nun doch auf rohe Barbarei legte? dich einmal plötzlich an einem schönen Morgen mit Gewalt entführte, in die weite Welt mit der Jammernden und Widerspenstigen hineinreisete, und hier Mama und Heiligem Vater, dem lieben Peretti und seinem Oheim, sowie dem Kollegium und meinen Muhmen, Vettern und Basen das leere, nüchterne Nachsehn liesse? Wie dann?"
"Recht so, mein Liebster", sagte sie lachend, "da geraten wir auf die rechte Bahn. Und so reiseten wir denn, und reiseten, Arm in Arm, in das Unendliche fort und fort, bis alle Vettern und Basen weit, weit hinter uns lägen, und wir landeten dann an einer unbewohnten, unentdeckten Insel im Stillen Ozean, ohne Menschen, höchstens mit einigen Affen bevölkert, Palmenwein, die süssesten Früchte, die herrlichsten Blumen, alles wüchse uns freiwillig entgegen – die Jahreszeit ein ewiger Frühling – nun entdeckten wir plötzlich einen alten, aber sehr menschenfreundlichen Zauberer. Seine Kunst, alle seine Geister ständen uns zu Gebot, er hexte uns immer Speise und Trank, schöne Kleider, auch einen herrlichen Palast herbei: hübsche, niedliche Elfen und Feen unsre Bedienung, und kein einziger Teufel oder böser Dämon auf der ganzen Insel. Wie bei der Circe hörten wir dann den einsamen Webstuhl sausen, und die stärkste und künstlichste der Feen webte uns die Gewänder, andre, kleinere, legten mit fast unsichtbaren Nadeln die feinsten Stickereien hinein. Nun fährst du, auf einem schönen Wagen, von Hirschen bespannt, auf die Jagd, dann sitzen wir im bunten Kahn und fischen, im Wald singt dazu die Nachtigall und der Quell rauscht – jeder Baum klingt in seiner eignen Singstimme – und so lebe ich fort und fort in Liebe mit meinem lieben Männchen, bis wir beide alt und grau werden; und ich bin auch vor jeder Untreue des zärtlichen Gatten gesichert, denn es lebt keine einzige Frau, nicht ein Mädchen auf unserm Weltteil dort. – Nicht wahr, so wollen wir es einrichten, so einfach und ganz vernünftig, ohne alle falsche, poetische Erwartung?"
"Und unter den übrigen Affen dort, wäre auch meine Gemahlin ein wunderliches Äffchen", antwortete Bracciano, indem er ihr leise mit den Fingern den blendenden Nacken schlug. "Wie nur geschieht es, dass alles, was du treibst und tust, dir so liebreizend steht? Und die kleine Plaudertasche ist dann gleich wieder so gross und erhaben, springt aus der lieblichen Narretei so plötzlich in den Tiefsinn, kann eben noch neckisch einen mit dem Feuerblick so erschrecken, dass, wie die Griechen sagten, alle Grazien bei deiner Wiege gestanden haben müssen, um dich mit diesen Göttergaben zu beschenken. Du Hebe und Juno, Pallas und Venus – und vor allen andern, und was dich am schönsten schmückt, die eigentümliche, einzige Vittoria!"
"Schmeichler!" sagte sie und schlug ihm auf den Mund, worauf sie dann seine Lippen zärtlich küsste. Er fasste ihre Hand, und lobte die schmalen, langen Finger, sie spielte mit seinen schwarzen, immer noch krausen Locken, er küsste und drückte die Hand und löste dann ihr langes Haar, dass es über den weissen Nacken wogend niederrollte.
So, sein Alter ganz vergessend, sass er tändelnd bei seiner jungen Geliebten, beide in diesem Augenblick spielenden Kindern nicht unähnlich. Plötzlich wurden sie aus ihrem Jugendtraum aufgeschreckt, denn die alte Ursula kam hastig herein und flüsterte: "Um Gott und alle Heiligen! unser Herr kommt ganz unerwartet nach haus, und noch ein vermummter Mann mit ihm: ich habe sie beide von oben aus meinem Kämmerchen beobachtet, sie sind schon an der Haustür und unser Herr hatte den Schlüssel mitgenommen. Was ist zu tun?"
Die erschreckte Alte entfernte sich wieder. "Ja, was ist zu tun?" wiederholte Vittoria: "wenn ich auch alle Rücksichten fahrenliesse, so kannst du nicht nach meinem Zimmer gehen, denn meine Kammerfrau erwartet mich dort –"
"Warum mich verstecken?" fuhr der stolze Bracciano auf "bin ich ein Knecht? Wenn ich sie beide mit diesem Dolche niederstosse, so werden sie schweigen."
"Und ich?" klagte Vittoria: "und unser Haus? Und mein Ruf?"
Da fiel ihr plötzlich das kleine Cabinet ein, welches sie neulich zufällig entdeckt hatte: sie schlug an die Wand, schob den Geliebten hinein, zeigte ihm den kleinen Drücker auf der andern Seite, und entfernte sich eilig, nachdem sie vorher alle Kerzen ausgelöscht hatte. Sowie sie die Tür hinter sich zugemacht hatte, hörte sie die beiden schon durch den andern Eingang hereintreten.
Peretti trug eine Blendlaterne unter seinem Mantel, und schien, so wie er taumelte, einen kleinen Rausch von dem Maskenfeste mitgebracht zu haben. Er zündete einige Kerzen wieder an, sah sich dann im saal um, und begab sich schwankend an alle Türen, um jede sorgfältig zu verschliessen. "Nun sind wir ganz sicher", sagte er dann leise.
Jetzt wickelte sich der Fremde aus seinen Umhüllungen, und es zeigte sich in einer Verkleidung der Kardinal Farnese. "Wir haben uns nun", sagte dieser, "aus der Tollheit Eurer jungen Freunde, die mich gewiss nicht erkannt haben, so ganz allein fortgeschlichen, Ihr sowie ich ohne Diener, und ich rechne nun darauf, dass Ihr Euer Versprechen halten werdet." –
"Setzt Euch nieder, grosse, furchtbare Eminenz", sagte Peretti, halb stammelnd;