– 'Solange ich meiner Vernunft mächtig bin, niemals!' rief ich ihm entgegen! Ich hätte aber wohl fühlen können, dass ich jetzt und seit lange schon vom Unsinn befangen sei. – Federigo war jetzt auch in Verzweiflung, und unter Tränen und demütigem Flehen schwur er mir, dass, wenn ich jede Hoffnung für alle zeiten ihm raubte, er sich vor meinen Augen ermorden würde. – Ich lachte höhnisch über dieses Wort, und erwiderte ihm, wie das die abgenutzte Phrase, die veraltete Drohung aller verschmähten Liebhaber sei, und dass dergleichen Aberwitz mein festes Herz am allerwenigsten rühren könne. – Plötzlich aber stiess er, zu meinem Entsetzen, sich einen grossen Dolch in die Brust, und sank zugleich blutend zu meinen Füssen nieder. – Ich war so bestürzt, gerührt und ausser Fassung, dass ich erst nach einiger Zeit um hülfe rufen konnte, um die Wunde, welche tödlich schien, verbinden zu lassen. Zum Glück war ein durchreisender Arzt im haus, der aber für das Leben des Ohnmächtigen nicht einstehn wollte. Um die Verwirrung zu erhöhen, kam mein Vater an, in Wut, denn sein Stolz war auf das empfindlichste gekränkt worden.
So von allen Leidenschaften zerrissen, versank ich in einen betäubenden Stumpfsinn, so dass ich auf einige Wochen mein Leben fast verlor. Ich war nicht gesund, ohne doch krank zu sein. Mein Vater, der von dem Zustande des Federigo Accoromboni innigst gerührt war, rief mir immer wieder zu: Sieh, du Verwilderte, Undankbare, dies ist echte Treue und Liebe! – Als die Stürme der leidenschaft hinter mir lagen, bemächtigte sich ein unendliches Mitleiden meines Gemütes, und ich musste das Herz, das für mich schon geblutet hatte, in das meinige schliessen. – So ward ich eine Accorombona und durch diesen wackern, tugendhaften Mann die Mutter von vielen Kindern. – Meine leidenschaftliche Liebe aber hat er nie besessen. – Lebt wohl, teurer Freund; wir sehen uns, vielleicht, in Tivoli wieder." –
Sie verfügte sich in das Haus, um auch zur nahen Abreise Anstalten zu treffen.
Fünftes Kapitel
Am Donnerstage war man fröhlich bei Tische versammelt; Caporale ergötzte alle Anwesenden durch heitere Erzählungen, und nur Donna Julia war nachdenkend und nahm am Scherz des Dichters nur wenig teil. Peretti war ausgelassen, wie man ihn nur selten gesehen hatte, und die Frauen tadelten es im stillen, dass er sich des heissen Weins im Übermass erfreute. Die Dienerschaft war schon zum teil in Tivoli und die letzten Wagen, die am Morgen des folgenden Tages abgehn sollten, standen auch schon aufgepackt im Hofraum.
Caporale trennte sich diesmal, er wusste selber nicht warum, ungern von der Gesellschaft. Er zögerte noch beim Abschied. Beklemmt und mit einem Seufzer verliess er endlich das Haus.
Man ging zeitiger schlafen, als gewöhnlich, um am Morgen desto früher wach sein zu können. Schon war Vittoria in ihr Gemach gegangen und die bekümmerte Mutter schlief schon, Peretti, der die entferntesten Zimmer oben bewohnte, hatte sich, da er berauscht war, früher als alle niedergelegt. Nur einige Diener waren noch wach.
Da klopfte es laut und ungestüm an das Tor, wie wenn jemand in Eile wichtige Nachrichten bringt. Der Diener öffnete, und verwunderte sich im stillen, dass der rohe, unstäte Mancini, einer der verdächtigsten Gesellen in Rom, so dreist und so spät eintreten dürfe. Er müsse augenblicks den Herren, Signor Peretti sprechen, ein wichtiges, höchst wichtiges Blattabe er ihm zu überreichen. Da der freche Bote nicht abliess, so führte der alte Guido den Ungestümen in das Schlafzimmer seines Herrn. Es war nicht leicht, den weinbetäubten Peretti zu ermuntern. Als es endlich gelang, und dieser den Boten, der immer zu seinen Vertrauten gehört hatte, erkannte, als Kerzen angezündet waren, las er den Brief, welcher folgendermassen lautete: "Geliebter Schwager: sowie Du dies Blatt empfangen hast, wirf Dich in die Kleider, und eile nach Monte Cavallo in das Dir wohlbekannte Haus, wo wir schon öfters Rates pflogen. Etwas höchst Wichtiges hat sich ereignet, welches den frühern Beschluss umstösst, oder wesentlich verändert. Der Bewusste, den Du ebensosehr liebst, wie fürchtest, rechnet mit Sicherheit auf Dein pünktliches erscheinen. Morgen, wie Du es selber weisst, ist alles zu spät. Wenn Dein Wohl Dir lieb ist, so sieht Dich alsbald
Dein Marcello."
In der grössten Eile kleidete sich Peretti an, und liess den jüngern Diener wecken, der ihn mit einer Fackel begleiten sollte. Guido hatte indessen das Haus munter gemacht, und die erschreckten Frauen warfen sich schnell in die Kleider.
Peretti kam ihnen schwankend schon auf dem Vorsaal entgegen. "Lieber Sohn", rief Donna Julia in Angst, "könnt Ihr wirklich die Absicht haben, jetzt in später Nacht noch auszugehn?"
"Ich muss", erwiderte der junge Mann, "lasst mich, ich habe Eile und werde alsbald wiederkehren."
Vittoria sagte: "Wenn ich über dich etwas vermag, Francesco, so bleibst du im haus. Du weisst es selbst, wie unsicher die Stadt ist, und wie mir Guido sagt, ist es der nichtswürdige Mancini, der dich in so verdächtiger Stunde abholt. Erwarte wenigstens den Morgen, wenn dein Geschäft denn so nötig ist, und wir reisen lieber einige Stunden, oder einen Tag später nach Tivoli."
"Du kennst die Umstände nicht!" rief