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die Poesie sich bei jeder Standeserhöhung, bei Tod oder Geburt, Vermählung eines Fürsten und Mächtigen, bei Errichtung eines Hauses, oder noch kleineren Veranlassungen vernehmen lässt; und wie arm, nüchtern und ungeniessbar ist nun vieles Getränk eingeschenkt worden, das sich für berauschenden Wein ausgeben will. Und dann diese ersonnenen Liebschaften, oft ernst in Heuchelei, oft nur in galanten und feinen Anspielungen und Wendungen; andre, an Damen gerichtete Begeisterung, die gar nicht lebenwo kann in diesem albernen Gesang der Mode sich Erhebung für Religion und Vaterland, wo der Hass des Tyrannen und schändlicher Willkür, wo die Lobpreisung des wahrhaft edlen, wo die echte ewige leidenschaft grosser Liebe vernehmen lassen? Durch dieses stets wiederholte Stammeln und Lallen wird dem echten Gesang die stark tönende Zunge ausgerissen und es kommt dahin, dass auch der Bessere die Affektation affektiert. Ja, diese mächtige Harfe durch welche der Adler Dante mit seinen grossen Schwingen rauschtwie hallt da Vaterland, Tugend, Himmel und natur im einklingenden Echo jeden tiefsinnigen Ton zurück, und die Poesie ist die Gattin des prophetischen wahrsagenden Genius!"

Wenn zwei edle Gemüter sich auf die Weise näher gekommen sind, wie das Schicksal Vittoria und Bracciano zueinandergeführt hatte, so empfängt jedes Wort, jeder Ausspruch in dieser Aufregung hoher leidenschaft den Charakter der Weihe: der Liebende nimmt die Rede als Orakel auf, und grübelt und deutet auch aus dem nur Hingeworfenen einen tiefen Sinn. In dieser Entzündung der Herzen wird den beiden alles Poesie und Wahrheit. So sah der Herzog und die junge schöne Frau in allem, was sie lasen oder hörten, in der Begebenheit des Tages oder in alter geschichte, immer nur Anspielungen auf sich und ihr beiderseitiges Verhältnis. – Wo habe ich denn bis jetzt gelebt, und wie! pflegte der Herzog in einsamen Stunden wohl zu sich selber zu sagen, dass ich den Menschen und seinen Wert, dass ich die Hoheit des Weibes noch niemals gesehen und verstanden? Musste ich zum mann heranreifen, um in so späten Jahren erst mich selbst im innersten Geheimnis meines Herzens zu finden? – Und ich sollte nicht das erringen, was Himmel und natur für mich erschaffen haben?

Mit diesen Gesinnungen begab sich der Herzog wieder einmal, und ohne Gefolge, wie er gewöhnlich zu tun pflegte, nach dem haus der Peretti. Als er eintrat, bemerkte er, dass alle Mitglieder der Familie das Haus verlassen, und Vittoria sich allein im Gartensaal befinde. Er überraschte sie, indem sie eben jene Gedichte fortsetzte, an denen sie gern in einsamen Stunden arbeitete und schrieb, sie war so vertieft und abwesend, dass sie ihn erst gewahr ward, als er, über ihre Schulter gebeugt, das Blatt schon gelesen hatte. Sie verwunderte sich, war aber nicht erschrocken, noch weniger stellte sie sich so, als sie sich plötzlich allein mit dem Geliebten sah. Er freute sich dieser ruhigen Fassung und sie antwortete: "Wäre ich jetzt empfindlich, oder erzürnt, so möchtet Ihr mein Freund, wohl gar glauben können, es sei ein ersonnenes vorsätzliches Spiel, dass Ihr mich einsam bei diesen Dichtungen treffen, und sie auf diese Weise kennenlernen solltet. Aber dem ist nicht so. Ihr erinnert Euch gewiss, dass Ihr gestern bestimmt sagtet, es wäre Euch unmöglich, uns heute zu sehen, meine Mutter und Peretti sind beim Kardinal, ihm zu danken, denn unser Prozess ist endlich, und zwar zu unsern Gunsten entschieden, so hatten denn die Diener den Befehl, alles abzuweisen, und nur Euer Name ward nicht genannt, weil ich die Hoffnung Eures Besuchs aufgegeben hatte."

"Und so wird mir einmal das ungehoffte Glück, Euch so ganz allein zu treffen", erwiderte Bracciano: "– und so lasst mich jetzt alle diese Blätter, diese lieblichen Bekenntnisse lesen. –

O Vittoria!" rief er nachher aus: "was bist du für ein Wesen, für ein Wunder!" – Er umarmte sie und sie entzog sich seinen Küssen nicht. – "Wie ist dir?" fragte er dann, als er sah, wie sehr sie zitterte.

"Wie?" antwortete sie mit bewegter stimme, "so selig, wie ich nicht mir einbilden konnte, dass eine solche Wonne für uns Menschen geschaffen sei. Zu glücklich bin ich so in deiner Gegenwart. Eine solche Seligkeit, sagten die alten Griechen, gönnen uns die Götter nicht, sie werden uns bald durch Unglück trennen. O Giordano! wir fordern das Schicksal heraus durch unsern Obermut, ein solcher ist Sterblichen nicht erlaubt, und die Götter werden uns strafen. Und bist du denn glücklich?"

"Mehr als Worte es fassen und aussagen können", antwortete der Herzog begeistert. "Wie gross bist du und edel, dass du ohne Wort und Rede meine Liebe gefühlt und verstanden hast. So lass uns vielmehr den Göttern auf die wahre Art dankbar sein, anstatt sie zu fürchten: ist doch der ganze Olymp zu uns herniedergestiegen, unser Gefühl, unser Mut hat uns ihre Gunst gewonnen, zagen wir dann nicht, an ihrem Gastmahl teilzunehmen." "Und wie liebst du, Liebster?" fragte sie.

"Dass ich dir ganz unbedingt gehöre, du ganz mir", sprach der Trunkene: "dass unter uns kein Zweifel waltet, keine ängstliche Furcht uns die kleinste Wahrheit oder grösste Wonne unterschlagen darf, dass du mir keine Faser deines Herzens verdeckst, dass du jeder Frage mit Liebe und Wahrheit Antwort