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Fürst mit königlichem Anstande herein. Mit einem von Freude strahlenden Gesicht ging ihm Francesco bis zur Tür entgegen und umarmte ihn herzlich. Der Sekretär aber riss gross die Augen auf und glaubte, der Palast müsse mit ihm versinken, denn dieser eintretende Herzog Bracciano war niemand anders, als jener Don Giuseppe, sein Reisegefährte von Rom her. Indem der Grossherzog den Fürsten Bracciano zum Lehnsessel führte entfernte sich Malespina blass und bestürzt, ohne dass Paul Giordano die mindeste Kenntnis von ihm nahm, als wenn er ihn schon gesehen hätte. Der Sekretär begriff, dass es klüger sei, von jenem Abend zu Rom und der Reise hierher mit diesem vornehmen Begleiter zu keinem Menschen ein Wort verlauten zu lassen.

Nach kurzer Zeit trat auch der jüngste Bruder des Herzogs, Don Pietro, der wilde, herein. Blass und abgezehrt, wie er war, so ein irres Feuer auch aus seinem unstät rollenden Auge blitzte, so erkannte man doch die edle Grundgestalt der Medicäer in seinem Angesicht. Er war heftig aufgeregt, und sprach von der Schande seines Hauses, er schalt auf die Familie, dass weder Vater noch Bruder sich herbeibemühen wollten, ein Weib, das so öffentliches Ärgernis gebe, zu bestrafen. "Und was soll nun geschehn?" rief er mit zorniger Gebärde. "Denn ich dulde diesen Schandfleck unseres Hauses nicht länger."

Bracciano sprach von Scheidung, und die Verirrte in ein einsames Kloster zu verbannen. "Um noch mehr Aufsehn zu erregen?" fragte der Prinz, indem er mit dem Fuss heftig auf den Boden stampfte. "Eins ist kürzer und sicherer, ohne Gerichte und Priester zu bemühen."

"Was sinnst du?" fragte der Herzog.

"Hast du so lange in Spanien gelebt", antwortete jener, "und kannst noch zweifeln? Nur bei der Wahrscheinlichkeit, nicht einmal beim Beweise, dass der Mann vom weib beschimpft sei, zeigte sich dort der stets fertige Dolch."

"Mein Prinz", sagte Bracciano, "überlegt kühl und ruhig bevor Ihr zum Äussersten schreitet. Diese Eleonora ist schön und klug, Ihr habt sie vormals geliebt, erspart Euch, ihr und der Welt das Traurige. Gebt der Verleumdung und der Tadelsucht nicht von neuem gelegenheit, Euer erlauchtes Haus zu verunglimpfen, in welchem das Schicksal schon so oft mit blutigem Finger die glänzenden Blätter seiner geschichte bezeichnet hat."

Als der Grossherzog in demselben Sinne sprach und Mässigung anriet, rief Don Pietro im höchsten Unwillen: "Was kann der ältere Bracciano von dem wissen und fühlen, was in meinem jugendlichen Herzen tobt? Sei er doch mässig, gelinde und phlegmatisch: unsre witzige, übermütige Schwester wird sich so mehr ihres häuslichen Glückes, oder ihrer Ungebundenheit erfreuen können. Ihr, Herr Herzog, seid jahrelang abwesend, Ihr seid im grund von Eurer Frau geschieden, Ihr denkt und handelt wie ein Italiener, Ihr seid auf jenem Ehrenpunkte nicht so empfindlich: auch gibt Euch die Schwester keine Veranlassung zur Wut und Rache. Und mein fürstlicher Bruder! Er weiss sich doch auch immer auf eine kurze Art Ruhe zu schaffen, wenn ihm jemand im Wege steht. So wenig Ihr, mein gebietender Herr und Bruder, Euch auch um Eure Gemahlin kümmert, so würdet Ihr doch gewiss, wenn ihre Schande so offenbar wäre, dieselbe Bahn betreten, die ich im Sinne habe. Und das ist auch das grösste Vorrecht unsers Standes, dass wir nicht, wie die kümmerlichen Menschen dunkler Geschlechter nach Form und Recht zu fragen brauchen. Lassen wir uns mit diesen ein, so wird der geborne Fürst immer in Nachteil geraten; denn die kleine bürgerliche Schadenfreude und der Neid zwacken an seinem klaren Recht dann so hin und her, dass er auch das Notwendigste endlich nur mit Verdruss und Demütigung erlangt."

Der Grossherzog schien durch sein Stillschweigen diese Aussprüche zu billigen. Das Gespräch nahm eine andere Wendung und Don Pietro entfernte sich. Der Grossherzog sah ihm sinnend nach und schien innerlich zu erwägen, wieviel Gewalttätiges sich schon im haus der Medicäer ereignet habe, wieviel er selbst veranlasst und wieviel Tragisches noch im Schoss der Zukunft schlummern möge.

Bracciano beurlaubte sich, indem er sagte: dass es seine Absicht sei, einmal auf seinen Jagdschlössern hier sich zu ergötzen, sich mit der liebenswürdigen Gattin, die er zu sehr vernachlässiget habe, völlig auszusöhnen, sich der Erziehung seines Sohnes zu widmen, und durchaus den Hausvater zu spielen: einen Zustand und Charakter, den er in seinem bewegten Leben fast noch gar nicht habe kennen lernen. Der Grossherzog lächelte freundlich aber zweideutig, als wenn er alle diese Reden in einem andern Sinne verstände. Bracciano entfernte sich, um in seinem Palaste die nötigen Befehle zu geben, weil er auf seinem Schloss im Gebirge eine grosse Jagdlust veranstalten wollte.

Don Pietro reisete auch mit seiner Gemahlin und wenigem Gefolge ab. Donna Isabella empfing ihren Gemahl Bracciano mit einiger Verlegenheit, da sie ihn seit Jahren nicht gesehen hatte. Sie verwunderte sich noch mehr über seine freundliche Vertraulichkeit, die sie auch in früheren, besseren zeiten an ihm vermisst hatte. "Ja", sagte er, "ich will einmal diesen Sommer ganz mir und meinem Genius leben; mein schönes Jagdrevier in Cerreto habe ich seit zu lange vernachlässigt, auch du siehst dich gern zu Pferde im frischen kühlen wald und scheust dich, wahre Heldin, nicht vor dem wilden Eber. Diese schönen Tage sollen uns ungestört von lästiger Gesellschaft dahinfliessen: nur wenige Freunde werden uns besuchen und nur Jagdgenossen