an der Mauer etwas zu tun machte. Gleich, wenn sie hinhorchte, war es wieder still, dann liess es sich wieder vernehmen. Vittoria, die nicht ängstlich war, wollte das Fenster öffnen, um hinauszusehn, was so in ihrer Nähe sich verdächtig bewege; aber das Fenster war, der Sicherheit wegen, von den Dienern zu fest verschlossen, sie konnte es ohne hülfe nicht auftun. Jetzt, indem sie wieder an der Wand mit Aufmerksamkeit horchte, kam es ihr ganz deutlich vor, als vernähme sie das Aufatmen eines Schlafenden. Sie konnte nicht länger zweifeln, da dieses Atmen bald in Röcheln, und dann in Schnarchen überging. Die Töne waren aber nicht, wie im Freien, sondern hallten, wie in einem engen Gemach: und doch wusste sie, dass kein Zimmer mehr neben diesem saal sei.
Indem sie so, nicht ohne Besorgnis, an der langen Wand hin und her tappte, fühlte sie mit der Spitze des Fingers plötzlich ein Knöpfchen, nicht grösser und dicker als etwa eine Linse, unkennbar in der Mauer, mit Farbe überstrichen – und sowie sie den Druck stärker wiederholte, öffnete sich plötzlich ohne Geräusch die Wand. Sie sah in der Dämmerung, dass dennoch dort, wo sie die Strasse glaubte, noch ein schmales Gemach sich befinde, aus welchem jetzt viel deutlicher das regelmässige Getöne des fremden Schlafenden erscholl. Sie zögerte einen Augenblick, ob sie die Diener wecken und rufen solle, Mitternacht war längst vorüber und die unerwartete, seltsame Entdekkung hatte ihren Sinn befangen. Doch nahm sie nach kurzem Besinnen die Lampe in die Hand und schritt hinein. Wie erstaunte und erschrak sie, als sie dort ihren Bruder, den verbannten Marcello, in einem Sessel schlafend fand. –
Sie setzte die Lampe auf den kleinen Tisch und weckte dann den Träumenden, der sich lange nicht aus seiner Schlafbetäubung finden konnte. "Du? Schwester?" rief er dann, "hier? du hast das Kunststück auch entdeckt?" –
Er musste erzählen, warum und wie er in die Stadt gekommen sei. "Ei!" sagte er auf seine gleichgültige Weise, "ich bin schon oft heimlich in eurem haus gewesen, und dein freundlicher kleiner Peretti logiert mich immer in das niedliche Gartenhaus, zu welchem er dann selbst die Schlüssel behält. Auch Ursula weiss es jedesmal, wenn ich hier bin, und hilft mir herein und heraus. Dabei ist die gute Alte so schweigsam wie das Grab. Wie ich nun neulich wieder einmal im haus bin, was aber nur die Alte für diesmal wusste, vergisst mich das gute Tierchen, ich irre in dunkler Nacht herum, gerate in den Saal hier, kollre gegen die Wand und entdecke unverhofft diesen niedlichen Versteck. Den hat sich damals, als er sein Haus für sich selbst baute, dein feiner Schwiegervater angelegt, und keinem Menschen ein Wörtchen von diesem Geheimnis gesagt. Man kann durch diese dünne Wand alles hören, was im Saal gesprochen wird, so kann man durch Baum und Gesträuch versteckt, die auf der Gasse stehen, auch durch die verhüllten Fensterstäbe jede Silbe hören, die sie draussen im Freien reden. So mag der Alte damals manches erlauscht haben. Jetzt wohnt er da oben, um euch diesen kleinen Palast zu geben. Heute schlich ich wieder herein und verspätete mich, und so musste ich notgedrungen alle eure Konversation und deine Tollheiten, Schwester, mit anhören. Jetzt aber, da Ursula doch wohl schläft, werde ich durch den Garten und über die Mauer den Rückweg suchen müssen, da du die Hausschlüssel nicht hast."
Die unsichtbare Tür wurde leise und fein wieder zugemacht, und als Marcello schon im Garten war, kehrte er noch einmal um, und raunte der Schwester zu: "Hüte dich nur vor der Schlange, dem Farnese, der hat Böses gegen dich im Sinne; – und dein Männchen – o der liebe niedliche Blondkopf – der ist auch ein feiner Fuchs. Traue ihm ebensowenig." – Er entfernte sich schnell und sie blieb noch lange im einsamen saal allein, vielerlei bedenkend.
Zweites Kapitel
Italien feierte wieder ein fest, weil der Grossherzog Francesco nach dem tod seiner Gemahlin die bekannte und berüchtigte Bianca Capello öffentlich geheiratet und zur Fürstin erhoben hatte. Der Kardinal Fernando, der Bruder des Regenten, war empfindlich gekränkt, doch erschien er öffentlich als ein versöhnter Freund des Grossherzogs: er war vertraut und höflich gegen die neue erwählte Gemahlin und Fürstin, und da der Senat von Venedig Bianca für eine Tochter der Republik feierlich erklärt und ihr dadurch den hohen Adel des Staates mitgeteilt hatte, so war es nicht zu verwundern, wenn berühmte und unberühmte Poeten diese Vermählung mit ihren Hymnen begrüssten. Ein schönes Gedicht liess der arme Tasso bei dieser gelegenheit ertönen, der schon in seinem Kerker schmachtete: warum der scheltende Sperone, der den Fürsten nicht schmeicheln wollte seine rauh klingende Leier bei dieser gelegenheit in seinem hohen Alter stimmte, ist weniger zu begreifen, wenn sein wie in Verlegenheit stammelndes Gedicht nicht entstand, mehr um Venedig als der neuen Grossherzogin gefällig zu sein.
Der Herzog Bracciano äusserte sich sehr milde über diese Missheirat und Vittoria stimmte ihm bei, obgleich sie die schmeichelnden Poeten, selbst ihren alten Hausfreund, Caporale, sehr tadelte. "Gewiss", sagte sie, "entsteht jedes Gedicht mehr oder minder aus irgendeiner Veranlassung, und welche Unzahl vortrefflicher Meisterwerke verdanken wir diesem Aufruf und zufälligen Aufschwung! Aber schon ist es Sitte und unerlässliche notwendigkeit geworden, dass