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er zankend und hofmeisternd sie einmal besuchte; es gingen auch Wochen hin, ohne dass sie ihn sahen.

Es konnte der verständigen Mutter auch unmöglich verborgen bleiben, dass diese Ehe, welche sie gestiftet hatte, diesen Namen nicht verdiene. Vittoria ertrug den Gatten nur so eben, sie übersah ihn zu sehr; seine Schwäche, die auch dem blödesten Auge auffiel, musste sie verachten.

Der herbeste Kummer entstand aber über den ungestümen Marcello, der sich weder durch Liebe, noch Strenge bändigen liess. Nur einmal war Montalto in den heftigsten Zorn, ja in Wut geraten, so dass Mutter und Tochter sich vor dem alten Priester entsetzten, als die Nachricht gekommen war, dass in Zank und gemeinen Händeln Marcello einen vornehmen Jüngling wiederum gefährlich verwundet habe, und aus Rom entflohen sei, um sich einer der vielen Banden anzuschliessen, die im land, so wie ausserhalb, von den Mächtigen unterhalten wurden. Bei der leisesten Vorbitte der Mutter, auch diesmal zu vermitteln, war er im blinden Zorneseifer aufgefahren: er verwünschte die gefühllose Niederträchtigkeit des Jünglings, und verbat ein für allemal, in seiner Gegenwart auch nur seinen Namen zu nennen. Auch für den jungen Camillo liess er keine Vorbitte gelten, und wiederholte, wie sehr er es bereue, dass er den nichtswürdigen Marcello damals vom Galgen befreit habe, dort sei derlei Gelichter am besten versorgt, und seine Familie würde an ihm nur Gram und Schande erleben.

Graf Pepoli war aus Bologna wieder nach Rom gekommen. Er eilte, das Haus der Accoromboni, jetzt Peretti, wieder zu besuchen, weil für ihn diese Menschen zu den merkwürdigsten gehörten, die er jemals hatte kennen lernen. Vittoria war sehr erfreut, ihn wiederzusehn, denn, gedrückt von ihrer Lage, war ihr jeder gebildete Fremde eine trostreiche Erscheinung. Nach den ersten Begrüssungen sagte der Graf: "Ich muss Euch, Verehrte, ein Begebnis mitteilen, das mich wahrhaft erschreckt hat. Vor einigen Monaten ist der arme, bis zur Verwirrung geängstigte Tasso heimlich aus Ferrara entwichen. Niemand wusste dort am hof, wohin er sich gewendet haben könne; endlich erfuhr man, er sei fast wie ein elender Bettler bei seiner Schwester in Sorrent angekommen. Nun hat ihn seine Unruhe wieder nach Rom getriebensoeben ist er angelangtaber, Himmel! wie verwandelt! Wie sich so ganz unähnlich! Wie unkenntlich! – Wie würdevoll und ruhig erschien er uns damals: eine zarte, edle Wehmut durchzog und läuterte sein Wesen, er war sanft und bescheiden, und doch fühlte er seinen Wertund jetztich sah ihn bei seinem Beschützer Scipio Gonzagaso ganz ohne Haltung und Würde, unruhig, hastig, hin und her fahrend und wie verwirrt, das Antlitz eingefallen und die Augen erloschen, eilig, stotternd, viel fragend, ohne die Antwort abzuwartenein Bildnis zum Erbarmen und zum Entsetzen. Dieser grosse, herrliche Mann, mit diesem sublimen Talent, der so sicher und fest in sich selber ruhen könnte, der andern wie sich eine Quelle namenlosen Glückes sein sollteoh, wie seltsam ist doch das Gewebe unsers Lebens geflochten, dass nur zu oft das Schönste und Edelste uns bloss zu unserer Zerstörung gegeben wurde, und scheinbares Glück, das uns so freundlich entgegenschreitet, nur ein verhülltes Elend ist."

Vittoria war tief erschüttert, indem sie jenes schönen Tages in Tivoli gedachte.

"Alle seine Freunde", fuhr der Graf fort, "vorzüglich Gonzaga, beschwören ihn: auf keinen Fall wieder nach Ferrara zurückzugehen; der Fürst sei erzürnt, die Prinzessinnen ihm abgewendet, seine Neider und Feinde von mehr Einfluss als je. Aber ein böser Dämon scheint ihn mit kranker Hast und gespenstiger Unruhe dahin zurückzujagen. Er denkt und spricht nichts anderes. Um sich seinem Herrn ganz als ergebener Diener und bereuender Untertan zu zeigen, ist er auch bei Masetto, dem Agenten Alfonsos, abgestiegen, und behält dort seine wohnung. Er ist ein untergegangenes schönes und edles Menschenbild."

Es war natürlich, dass man in Rom in der Gesellschaft von den beiden plötzlichen Todesfällen der jungen Frauen Eleonore und Isabelle sprach, die sich so schnell hintereinander ereignet hatten. Nur wenige glaubten an Krankheit und natürlichen Tod. Donna Julia betrachtete die Tat der beiden Fürsten mit Grauen; "niemals", beschloss sie, "habe ich diesen schroffen Herzog Bracciano gesehen, ich denke mir ihn aber entsetzlich. Der Mord schwacher, hülfloser Frauen hat in der Vorstellung noch etwas viel Grässlicheres, als Grausamkeit und tödliche Verletzung, die sich Mann an Mann erlaubt."

"Oft", bemerkte Vittoria, "ist dergleichen auch keine Tat, sondern ein Schicksal, das sich aus den Umständen unabweislich wie von selbst entwickelt. Aus der naiven Erzählung des Fremden der so gar kein Arg von der Erbärmlichkeit seiner Novelle hatte, ging doch deutlich hervor, dass diese Donna Isabella ein sehr geringes Wesen sein musste. Wenn ein so klägliches Leben untergeht, so kann man wohl Erbarmen damit tragen, aber es ist nur wenig daran verloren. Und der Mann – o ja, man kann, man darf ihn schelten; aber warum Grauen und Entsetzen vor ihm empfinden? Scheltet doch die hergebrachte Sitte unsers verwirrten Lebens, diese Ehre, wie es die Männer nennen, dieses schwarze Nebelgespenst, dem schon so viele Opfer gefallen sind. Und abgesehen von allem andern, muss man die Umstände, Verhältnisse, Zufälle, die obgewaltet haben, alles genau kennen, um ein eigentliches richtiges Urteil zu