1840_Tieck_098_69.txt

Freundin nicht ansichtig, und die Mutter bewunderte stillschweigend diese strenge Tugend, die sie der Tochter niemals, ja vielleicht sich selber nicht in diesem hohen Grade zugetraut hatte.

So waren mehr als acht Tage verflossen. Der Kardinal, der mehrmals nach dem Zustand seines Neffen hatte fragen lassen erschien endlich selbst. – Man sah an seinem Antlitz, wie sehr er sich um den geliebten Neffen gehärmt, wie sehr ihn die Möglichkeit seines Todes geängstigt hatte.

Er erkundigte sich genau nach dem Befinden, er fasste selbst den Puls des jungen Mannes, er untersuchte seine Kräfte, und fühlte sich endlich getröstet, dass sich die Besserung so bestimmt angekündigt hatte, so dass man hoffen durfte, dass nach einigen Wochen auch die letzten Spuren, bei der Jugend des Kranken, verschwunden sein würden. "Wie bist du aber nur", fragte dann der Alte, "in diesen unglückseligen Streit geraten?"

"Mein edler oheim", antwortete der Neffe, "das sind noch die Folgen meiner früheren Sünden; jene wilden Jugendgenossen, mit denen ich ehemals lebte, und in deren Gesellschaft mir Vittoria, an jenem Tage, als ich ihrer zum ersten Male ansichtig wurde, begegnetediese verfolgen mich jetzt mit Vorwürfen, dass ich mich ihnen abgewendet habe, dass ich ihre Gesellschaft verschmähe. Derjenige, mit welchem ich damals am vertrautesten war, der reiche, junge Mensch, Cesar Valentini, hat mir schon lange mit empfindlichen Schmähungen zugesetzt. Ach, Verehrtester, man ist jung, man wird endlich auch empfindlich; so schalt ich zurück, dass sie mir zu roh wären, ihr Umgang mir jetzt pöbelhaft dünke, dass, wer bessere Gesellschaft kenne, sie wie die Pest fliehen müsse, und dergleichen mehr. Wir zogen, und ich ward überwältigt, weil mehrere über mich herfielen, ich aber keinen zu meinem Beistande hatte. Jetzt, höre ich, ist seit diesem Anfall dieser Valentini entflohn, weil er die Gerichte fürchtet, und noch mehr Euch, mein geliebter Oheim."

"Mag er nur weit entrinnen", sagte der Kardinal, "und sich hüten, die Stadt nicht wieder zu betreten! Danke dem Himmel, dass du der Gefahr und dem tod entgangen bist."

"Ja wohl hat er sich gnädig an mir erwiesen", antwortete Peretti mit einem tiefen Seufzer: "aber auch ihr, meiner Gemahlin danke ich, zunächst der unmittelbaren hülfe Gottes mein Leben, denn sie hat mehr an mir getan, als alle Ärzte, sie hat sich zur Magd erniedrigt mich zu pflegen, und sich Schlaf und Nahrung versagt, um immer bei mir zu sein."

Er nahm ihre Hand und küsste sie mit dem Ausdruck der dankbarsten Rührung. Auch der Kardinal war, indem er Abschied nahm, freigebig in Lob und Dank, und Vittoria begnügte sich, dem ehrwürdigen mann mit gewöhnlichen Reden zu antworten und sich seinem Gebet und Segen zu empfehlen.

"O anbetungswürdige Vittoria", sagte jetzt der zerknirschte Peretti, als sie allein waren, "ich kann es dir nicht mit Worten aussprechen, wie sehr ich mich unter dir fühle, wie niedrig klein und gemein, du grosses, erhabnes Wesen. Ja, ich weiss es, ich fühle es innigst, dir gegenüber bin ich nur schlecht, und armseligaber der Himmel wird mir beistehn, dass ich besser, und deiner etwas würdiger werde."

Er hielt inne und sah sie bietend an. Sie antwortete ihm mit einem strengen blick und sagte dann: "Du erwartest, Francesco, dass ich, dem Herkommen und der Höflichkeit gemäss, dir widersprechen, und deine Selbstanklage mit beruhigender Freundlichkeit zurückweisen soll. Ich kann dies aber nicht und will es auch nicht, denn du bist jetzt wieder stark genug, um Wahrheit aus meinem mund vernehmen zu können."

Sie ging zur Tür, und Peretti erstaunte nicht wenig, wie er sah, dass sie diese verriegelte. "So können wir ungestört sein", sagte sie hierauf, indem sie sich zu ihm setzte. –

"Ja, Francesco", fing sie an, "du bist ein schwaches Wesen, und früh gingen deine Vorsätze unter, die du so sicher gefasst hattest. Dass ich dir nicht mit Liebe ergeben war, du weisst es, ich brauche es dir nicht jetzt zu sagen. Schnell, in wenigen Tagen erlosch das, was du deine ewige leidenschaft nanntest, ich ward dir gleichgültig, alltäglich. Dies sei kein Vorwurf, ich beklage mich nicht über deine Ohnmacht, ich hatte es so erwartet, und es war mir Trost und Beruhigung, dass dieser Zustand so früh eintrat. Warum also wollen wir nicht still und einverstanden ein Band lösen, das uns niemals hätte vereinigen sollen? Ich will dir Schwester sein, hülfreiche Gefährtin, Pflegerin in der Krankheit, aber niemals deine Gattin."

Francesco war betreten, und wusste nicht, was er antworten sollte. "Um so mehr ist dies nötig, und mein fester, unwandelbarer Entschluss", fuhr sie fort, "weil ich es recht gut weiss welche Gesellschaften du aufsuchst, wie du zu allen deinen früheren Sünden mit verstärktem Gelüste zurückgekehrt bist. Dein Oheim soll die geschichte deiner Händel glauben, o ja, ich gönne dir gerne diese Genugtuung. Ich aber weiss es, dass du neben andern schlechten Weibsbildern jene verrufene Agnes besuchst, die dich deiner Geschenke wegen annimmt, dass dich dort dieser Valentini getroffen hat, dass diese Rauferei nur ihretwegen entstand. Geplündert