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, sondern wüst und wild wie immer. Deshalb wird auch schon allentalben laut geschwatzt und vielerlei erzählt: und er selbst soll gar nicht einmal widersprechen, sondern gleichsam durch sein Stillschweigen alles zugeben: dass er sie nämlich im einsamen Zimmer mit eignen Händen erwürgt, oder erdrosselt habe, um sie wegen ihres schlechten Lebenswandels zu bestrafen. Es ist aber immer hart und grausam, eine solche Rache zu nehmen."

"Gewiss", sagte Bracciano, "ebenso unverzeihlich, als unnatürlich. Sie hat zwar aller Sitte Hohn gesprochen und den erhabnen Namen der Medicäer, sowie das Haus Toledo geschändet; aber der Prinz hat dennoch wie ein Ruchloser gehandelt. Freilich war es unverzeihlich, dass sie als Mann verkleidet in dunkler Nacht durch die Stadt lief, mit Jünglingen im vertrauten Verkehr war, sich zu Sklaven und Sklavinnen mit leichtsinniger Vertraulichkeit herab erniedrigte, maskiert in fremde Häuser ging, um unzüchtige Szenen zu belauschen und ihre Freude an ihnen zu haben; – alles dies war unverzeihlich: – aber ermorden! mit eignen Händen! – Dadurch hat der Prinz sich selbst auf Lebenszeit gebrandmarkt. Das ist die verruchte spanische Sitte jener blinden Eifersucht und verabscheuungswürdigen Rache, die in unserm Italien niemals einheimisch werden sollte."

Er verabschiedete den Alten, und befahl ihm, sich umzukleiden, ein Abendessen zu geniessen und sich zeitig niederzulegen, damit er nicht erkranke. Es geschah so. – Isabella sass wie vernichtet an dem Speisetische. Das Zimmer ward ihr zu enge, und doch zwang sie sich, zu geniessen, was der Gemahl ihr mit scheinbarer Freundlichkeit vorlegte.

"Denkwürdige begebenheiten!" sagte er nach einer Weile: "so watet die leidenschaft und das heisse Blut immerdar in unsern grossen Häusern. Wie einfach war die Lebensweise des alten Cosmus, jenes ehrwürdigen Vaters des Vaterlandes, wie rein und edel steht jener grosse Lorenzo Magnifico da! Aber nun mit dem Herzog Alexander brechen Untaten und Unglück herein. Diese Söhne des edlen zweiten Cosimo, die so rätselhaft in früher Jugend sterben: die Blutszenen, die schon jetzt, seit der kurzen Regierung deines Bruders vorgefallen sind. Von andern Familien jener Papst Alexander, und sein scheusslicher Sohn Cesar Borgia, noch manche Päpste, die Familie der Visconti und Sforza in Mailand, der Ferrarese, der den eignen Sohn hinrichten lässtund alles wird erregt durch Liebe, Wollust, Eifersucht, Rachgier, Eigennutz und Herrschbegier!" –

Er ging im saal auf und ab und sagte dann: "Keine grössere Wonne, als nach so furchtbarem Gewitter im Finstern durch den erfrischten Wald zu schreiten: das war von Jugend auf meine Lust."

Er nahm den Degen und die Jagdflinte und entfernte sich. Isabella sass in stummer Verzweiflung und rang die hände. Dahin war also nun der schwärmende Leichtsinn des Lebens ausgeschlagen! Sie irrte durch die Zimmer: in den Vorstuben, vor den Türen, allentalben ihr fast unbekannte Diener, mit strengen Angesichtern. Da kam die alte Amme und winkte ihr geheimnisvoll, so dass sie, entfernt von allen, sie in der Schlafkammer ganz allein sprechen könne. Als sie sich sicher wussten flüsterte die Amme: "Hier! nehmt das Blättchen! Der Alte sagte mir, wie er ankam, er hätte deswegen nur die traurige Botschaft übernommen, um Euch das Blättchen, wenn auch mit Lebensgefahr, abzuliefern. Er ist zwar reichlich belohntaber das Leben geht doch über alles."

Isabella nahm zitternd das Papier. Sie kannte die Hand wohl; es entielt nur: "Um Gottes willen! flieht! gleich! im Augenblick, da Ihr dies empfangt!"

"Wohin? Wie?" rief Isabella in Verzweiflung; "die Fenster zu hoch, der Wald unwegsam und mir unbekannt; kein Pferd, kein vertrauter Mannwenn jener Alte vielleicht aus der Stadt –"

"Alles umsonst", heulte die Amme, "ich bin schon an seiner Tür gewesen, sie haben ihn eingeschlossen. – Wohin man sieht, stehen die ernsten, verdriesslichen Wächter mit finstern Gesichtern; wir sind wie in einer Festung verriegelt."

An alle Fenster ging die geängstigte Isabella, um einen möglichen Ausweg zu entdecken; aber alles war umsonst. Jetzt kehrte der Herzog zurück und die Amme verliess ihre Gebieterin. Er stellte Flinte und Degen wieder in die Ecke, zog die Handschuhe aus und sagte: "Es ist doch beinahe kalt geworden, man sollte sich mehr vor solchem schnellen Wechsel der Witterung in acht nehmen. Solltest du es glauben, der ehrliche Alte, der so unbesonnen und hastig herausritt, um uns jene Trauerkunde zu bringen, er hat sich so erhitzt, und nachher durch das Gewitter so erkältet, dass er jetzt schon in dem Zimmer unten tot liegt."

Isabella stiess einen laut gellenden krampfhaften Schrei aus, indem ihr ganzer Körper zitterte. Von ungefähr ging ihre vertrauteste Kammerfrau, die schöne junge Stella, an der Tür vorbei: diese kam, da sie diesen ungewöhnlichen furchtbaren Aufschrei vernahm, schnell herein. Sie sah, wie Bracciano um die leidende Gemahlin bemüht war; er hielt sie in den Armen und sagte: "Ist es die Reise, ist es die Furcht, welche ihr das Gewitter erregte? sie ist wie von einem Schlagflusse getroffen worden."

Stella rieb ihr die Schläfe: die halb ohnmächtige Herzogin warf einen fast sterbenden blick auf die befreundete Gestalt, drückte ihr die Hand und lispelte: "Bei mir bleiben!"

"Sie wird immer schwächer", sagte Bracciano; "