1840_Tieck_098_82.txt

"es ist gewiss und fast augenscheinlich, dass ich nicht fähig bin, lange aufrecht zu stehen, so fleissig und freundschaftlich habt Ihr mir dort zugetrunken. Denn eins ins andere gerechnet, ist der Mensch in allen Dingen und Genüssen nur eines gewissen Masses fähig, der mehr und der weniger, so wie die Gaben nun von der natur ungleich ausgeteilt sind."

Der Kardinal schien sehr verdriesslich, er sah sich um, und sagte dann: "Ich hoffe doch, dass Ihr Eures Wortes noch eingedenk seid."

"So muss ich mir denn einen Mut fassen", fuhr Peretti fort, "grossherzige und allmächtige Eminenz, und Euch, da es nicht zu ändern steht, gleichsam mit Trotz entgegentreten." – Er sank in die Knie, fasste die Hand des Alten und küsste sie mit vieler Zärtlichkeit.

"Warum habt Ihr Euch so betrunken?" fuhr ihn Farnese an.

"Im Gegenteil", antwortete der junge Mann, "jetzt bin ich allzu nüchtern; aber dort, im saal, als wir im Nebenzimmerchen beide ganz allein bei dem vortrefflichen Syrakuser sassen, da freilich mein herrlicher Beschützer, da war ich mehr als berauscht, denn meine Zunge sprach, wovon mein Herz nichts wusste. Ach! Mann! hocherfahrner Priester und Regentnicht wahr, wir lügen nur allzuoft, bald wissentlich, bald unwissentlich? Ich log zwischen beiden, ich erkannte meine Lüge und meinte es doch so herzlich gut mit Euch, dass ich zugleich wünschte, sie möchte zur Wahrheit werden können."

"Ich verliere die Geduld über dem Geschwätz", sagte der Kardinal. "Habt Ihr es denn ganz vergessen, unter welchem Versprechen Ihr mich hierhergelockt habt?"

"Gewiss nicht, mein erlauchter Patron", fuhr jener fort, "und so bin ich denn gezwungen, Euch reinen Wein einzuschenken, wie man zu sagen pflegt, zum Dank dafür, dass Ihr mir dort auch den allerreinsten gegönnt habt."

"Nun also?" –

"Ach Himmel! wie lange ist das schon her, wie lange, dass ich nicht mehr, weder bei Tage, noch in der Nacht, zu meiner Vittoria habe kommen dürfen, so dass ich sie zeiter auch immer Virginia genannt habe. Das war mir nun in meiner mutigen Trunkenheit ganz aus meinem Gedächtnis entwichen, als ich Euch so treuherzig versprach, Euch im Finstern so in ihre stille kammer zu führen, als wenn ich es wäre. Ja so ein löblicher Betrug bliebe recht lustig und schön, wenn er nur möglich wäre, wenn das nur gleich nach meiner Vermählung hätte geschehen können, aber jetzt ist sie immer fest eingeriegelt, und brennt immer Licht, und lieset und studiert und dichtet ganze Nächte hindurch. Brächen wir auch das Schloss auf, so entstände ein greulicher Skandal, dass das ganze Haus wach würde, und die grosse fürchterliche Mutter auch dazu käme, und wie es mir Armen dann erginge, das könnt Ihr wohl selber ermessen."

"Und nun also?" sprach Farnese ergrimmt; "sie sieht Euch nie, seit Monden nicht, wohl gleich nach den ersten Tagen der Ehe hat sie Euch verabschiedet, sie verabscheut Euch? Ihr habt im haus hier nicht das mindeste Recht? Und das alles habt Ihr im tierischen Rausch vergessen? Schmeichelt mir mit der Aussicht: und deswegen besuchte ich nur Euer dummes Gelag, dass es möglich sei, mich in der Nacht verkappt zu ihr einzuführen. Dass Ihr mich am Morgen unerkannt wieder aus dem haus lassen wolltet? Und nun –"

"Nun", fiel Peretti ein, "sehe ich freilich ein, dass das ein niederträchtig falsches Sprichwort ist: in vino veritas. Aber warum seid Ihr mir böse? Aus Respekt vor Euch, aus Liebe zu Euch, habe ich ja nur die gute Frau so vernachlässiget, weil ich mich so ganz unwürdig fühlte, Euer Nebenbuhler zu sein; das hat sie denn auch so unwirsch gemacht, dass sie mich ganz und gar von sich wegjagte. Aber wir wollen drum nicht verzweifeln, und einen besseren Plan ersinnen und ausführen."

"Ich habe Euch, das wisst Ihr", sagte Farnese, "meinen Schutz zugesagt, und Ihr seht es selber ein, dass Euer gebrechlicher Oheim, den kein Mensch achtet, der ohne allen Einfluss ist, Euch nichts nützen kann. Ich will Euch befördern und zum reichen, mächtigen mann machen, aber ich muss sie, diese Stolze, besitzen, die mich verhöhnt, oder Euch ist der Untergang geschworen."

"Ich überlasse sie Euch ja", rief Peretti, "denn vielleicht hasse ich sie ebensosehr, als Ihr sie liebt. Wir alle sind auf Eurer Seite und stehen Euch bei, bloss der elende Flaminio nicht, der bei dem prahlerischen Bracciano in Diensten, und dem ganz ergeben ist. Aber der Abt Ottavio ist ganz Euer eigen, ich bin Euer geschworner Diener und der tapfre Marcello will Blut und Leben für Euch aufopfern."

"Marcello?" rief der Kardinal erstaunt, "das kann ich Euch nimmermehr glauben."

"Ich habe ihn ganz in der Hand", sagte Peretti; "seht, Verehrter, er ist schon seit lange ein Verbannter, ein Bandit; aber, ein kluger Kopf, wie er ist, weiss er sich doch oft in die Stadt zu schleichen, und dann beherberge ich ihn bei mir, dort in dem kleinen Gartenhause. Da haben wir schon vielerlei miteinander