!" so lauteten die Verse, "warum zitterst du, den Kelch, den duftenden, zu öffnen? Der Mondschein schlummert im Grase neben dir, und breitet seine weichen schlaftrunkenen arme um deine grüne kräftig schwellende Hülle. Er hat dem Abendtau geboten, flüssige Demanten dir überzustreuen, sie sollen dich bestechen, zum süssen Kuss den roten Mund zu öffnen. Du bleibst dir treu, verschwiegen und stumm. Da kommt die allgewaltige Sonne und du musst deinem Schicksal gehorchen. Der Tau rinnt, sowie du ihn öffnest, als grosse, zitternde Träne in deinen Busen: wie glänzt sie auf dem frischen Rot! Nun geht die Braut im Frühlingshauch vorüber und sagt zu ihrem Jüngling: 'O sieh die Wonne dieser Blume, wie sie das feuchte Kind des Morgens liebkosend im Purpur ihrer Blätter wiegt, und wie im vielfachen Schimmer der Tropfen lacht, hochentzückt, von der schönsten Blume so gepflegt zu sein.' Sie stehen und schaun im Bilde hier ihr namenloses Glück – und wissen, oder bedenken nicht, dass dieser Glanz das Unglück des Lebens ist – die Träne des Elends – und dass am Abend die jugendfrische Rose mit zerstreuten Blättern tot auf dem Boden liegt." – "Im weiten Meer, im dunkeln Grund bewegt sich die Muschel. 'Wie bin ich einsam!' klagt sie. 'Wie kann auf lieber Erde Pflanze und Tier im heitern Lichte sich ergehn. Welche wüste Nachbarschaft die meinige! Wohin ich blicke und denke, nur kalte, stumme Ungeheuer. Elend und Widerwart auf dunkelm grund: oben, an des Lichtes Grenze das traurige Geschlecht der ziehenden und schwimmenden Schuppentiere. Keiner weiss, keiner kennt meine sehnsucht. Fremd mir alles, ich in mir selbst verschlossen muss mich verzehren in Angst nach ungekannter Freude.' – Da bricht es, ein Seufzer, Klage, Jammer, oder tötendes Jauchzen aus der Ärmsten, und, einer stillen Träne gleich, setzt sich festgehalten das Leid an die schimmernde Umhüllung. Die zarte Krankheit wächst im stillen fort, so wie die sehnsucht steigt. Schon wird ihr selbst das harte Haus zu enge. Da wird sie im tod erlöst. Ein kluger Fischer zerbricht die Wände, sie stirbt, er nimmt die köstliche unschätzbare Perle und trägt sie zum König hin, in dessen Krone sie fortin glänzt, als der kostbarste Schmuck. – O armer Torquato Tasso! – Und darf ich sagen: o ärmste Vittoria? – Oder bin ich zu eitel?" "Nein, eitel nicht, aber auch so elend bin ich nicht. – Hat doch der edelste der Männer dich verstanden, und sagt es dir in jedem blick. Ja, wie der armen verwelkenden Pflanze der sanfte Regen des himmels, so sind diese belebenden Blicke aus den klaren Geisteraugen. Die Geisterbrunnen, die Jungbrunnen, von denen die Märchen erzählen, sind sie mir. Denn wie der Wilde sich zuerst im Bach und Strom mit Staunen sieht, so habe ich mich in deinem blick, in deinem Seelengruss, zuerst erkannt. O welch ein Schauer von Seligkeit, welch ein Wonnegrauen flog durch alle Fühlungen, Gedanken und Ahnungen meiner Seele, als ich mir zuerst sagen durfte: siehe, dieser ist Geist von deinem Geist, und Liebe von deiner Liebe! Und wenn ich jetzt, in diesem Augenblick stürbe – ist es denn nicht genug, für diesen einen einzigen Moment gelebt zu haben? Wenn die höchsten Geister in des Unnennbaren Nähe ein entzücktes Sein geniessen, wenn sie, ihm ähnlich, im ganzen All nur eins in der Unendlichkeit der Schöpfung sich und seine Liebe erblicken – so rufe ich: wohl mir! dass ich in seinem erscheinen den Reichtum seines Herzens und die unendliche Fülle des meinigen zugleich erblickte." – "O du arme, arme Welt! – Mich lästern wirst du einst vielleicht, mich den Niedrigsten zugesellen, wenn du von mir und meinem Wandel die elenden, abgerissenen Silben erfährst. Kannst du mich stören und die selige Harmonie, die mit ihren süssen Kreisen klingend durch mein Wesen schwingt? Ihm nur bin ich ihm nur denke ich, ihm nur sterb ich. Eilt er mir voran, so flieg ich ihm durch alle Welten, durch Sein und Ahnung nach und durch den leeren Raum. Wohl ist im tod erst Einigung und Leben. Uns trennt die nahe Gegenwart, wenn meine Hand die seine rührt, so ruft das Ewige im Drucke: flieht! dortin! wo keine Zeit und Stunde herrscht, wo man nur nach Entzückungen die Ewigkeit rechnet, wo kein Ermüden ist, kein Vergessen, kein Zweifel und keine Frage. auge in Auge, Geist in Geist, du ich und ich du, mehr als Gedanke und Gefühl – o armer Mensch, kehre doch zu dir und dieser Erde zurück, auch hier siehst du im Bilde, was du suchst; auch das einfache Wort ist ein ewiges: jeder Augenblick der Liebe ist ja ein unerschöpfliches Meer – ach! mein Geliebter! ohnmächtig nach allem Aufschwung sinke ich beglückt in deine arme – und alles ist lebendig in mir, was ich vor Tausenden von Jahren schon suchte, da ich mich unbefriedigt in allen Windungen nach dir sehnte."
Sie sass nahe an der Mauer, die das Haus von der Strasse trennte, denn die wohnung stand frei und abgesondert. Indem sie schrieb, war es ihr schon oft gewesen, als wenn sie ein sonderbares Geräusch vernähme. Es war, als wenn ein Tier oder ein Mensch sich draussen auf der Strasse