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vielen Stoff, lange über das Gesprochene nachzudenken.

Zweiter teil

Viertes Buch

Erstes Kapitel

In der Familie Accoromboni und Peretti hatte indessen Friede und Ruhe geherrscht und alle Mitglieder derselben genossen eines anscheinenden Glückes. Viele angesehene Männer und Frauen besuchten gern das wohlhabende Haus, und der junge Peretti verlor nach und nach jenen Anschein unreifer Unmännlichkeit, konnte den Gesprächen Verständiger leichter folgen, und lernte in ihrem Umgange mehr und mehr ein anständiges Betragen. So segnete denn mit beruhigtem Gemüt der Oheim Montalto diese Ehe und war nur darüber verstimmt, dass, ungeachtet aller Warnungen, der Neffe sich immer bestimmter zum hinterlistigen Kardinal Farnese hinneigte, der ihn durch Schmeichelei und glänzende Verheissungen gewann.

Der Herzog Bracciano wiederholte seine Besuche, und bald war die Familie mit ihm auf den Ton eines vertrauten Freundes gekommen, denn er hatte sich der Mutter dadurch empfohlen, dass er mit einem reichlichen Gehalt den jüngsten Sohn Flaminio als vertrauten Sekretär in seinen Dienst genommen. Manchem Beobachter war diese Versorgung auffallend, da um dieselbe Zeit Flaminio sehr vorteilhafte Anerbietungen des Farnese von sich gewiesen hatte. So waren die Mitglieder der Familie auffallend in zwei Parteien geteilt, indem Peretti und der Bischof Ottavio ganz dem Farnese, die übrigen dem mächtigen Paul Giordano ergeben waren. Vittoria verschloss gegen jedermann ihre Gefühle und nur Bracciano verstand ihren Sinn.

Der Graf Pepoli hatte sich wieder, wichtiger Geschäfte halber, nach Rom begeben. Er erstaunte nicht wenig, als er im Palaste Medici einen schönen und edlen Jüngling wiederfand, den er sogleich für jenen Anführer der Banditen erkannte, der ihm vor einiger Zeit im Gebirge das Leben gerettet hatte. Die Räubereien der Banditen und ihre Unternehmungen der Rache waren zu einem wirklichen Kriege gegen den Kirchenstaat ausgebrochen, man drang bis vor die Tore Roms, die kleineren Städte wurden ausgeraubt und oft halb zerstört, und die Macht des staates war mit dem Dienst seiner ungetreuen, oft verräterischen Beamten und Soldaten nicht hinreichend, diesem Übel zu steuern, denn da die Banden besser und pünktlicher bezahlten, so liefen viele zu ihnen öffentlich über, andere, bestochen, weigerten sich zu kämpfen und liessen sich leicht und gern besiegen.

So unterhandelte jetzt der Kardinal Ferdinand von Medici, auf Ansuchen des Papstes, mit jenem Alonso, Grafen Piccolomini, der mit dem grössten Heere von Banditen Rom bedroht und beunruhigt hatte. Piccolomini war willig, das Gebiet des Kirchenstaates zu verlassen, wenn man ihm seine Güter im Florentinischen zurückgab. Der verständige Beobachter konnte an diese seltsamen Verhandlungen sehr eigentümliche und niederschlagende Betrachtungen knüpfen, dass die Verwirrung so weit gediehen war, dass Rom mit Empörern, Räubern und Mördern, wie mit einer rechtsbestätigten Macht unterhandelte, öffentlich, im Palaste eines angesehenen Kardinals, und dass Florenz halb gezwungen, halb gefällig nachgiebig vieler Rücksichten wegen, dem frechen Empörer die Besitzungen wiedergab, die er früher durch offenen Verrat zur Strafe eingebüsst hatte.

Als der verständige Kardinal sich mit dem Grafen allein sah, sagte er: "So tief sind wir gesunken, dass wir einen so schändlichen Frieden abschliessen müssen: dies beweist, wie sehr die notwendigsten Verhältnisse, alle Grundlagen eines Staates, aufgelöst sind, und dass wir, trotz anscheinender gesetz, herrschaft und Verwaltung, in einer wahren Anarchie nur noch dahinschmachten."

In einer andern vornehmen Gesellschaft fand der Graf Pepoli den unbändigen Luigi Orsini. Er betrug sich mässiger und mit besserem Anstand als gewöhnlich, denn er war in Gesellschaft der schönen Leonore, aus dem altberühmten haus Savelli, mit der er sich seit kurzer Zeit verlobt hatte. Diese schöne edle Gestalt zeigte in ihrem sanften und zarten Wesen vielen Stolz, und man konnte bemerken, dass sie selbst den starren Sinn ihres Bräutigams schon jetzt gebrochen hatte. Graf Pepoli erschrak fast, als er mit Orsini den Grafen Pignatello im vertrautesten Verhältnis fand, jenen Verruchten, der ein Anführer der Banden, im wald von Subiaco Ascanio und den Grafen Pepoli hatte ermorden wollen.

"Ah Don Giovanni", rief Vittoria dem Grafen entgegen, als er in den Saal trat, "Ihr kommt gerade recht, mir in einem Streite beizustehn, den ich fast schon verloren habe."

Der Eintretende fand eine ziemlich grosse Gesellschaft versammelt, unter welchen der Herzog von Bracciano und der Kardinal Farnese die vornehmsten Gäste waren. "Um was handelt es sich, edle Donna?" fragte der Graf: "ich werde Euch nur von geringer hülfe sein können, wenn ein Geist, wie der Eurige, seine Behauptung schon beinah fallenlässt."

"Unsre Freundin", sagte Bracciano, "liebt es zuweilen, paradoxe Meinungen zu verteidigen. Und ihr ist es nicht genug, den Schwächern, wie mich, in Verlegenheit zu setzen, sondern sie geht viel weiter, und will uns beschämen. So äussert sie ihre Freude darüber, dass der Heilige Vater mit dem Piccolomini, als wenn dieser Neapel oder Florenz selber wäre, einen Frieden abschliessen muss, dass ein ehrwürdiger Kardinal sich dem Geschäfte unterzieht, und dass wir alle, wenn wir leben und gedeihen sollen, die Obermacht eines Piccolomini oder Sciarra anerkennen müssen."

"Und doch beschuldigt sie uns", fuhr Farnese fort, "dass wir diese Banden erschaffen haben, dass sie in unserm Solde stehen, und dass wir gleichwohl von ihnen abhängig sein sollen."

"Meine Meinung ist nur", erwiderte Vittoria mit Lebhaftigkeit, "dass diese Empörer, Verbannte, Räuber und von der Gesellschaft Ausgestossene bei unserer Verwirrung notwendig, ja dass sie eine Wohltat zu nennen sind. So wie fast alle gesetz