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um durch meine Wohltat das Glück eines solchen Hülfsbedürftigen auf dauernde Weise gründen zu können. Auf jeden Fall werde ich ihm die hundert Scudi geben, die ich neulich für unerwartete Fälle von meinem Ersparnis zurücklegen konnte. Empfehlung, wenn sie wirksam ist, kann nachher als eine grosse Summe angerechnet werden. Was meint ihr, Kinder, Flaminio und du, Vittoria, zu dieser meiner Absicht?"

Flaminio stimmte unbedingt der Mutter bei, doch Vittoria schüttelte lächelnd den Kopf, so dass die Mutter sie betroffen ansah und mit ihrem forschenden Blicke ihre Meinung erraten wollte. "Nein! nein!" rief das lebhafte Mädchen, "glaubt mir nur, unser Camillo ist ganz anders, als wie ihr ihn euch denkt. Ich habe ihn seit lange beobachtet und kenne ihn ganz genau. So blöde das junge Wesen scheint, so schwachgemut und ungewiss in seinem Denken und Tun, was vielleicht daher komme, dass sein Charakter noch nicht ausgebildet ist, so stolz ist doch dieser Jüngling, so dass er gewiss, verwundet und gekränkt, diese Wohltat, die ihm wohl gar als eine Bezahlung erscheinen möchte, ausschlagen würde. Glaube auch nicht, liebe Mutter, dass es sein Wunsch ist, ein Geistlicher zu werden. Er hat mir schon vor einigen Monaten in Rom bekannt, dass ihm dieser Stand verhasst sei; Soldat möchte er werden, oder als Handelsmann auf Reisen gehen, eine Seefahrt versuchen und fremde Länder sehen. Wunderliche Schicksale der Seeleute, der grossen Feldherren und Condottieridas reizt ihn, solche Bücher, wie das alte Gedicht von dem Feldhauptmann Piccinini, liest er am liebsten, und versäumt, wie er nur irgend kann, Messe und Gottesdienst, so dass ihm auch viele seiner Schulgenossen feind sind und ihn erbost nur den Ketzer und Luteraner nennen. – Und dannhundert Scudi! Liebe Mutterwenn ich nun doch einmal bezahlt werden soll bin ich denn nicht mehr wert? Diese Taxe ist allzu gering, dafür schlage ich mein Hündchen noch nicht einmal los."

"Törichtes Wesen!" sagte die Mutter lächelnd, "wie kindisch du zuweilen sprechen kannst, da dich doch viele kluge Männer in manchen Stunden wegen deines Verstandes bewundern wollen. Das Unbezahlbare, das Höchste lässt sich niemals mit Münze ausgleichen, das weiss ich so gut, wie du. Aber eben deswegen muss ein Leben, wie das des Kindes, das die Mutter, wenn es entflohen ist, nicht mit Millionen zurückkaufen kann, mit Dank, mit Kleinigkeit, mit hülfe erwidert und belohnt werden. Der Wohltäter fühlt dies auch selbst und nimmt das, was Freundschaft reicht, wenn er es bedarf, mit Rührung an, als wenn es ein grosser Schatz wäre. Sind wir doch immerdar mit dem Leben und den Elementen, die uns beherrschen, im Kampf: kann ich dem Nebenmenschen diesen erleichtern, so tue ich, selbst durch eine Kleinigkeit, etwas Gutes."

"Alles wahr", sagte Vittoria, "aber darum ist auch in diesem Falle, der so gewichtig ist, Wohlwollen und Freundschaft, ein Entgegenkommen im Vertrauen, ein kindliches und brüderliches Verhältnis, so dass ein solcher Wohltäter mit zur Familie gehörtfür den Zartfühlenden der wahre Dank und die grösste Belohnung. So sollten wir mit diesem freundlichen und bescheidenen Camillo sein, und auch in Rom seine arme Eltern manchmal sehen, die sich gewiss durch solche Auszeichnung sehr geschmeichelt und beglückt fühlen würden."

Die Mutter stand auf, und ging heftig im saal auf und ab. "Also dahin sollte es kommen?" sagte sie und setzte sich wieder langsam in den Sessel. "Vielleicht bereitet sich uns allen von diesem Zufalle aus ein trauriges Schicksal. Eben alles dies, was du mir deklamierend hergesagt hast, wollte ich vermeiden und unmöglich machen, weil ich das menschliche Herz besser kenne als du. Weil sich so natürlich ein vertrauliches Verhältnis, eine brüderliche Annäherung aus solchem Unglück entwickelt, weil für dieses ein eigentlicher Dank und eine Belohnung unmöglich sind: so will der erst so grossmütige Wohltäter nur gar zu leicht das gerettete Wesen selbst an Zahlungs Statt, und vernichtet so seinen Dienst, indem er sich das Liebste eigennützig zum Opfer bestimmt; die Gerettete ist oft im Überschwang des Dankes schwach genug, eine solche Schuldforderung anzuerkennen, ohne einzusehn, dass sie auf diesem Wege nur später eines andern Todes stirbt. Und sollte ich dich je auf diese Weise verlieren können, so wäre es mir eben auch nicht schmerzlicher, wenn dich die rasenden Wogen dort verschlungen hätten. Gerade darum muss nun dieser Mattei unser Haus so wenig wie möglich betreten; wir sind ihm zum höchsten Dank verpflichtet, aber wir müssen uns ihm mehr als je entfremden: er muss fühlen, dass wir in verschiedenartigen Elementen leben, und dass unsere Lebenskreise sich niemals berühren können."

"Ihr überrascht mich, Mutter", sagte Vittoria hoch errötend. "Nein, ich bin diesem kleinen freundlichen Camillo so gut, fast wie unserm Flaminio daaber deswegen – – was du andeutest Frau Julia, davon könnte ja niemals die Rede sein. Du sagst, du kennst das menschliche Herz besser als ichkann sein; aber ich kenne mein eigenes Herz, mein Wesen, das dir doch vielleicht in einigen Teilen noch fremd und unbekannt ist."

"Wie die Jugend in ihrer Unerfahrenheit spricht!" antwortete die Matrone nicht ohne Heftigkeit. "Dein Herz! dein Wesen! Hast du denn schon etwas der Art, da du noch gar