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seinem Beschützer zu finden, musste er diese Vorwürfe hören, und die Rache des Kardinals befürchten. Er entschuldigte sich so gut er konnte, und beteuerte seine Redlichkeit und seinen Diensteifer. "Ich will Euch glauben", sagte endlich der Alte, "und Eure Unschuld könnt Ihr mir dadurch beweisen, dass noch in dieser Woche Euer Umzug nach Tivoli stattfindet. Dann muss ich genau Stunde und Minute der Abreise erfahren: ich werde die Meinigen anstellen, und es so einrichten, dass fürerst nicht der mindeste Verdacht auf mich fallen kann. Späterhin ist es gleichgültig. Gelingt die Sache, so sind wir völlig ausgesöhnt und ich schenke Euch meine Freundschaft und mein unbedingtes Vertrauen. Finde ich Euch falsch und unwahr, mit meinen Feinden im Bündnis, so werdet Ihr meiner Rache nicht entgehen, und der Mächtigste soll Euch vor meinem weitreichenden Arm nicht schützen können, geschweige Euer schwacher Oheim."

Dies Gespräch fiel am Montage vor, und Peretti verhiess, da schon vorläufige Anstalten getroffen, einige Diener schon hinausgesendet waren, die manche Bequemlichkeit hinübergeschafft hatten, gewiss freitags früh, mit seiner Familie nach dem Landhause und der lieblichen Gegend aufzubrechen.

Vittoria sass, da das Wetter so schön war, mit ihrer Mutter und dem treuherzigen Caporale in der kühlen Laube ihres Gartens. Er war, da er sich von Rom nicht entwöhnen konnte, wieder aus seiner Landschaft herübergekommen, und befand sich am liebsten in dieser Familie, die ihm seit Jahren in Rom am meisten befreundet war. "Ihr seid so ernst, Donna Julia", sagte er jetzt, "und ich finde schon seit lange Eure Stimmung anders als ehemals, und doch seid Ihr, nebst den Eurigen, wohl und gesund."

"Und mein Sohn Marcello?" erwiderte sie, "kann ich ihn denn vergessen, und das Schwert nicht sehen, das ihm immerdar über dem haupt hängt? Kann ich mit Ottavio zufrieden sein?

Seitdem wir höher hinaufgestiegen sind, fühle ich mich beklemmter, und mir ist immerdar so zumute, als wenn plötzlich aus irgendeinem Winkel ein erschreckendes Unglück hervorbrechen würde."

"Nun reisen wir ja", sagte Vittoria tröstend, "schon am Freitage nach unserm geliebten Tivoli. Da wirst du dich wieder im Freien ergehn, deine Lieblingsplätze besuchen. Dort wollen wir uns erfreuen und erfrischen, und ich werde mich jenem betäubenden wasser-Abgrunde nicht wieder nähern."

"Du zittertest damals", sagte die Mutter, "nach der Stadt zu reisen, und hattest eine Vorahnung von etwas Entsetzlichem, was dich hier betreffen müsse: diese Furcht ist nicht erfüllt worden, und so, möchte ich hoffen, kann es vielleicht auch mit meinem Gefühle sein. Denn ich gestehe, ich bebe in Angst vor dieser Reise und schelte selbst meine blinde Weiberfurcht kindisch, und kann doch dieses Grauen, das mir auf jedem Schritte nachschleicht, nicht verscheuchen."

"Wie damals meine Angst", sagte Vittoria mit einem sonderbaren Ton, "mir nur grosses, unerwartetes Glück bedeutete, so wird es dir auch widerfahren, Teuerste, und du wirst dich mit frischer Kraft dort in Tivoli deines Lebens erfreuen. – Doch muss ich dich jetzt verlassen; ich selber muss nach allen meinen Musiksachen und nach meinen Schreibereien sehen, dass nichts verlorengeht oder in unrechte hände kommt."

Sie hüpfte fort, und die Mutter sah mit einem langen wehmütigen blick der schönen, dahinschwebenden Gestalt nach. "Ich glaube", sagte sie nach einer Weile mit schwermütigem Ton, "diese meine Augen werden Tivoli niemals wiedersehn. Geschieht es, so fürchte ich, wahnsinnig zu werden." –

Caporale war in Verlegenheit, was er der aufgereizten Frau antworten sollte, die ihm krank zu sein schien, denn ihr grosses Auge hatte den ehemaligen Glanz verloren, sie war bleicher als sonst, und die Wangen waren eingefallen. "Ihr verwundert Euch über mich", fuhr sie nach einiger Zeit fort, "– ach! ich weiss am besten, was ich seiter gelitten habe. Glaubt mir, alter Freund gewisse Erschütterungen unserer natur, wenn wir auch nachher wieder gleichgültig weiterleben, zittern und unterhöhlen fort und fort in unsrer Seele, bis von der dauernden Anstrengung und dem Um-sich-Fressen des Giftes die Schale zerbricht. So hat meine Tochter, meine beiden Söhne, der boshafte Farnese, jetzt dieser Peretti, alle haben wetteifernd diese zersprengenden Angstgefühle in meinen Geist geschüttet. Kann man diese Ehe ohne Furcht und Grauen betrachten? Wie soll es enden? Der Gemahl entzieht sich uns, und ist ein Knecht des Farnese, so wie mein ältester Sohn. Und was will dieser Bracciano in unserm haus? Wird der Gewalttätige vielleicht die Rolle des jüngern Vetters, jenes Luigi fortsetzen wollen, der jetzt ruhig und vermählt ist? Ich zittre, sooft ich die hohe mächtige Gestalt hier sehe und mein Auge seinem herrschenden Königsblick begegnet. Ja, diese Orsini! seit meiner frühen Jugend haben sie sich wie böse Dämonen in den ruhigen Lauf meines Lebens hineingedrängt, und so hat mich der schlaue Kardinal mit einer Jugenderinnerung geschreckt, mit einer Begebenheit, die ich längst vergessen glaubte."

Caporale ersuchte sie, da sie doch Vertrauen zu ihm habe, welches er nie missbrauchen könne, ihm etwas davon mitzuteilen und sie begann: "Ihr wisst es, Freund, dass ich von dem alten Geschlecht der Agubio abstamme. Mein Vater war nicht reich, aber was ihm an Vermögen abging, schien er durch Stolz ersetzen zu wollen.