kein Schicksal, keinen grossen, mächtigen Schmerz erfahren und erlebt hast? Ehe das Eisen geschmolzen, gehärtet und gehämmert wurde, ist es eine unscheinbare Erdscholle, ohne elastische Kraft, Schneide und Widerstand. Dein Wesen ist nur noch Traum und Ahnung; was du bis jetzt warst und geworden, ist nur noch Widerschein meines Geistes, Denkens und meiner Erfahrung. Glaube mir, Kind, es schlafen in uns grässliche Gespenster, tief im Hintergrund unserer Seele, wohin der blick der spielenden Jugend und die vorlaute Phantasie niemals reicht. Man lernt alle Menschen früher als sich selber kennen. Wäre nun dieser Camillo immerdar um dich, gewöhnte sein Gemüt so an deinen Umgang, dass dieser ihm zu seinem Dasein unentbehrlich würde, und du wolltest ihn nun als einen Überlästigen abschütteln, so würde er aus Eitelkeit, verletztem Gefühl, Zärtlichkeit und Kränkung in eine solche tödliche leidenschaft geraten, so in Wut, Eigennutz und Aufopferung rasen, so vor deinen Augen hinsterben, dass dein Mitleid, Kummer, Gewissen, die Vorwürfe, die du dir machtest, dein eigenes Wesen dir ganz verhüllen könnten, dass du auch auf eine Zeitlang glaubtest, dieselbe leidenschaft zu empfinden, und du zu spät deine Aufopferung bereutest. Glaube mir, alles dies geschieht, sogar nicht selten, und so erwachsen nur zu oft aus scheinbarer Liebe die unglücklichsten Ehen. In gewissen Stimmungen werfen wir unser Selbst und Heiligstes mit mehr Leichtsinn hinweg, als wir dem gierigen Hunde den Knochen hinschleudern. Eine freie und edle Wahl, meine Vittoria, muss deine Vermählung mit einem ausgezeichneten und hochstehenden mann herbeiführen, er muss deiner wert sein, so dass dein reiches Wesen durch ihn gewinnt. Dazu gehört vor allen Dingen, dass er dich versteht, dass er die Welt und den Adel echter Geister kennt; ein solcher muss dich erheben, du nicht ihn. Das dürftigste Schicksal, das kläglichste, entwickelt sich in den Ehen, in welchen das Weib höher steht, als der Mann."
Vittoria hatte ihr feuriges Auge sinken lassen, ihr schönes Haupt ruhte zwischen beiden Händen, indem sie die arme auf den Tisch stützte, so dass die fliessenden Haare dunkel, wie eine Wolke, niederwallten. Plötzlich sah sie auf, wie von einem Traume erwachend, und erschrak fast, als sie ihren Bruder Flaminio in der Nähe erblickte. Sie stand auf, flüsterte dem Bruder leise etwas zu, worauf dieser das Zimmer verliess. "Was hast du, Tochter?" fragte die erstaunte Mutter.
"Ich wollte dir nur sagen", erwiderte sie, "und das sollte mein junger Bruder nicht hören, dass ich gar nicht, niemals heiraten will und werde."
"Du hast heute deinen törichten Tag", erwiderte jene: "kann mein Kind sich so etwas vornehmen oder beschliessen?"
"Ich sehe wohl, Mutter", sagte Vittoria tief bewegt, "dass du mich, trotz deiner Liebe, nur geringe schätzest. Was nützen uns Bücher, der Umgang mit verständigen Männern, die Kenntnis der Vorzeit und alles, was uns die edelsten Geister singen und sagen, wenn das alles nur wie an Klötzen und Steinen vorübergeht und nicht zu unserem geist sagt: stehe auf, die Morgenstunde ist da, rufe aus allen Kammern deines Herzens und Gehirns die Diener, dass sie an die Arbeit gehen, dass in den Wellen des Blutes Entschlüsse und Kräfte erwachen, die das Geistige, Unsichtbare in Tat und Wahrheit verwandeln! Ja, Mutter, und so bin ich geworden, bin so geschaffen, dass ich ein Grauen vor allen Männern empfinde, wenn ich den Gedanken fasse, dass ich ihnen angehören, dass ich ihnen mit meinem ganzen Wesen mich aufopfern soll. Sieh sie doch nur an, auch die Besten, die wir kennen, auch die Vornehmsten: wie dürftig, arm, unzulänglich und eitel sind alle, wenn sie alle Verlegenheit der ersten Besuche ablegen und sich so recht frei und offen zeigen. Diese klägliche Lüsternheit, die aus allen Zügen spricht, wenn das Wort Liebe oder Schönheit nur genannt wird; diese alberne hohnlächelnde Tugend, die jene andern, welche für moralisch gelten wollen, zur Schau tragen; diese Dienstbeflissenheit und das Kriechen vor den Weibern, die sie doch in ihrem Herzen verachten – o weh! wenn ich in diesen Gesellschaften meine Heiterkeit behalten soll, so muss ich mich in einen Traum von Leichtsinn hüllen und meine Beobachtung zum Schlaf einwiegen. Und diesen Herzlosen, Gelangweilten, Geldgierigen, nach Ehrenstellen, und Lob der Grossen Durstenden soll ich das Kleinod meines reinen Leibes, meiner Keuschheit und Unschuld hingeben, wie man sich Tisch, Gefäss, Buch oder sonst ein Totes aneignet? Und – nur mit Entsetzen kann ich an diese Aufgabe unsers Lebens denken – wie aus einem Schrank, wie aus lebendigem Sarge soll mir unter Qualen ein Wesen genommen werden, das ich bin und doch nicht bin, das in seinem ersten materiellen Blödsinn mich ebensowenig kennt, vielleicht weniger, wie die Nelke, die ich in meinem Scherben erziehe. O mir graut, nur davon zu sprechen. Und dies Leiden, den Graus, den Abscheu zu erleben, wirklich zu erleben, ich ertrüg es nicht! Wie sehr tatest du recht, Mutter, mir unsere Bandello, Boccaz und den leuchtenden Ariost nicht zu verschliessen, wie manche Eltern tun, denn statt zu verlocken, hat sich diese sogenannte Liebe, die immer nach diesem entsetzlichen Ziele strebt, die berühmte allwaltende leidenschaft mir nur verhasst gemacht."
"Welche