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. Ich begreife selbst nicht, warum ich meine Schlösser hier nicht schon mehr ausgebaut, und bequemer eingerichtet habe: geht mir doch mein Schwager, der Grossherzog, mit so trefflichem Beispiel voran. Er kann auch freilich bequemer die grossen Summen in seinem Pratolino aufwenden, als ich es vermöchte."

Die Herzogin Isabella befand sich wie in einer neuen Welt Auf diese Rückkehr ihres Gemahls hatte sie niemals rechnen können: ihre ganze Lebensweise musste durch dieses unerwartete Ereignis eine andere Einrichtung gewinnen. Sie glaubte den Gemahl und seine Eigenheiten zu kennen, und doch erschien er ihr jetzt in einem ganz neuen Lichte, als wenn sie gewissermassen jetzt zuerst seine Bekanntschaft machte. Sie ward ängstlich, und wollte sich doch ihre Angst, als eine grundlose, ableugnen.

So begab sie sich in den Palast, um von dem Grossherzog ihrem Bruder Abschied zu nehmen. Sie fand ihn allein in seinem Arbeitszimmer. Er war still und nachdenkend. Die schöne Frau die fast grösser war, als der Bruder, umarmte diesen mit Herzlichkeit und empfahl sich seinem Wohlwollen und Schutze. Er antwortete nur wenig, und sie zögerte noch zu gehen, und wusste selbst nicht, weshalb sie zauderte. "Du siehst krank, mein geliebter Bruder", sagte sie endlich, "blass und ermüdet." -"Ich wollte von dir das nämliche bemerken", antwortete er, "du scheinst aufgeregt und eine fieberhafte Röte brennt auf deinen Wangen."

"Werden wir uns fröhlich und gesund wiedersehn?" fragte sie fast weinend im Ton. Sie erschrak vor dem stechenden blick den sie aus seinem Auge empfing, doch verschwand dieser scharfe Glanz plötzlich und wich einer sanften Zärtlichkeit in seinem Auge, indem er ihr die Hand drückte und sie zur Tür geleitete.

Sowie sie über die Schwelle schreiten wollte, umarmte sie der Bruder noch einmal mit ungewöhnlicher Heftigkeit, er drückte sie lange an sich, indem er zitterte und entliess sie dann mit dem Ausdruck tiefster Wehmut. Ausserhalb dem Vorhang der Tür, dünkte es ihr, als höre sie den starken, kalten und verschlossenen Bruder weinen, und sie wollte schon wieder umkehren, aber die Kammerherren und Hofdamen, die sie feierlich umringten, um sie nach den entfernten Gemächern der Grossherzogin zu führen, verhinderten sie daran.

Sie traf die kränkelnde Fürstin blass und erschöpft auf ihrem Ruhebette liegen. "Ich habe schon erfahren", sagte diese, "wie glücklich du bist, dass du dich mit deinem Gemahl wieder versöhnt hast, du Beneidenswerte. Nur mich verfolgt das Elend in allen Gestalten, und es ist sehr wahrscheinlich, dass ich euch bald verlasse: bin ich doch auch mir und allen Menschen nur zur Last."

In der Bewegung, in welcher die Herzogin sich befand, küsste sie feurig die hände der kranken Fürstin. "Du bist gut, geliebte Schwester", sagte diese; "so wild und leichtsinnig du auch manchmal sein kannst, du liebst mich, ich habe es immer gefühlt, wenn du auch mit jener da, die ich nicht nennen mag, auf einem zu vertrauten fuss lebstwohl deinem Bruder zu gefallen mehr, als weil du sie wahrhaft achten könntest. – Verscherze nun nicht wieder die Liebe und achtung deines Gemahls; er hat grosse Eigenschaften, er ist grossmütig bis zur Verschwendung, tapfer, ein Edelmann und Fürst in jeder Ader, dabei nicht jähzornig und rachsüchtig, wie es so viele der Unsrigen hier sind."

Von der Fürstin begab sich Isabella zu Bianca. Sie traf sie in ihrem Ankleidezimmer, beschäftigt, Putz, Kleider und Schmuck zum heutigen Feste auszuwählen. "O Törin!" rief ihr Bianca entgegen, "dass du jetzt schon reisest, und nicht das heutige fest noch abwarten willst. Sieh mich einmal an, ich habe heute zum erstenmal die neue Schminke versucht, die mir der Doktor empfohlen hat: sie ist etwas zu rot, hebt aber dadurch freilich das Feuer der Augen noch mehr hervor. Mein kleiner Francesco ist entzückt von dieser Erfindung. Nicht wahr, er fängt an, recht dick zu werden? Aber es kleidet ihn nicht übel; doch ein anderer Mann, wie der Kardinal Ferdinand, der kalte, abgemessene Mensch, der lauersame. Denke! – unser, oder dein Troilos ist verschwunden; er soll wo draussen auf dem land krank liegen aber kein Mensch kann sagen, wo. Ich hatte schon so sicher auf ihn gerechnet, dass er mit seinen Spässen unser heutiges fest beleben sollte. – Hüte du dich nur etwas vor deinem Bracciano: er war hier bei mir und er gefällt mir gar nicht. Er hat sich in den Jahren, dass ich ihn nicht gesehen habe, recht verändert. So herrisch, gebietend, sich so breit machend: und in seinem hoffärtigen Auge so eine Art Verachtung, selbst gegen mich, als wenn er Kaiser wäre und ihm die Welt gehörte. Diese tückischen, bösartigen Männer, die sich selber alles erlauben, und uns armen Weibern dann die kleinsten Schwächen vorrücken wollen! Hast du gehört, wie Pietro, der ungezogene Mensch, gegen seine Frau gewütet hat? Es ist wahr, sie ist etwas zu weit gegangen, die Tolldreiste, und wir alle haben ja auch deswegen jeden Umgang mit ihr abbrechen müssen; aber wer ist er denn, der ausschweifendste aller Menschen? darf er die Tugend predigen wollen?"

So ergoss sich das herzlose Geschwätz noch eine Weile, dann nahm sie mit gleichgültiger Freundlichkeit von Isabellen Abschied und sagte beim Scheiden