Früh ward in unserm haus auf unserm Gut der bekannte und berüchtigte Graf Nicola Pitigliano eingeführt, der zu der Familie Orsini gehört, so wie Bracciano, sowie jener Luigi, und noch viele andre unbändige Gemüter, wie es Euch bekannt ist. Diesen Graf Nicola, welcher nachher verräterisch seinen armen Vater durch einen Überfall von seinem schloss vertrieb, und ihn dann dem Elende preisgab, der nachher seinen leiblichen Bruder meuchlerisch ermorden wollte, dieser, der es jetzt mit den Banditen hält und der Anführer einer grossen Bande ist, dieser böse Mensch, der nun ebenfalls (denn die Gerechtigkeit des himmels vergisst niemals die Wiedervergeltung) von seinem eignen Sohn durch Verrat aus seinem Besitztum vertrieben ist, dieser Nicola war als Jüngling eine anmutige, ja eine schöne Erscheinung. Ich darf und kann es nicht leugnen, er gewann mein junges unerfahrnes Herz. Mein Vater aber, der seinen bösen Charakter genauer kannte, war ihm entgegen. In unserm haus war seit kurzem ein junger, stiller, liebenswürdiger Mann wohnhaft, der als Rechtsgelehrter die verwickelten Geschäfte meines Vaters besorgte und in Ordnung brachte, das Muster eines verständigen, geregelten Mannes, angenehm im Umgang, unterrichtet und von zarter und einnehmender, wenn auch nicht schöner Bildung. Es ist die Art der jungen, übermütigen Mädchen, wenn sie im Aufblühen sind, sich zu erfreuen, wie auf Männer von verschiedenem Charakter ihre Reize Eindruck machen. So überliess ich mich diesem Mutwillen, und hörte weder auf die ernsten Warnungen meines Vaters, noch meiner Mutter. Die Zeit ging hin, der Graf immer ungestümer, und Federigo mit jedem Tage schwermütiger.
Der Stolz meines Vaters hinderte ihn, die Liebe des jungen Rechtsgelehrten, die er wohl bemerkte, weil sie durch seinen Tiefsinn nur allzu auffallend wurde, mit einem guten Auge anzusehn. Mir war dieses Seufzen und Wehklagen unerträglich, und mein unbändiger Sinn neigte sich immer mehr dem wilden Grafen zu. Gestehe ich es nur, dass auch viel Stolz und Hochmut sich in meine leidenschaft mischte, und ich, zum teil seines Standes wegen, den Bürgerlichen so unbedingt verschmähte.
Meine Mutter sah es wohl, wie der Gram und die Eifersucht das Herz des Armen verzehrte, aber wenn mein krausgelockter hoher Graf mich anlächelte, so war mir jeder Mensch, alles Leiden und die ganze Welt gleichgültig. Wie oft habe ich nachher über das Unbegreifliche dieser heftigen leidenschaft nachdenken müssen, die alle unsre Kräfte, Vernunft und Wohlwollen, Gewissen und Frömmigkeit, alle Freiheit unsers Wesens so völlig unterjocht, dass es nur dem furchtbaren Bann eines unzerreissbaren Zaubers zu vergleichen ist. So gingen denn Tage, Wochen und Monden hin und ich kann wohl meinen Zustand so bezeichnen, dass ich mir selber ganz abhanden gekommen war, und mich in manchen Momenten einer aufdämmernden Besinnung hätte umsehen mögen, wo denn mein früheres Selbst geblieben sei.
Völlig entzog ich mich der Liebe meiner Eltern und ihrer Aufsicht; wenn der Geliebte nicht zu uns kommen konnte, erhielt ich Briefe von ihm, es war, ich gestehe es zu meiner Beschämung, nur Zufall oder Gnade des himmels, dass ich nicht der leidenschaft erlag, wenn wir uns selbst im Garten oder im Zimmer allein überlassen waren. Mein guter Engel hatte mich völlig verlassen, wenn er mich nicht mit den Argusaugen der Eifersucht, in der person Federigos bewacht und beobachtet hätte. Dieser kannte und wusste alle meine Taten, Schritte und Entschlüsse, er, ohne sich meinen Eltern mitzuteilen, kämpfte dem bösen Genius entgegen.
Die Nacht war bestimmt, in welcher ich meinem haus entfliehen, und durch vertraute Menschen in die arme Pitiglianos geführt werden sollte. Es geschah, ich fuhr ab, in stiller Mitternacht, meine mir unbekannten Begleiter waren stumm: der Morgen dämmerte empor, als wir den Ort der Bestimmung, ein einsames Haus im Gebirge, erreicht hatten. Ich war allein, auf den Geliebten harrend, im Zimmer, als Federigo hereintrat.
– Ich mag die Szene nicht schildern, die sich nun entwickelte. Er hatte um alles gewusst, und jene ruchlose Entführung in eine Rettung verwandelt: er selbst hatte mich begleitet, mit andern verhüllt und unerkannt: früher, als das des Grafen, war er mit dem Fuhrwerk an dem bezeichneten Ort erschienen und ich hatte mich täuschen lassen. Aber mit welchem Schmerz, welcher Raserei, ja Verzweiflung, nahm ich diese Täuschung auf: es gab keine beschimpfende Benennung, mit der ich ihn nicht kränkte, keinen Fluch, den ich nicht auf mich selber herabrief. Es half dem Treuen nichts, dass er mir erzählte und bewies, wie der Graf an diesem nämlichen Tage seine Hochzeit mit einer Erbin aus einem alten haus feire, und er mich nur, aus Hohn und Mutwillen, in der nämlichen Zeit, um mich und meine Familie zu schänden, als seine Buhlerin habe entführen wollen. Als ich erst imstande war, zu sehen und zu hören, konnte ich den Briefen, den Zeugnissen, die mir der tugendhafte Mann vorwies, nichts entgegensetzen. Aber mein Zorn steigerte sich über diesen seinen Triumph so ungeheuer, dass ich ihm diese Dokumente, die mich beschämen sollten, vor die Füsse warf, und dreist, ja frech erklärte, auch unter dieser entehrenden Bedingung würde ich dem Grafen auf sein Schloss gefolgt sein. So tief war ich nicht gesunken, dass dies meine wahre Empfindung hätte sein können, ich stiess diesen Unsinn nur heraus, um den Getreuen recht empfindlich zu demütigen.
'Und Ihr könnt, Ihr werdet mich niemals lieben?'