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Tizian, Correggio, Julio und unzählige Künstler und Maler aller Art? fand der fünfte Karl nicht einen zweiten Julius und zehnten Leo, und viele treffliche Kardinäle sich gegenüber? Soll ich diesen hohen Geistern auch noch den verruchten Peter, den Aretiner zugesellen? Aber wohl darf man noch Guicciardini nennen und Leonardo da Vinci, wie Franz den ersten und manchen Fürsten jener Tage. Dass ich nicht den scharfsinnigen tiefen Pomponatius in Padua vergesse, den Lehrer Sperones und von hundert mächtigen Denkernund, was haben wir jetzt? Und beneidet nach funfzig Jahren jene Generation nicht vielleicht wieder die unsrige, die wir uns doch eines Torquato Tasso, einer Elisabet von England, und so mancher kräftig strebenden Menschen noch rühmen dürfen?"

"Wir sind auf dem Wege", sagte Farnese mit einiger Bosheit, "auch grossartige Ketzer zu rühmen."

"Wir sind hier im vertrauten Kreise", fuhr Bracciano mit einiger Heftigkeit auf, "und in die innere Familie hat die Inquisition bis jetzt noch nicht eindringen mögen."

Der Kardinal lächelte und antwortete mit feiner Liebenswürdigkeit: "Man kann mir wohl zutrauen, dass ich kein Freund der Inquisition und jener strengen Massregeln bin, die sich so oft, vielleicht ohne Not, für Heilungsmittel ausgeben."

"Und meine Meinung", fuhr Vittoria ruhig fort, "ist auch zu unbedeutend, oder meine person vielmehr, als dass irgendwer ein Gewicht darauf legen könnte. Doch glaube ich, dass die Kirche ebenso gegen unsre erste Hälfte des Jahrhunderts zurücksteht, wie in Staatskunst, Wissenschaft, Malerei und Poesie. Schon seit Alexander dem Sechsten hatte sich in Glaubenssachen ein freier Sinn offenbart, und ging gleichsam allen den Neuerungen in Deutschland und Frankreich voraus. Wären jene grossen Päpste und Kardinäle, die selbst die Freigeisterei und den Unglauben ertrugen, indem sie selber teil daran nahmen, weniger leichtsinnig gewesen, hätten sie ihre moralische Würde mehr gewahrt, so möchte ich jene Zeit eine goldene der Freiheit, der Poesie und des Denkens nennen. Ein grosser teil der Menschen war der Zuchtrute und Furcht entwachsen, die Kirche musste sich bequemen und der neu aufgehenden Zeit entgegenkommen: die anstössige Lebensart der Geistlichen musste sich bessern und so war im notwendigen Umbau vieler veralteten und morschen Teile der Kirche eine Einigung mit den starken Geistern des Auslandes wohl möglich, und der gefährliche Riss im Gebäude wäre nicht eingebrochen. Aber der Kluge verachtete, der Einfältige schalt die neuen Symptome, so verlief die günstige Zeit, und nun hat sich, um zu bessern, eine strenge Finsternis, ein Hass und Geist der Verfolgung, vernichtend über das bis dahin so heitere Leben gelagert. Seit dem vierten Paul, dem frommen Pius dem Vierten und dem krankhaft gläubigen Fünften, haben wir jetzt am milden und menschenfreundlichen Gregor, unserm Heiligen Vater, einen Herrscher, der die straff angezogenen Bande, die ihm jene in die Hand legten, nicht wieder darf locker auseinanderfallen lassen. Ja wohl sehne ich mich in jene heitere Vorzeit zurück, in denen unsre Eltern ohne Furcht vor diesem dunkeln Geist der Kirche denken und sprechen durften. Hat das Leben doch schon des Elends genug und des Grams, sind wir doch von allen Seiten beschränkt und gebundenso konnte man hier doch dem Spiel und dem Ernst, der Poesie wie Philosophie ihre freie Rennbahn zu entwicklung der edelsten Kräfte gestatten."

Farnese stand auf, zwar freundlich lächelnd, aber doch verwirrt und in ungewisser Gebärde. Er küsste die Hand der Rednerin und sagte: "Nicht so laut und öffentlich; denn man kann nicht wissen, wie diese Meinungen mit Zusätzen und entstellt herumgetragen werden möchten."

"Gewiss von keinem in diesem edlen Kreise", sagte Bracciano, indem er sich ebenfalls erhob, um Abschied zu nehmen. Er verweilte vor Vittoria, die ihm jetzt, beinah so gross, wie er selbst, gegenüberstand, indem er ihre Hand fasste und festielt, ohne sie zu küssen. "Ihr denkt in allen Dingen gross", sagte er dann, "und steht immerdar vom Haufen abgesondert, im Glanz Eures eigentümlichen Wesens und Glaubens. Ja wohl solltet Ihr eine Semiramis sein, um der starren kleinlichen Welt beurkunden zu können, was das Herz und die Gesinnung eines grossen Weibes vermögen."

Auch Pepoli verliess mit allen übrigen den Saal und Vittoria fühlte sich beschämt, dass der Mann, den sie so innigst verehrte, jenes jugendliche Gedicht aus den schönen Tagen von Tivoli kennen sollte, welches sie für so unreif hielt. Nur der gutmütige Caporale konnte es ihm mitgeteilt haben.

Peretti, der wiederhergestellt war, entfernte sich auch, um sich nach seinem abgelegenen Schlafgemach zu begeben. Die Mutter welche das neu eingetretene Verhältnis wohl erriet, wies alles Nachdenken darüber von sich ab. Betrachtete sie unbefangen ihren Schwiegersohn, so musste sie sich bekennen, dass sie ihn in ihrer blühenden Jugend niemals als Gatten neben sich hätte dulden können. Sie beseufzte die Entfernung, die zwischen ihr und ihrer Tochter unverkennbar lag, so dass beide gerade über die wichtigsten Gegenstände und Verhältnisse ihres Lebens am wenigstens sprachen. Mit beklemmtem Gefühl verliess sie die Tochter, die auch alle Diener zu Bette sendete, um in der Nacht noch im Saal in der Einsamkeit sich und ihren Gedanken zu leben.

Als alles still und ruhig war, öffnete sie die Tür zum Garten und betrachtete das Licht des abnehmenden Mondes, das rätselhaft durch die Bäume schimmerte. Dann setzte sie sich und schrieb in wehmütiger Stimmung noch einige Gedichte nieder.

"O du süsse Rosenknospe