens.
Vielleicht sagt man mit Recht, wir seien alle verbannte Geister, die, unwürdig ihres höheren Glückes, sich auflehnend gegen die Liebe, in den Zustand versenkt wurden, der mit dem tod verwandt ist und den wir Menschen unser Leben nennen.
So wachsen denn, gedeihen wir, und unsere Jugend ist ein Traum, der in uns webt. Rosengewölk vor dem Aufgang der ersten heissen Sonne.
Nun, da wir jagdfähig sind, treten die Dämonen mit Weidmannsgerät in das Revier, die Hunde von der Leine los, jagen kläffend den armen Hirsch,