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sah sie; bald war sie seine Geliebte: so schlau und verständig ist dieses schöne Wesen, dass er jetzt nach dreizehn Jahren noch ebenso leidenschaftlich ihr ergeben ist, wie in den ersten Wochen. Wir alle sind überzeugt, dass, wenn etwa seine Gemahlin sterben sollte, er Bianca zur Grossherzogin erheben würde. Als der vorige Mann der Bianca sich durch Übermut allen verhasst gemacht hatte, ward er ermordet und niemand beklagte ihn. Überhaupt, so gern unser Fürst streng sein möchte, haben die Meuchelmorde in der Stadt wie in der Provinz ausserordentlich zugenommen, denn es scheint den Mächtigen immer das kürzeste, den Gegner, der Verdruss und Verwicklung erregt, aus dem Wege zu räumen."

Die beiden Männer konnten sich in ihrem Fuhrwerk so frei und ungestört unterhalten, weil Giuseppe keinen Diener bei sich hatte und der Florentiner seinen Wagen von einem halbtauben Menschen lenken liess, der nur seine Pferde beachtete.

"In Eurer Erzählung gestern", fing Don Giuseppe an, "ist mir manches unklar geblieben, und ich zweifle selbst, ob sich alles so habe zutragen können, und doch scheint Ihr sehr unterrichtet, ja Ihr waret bei jenen läppischen Spielen am hof wohl selber zugegen."

"Gewiss", erwiderte jener. "Aber, mein Freund, wenn Ihr niemals an Höfen gelebt habt, so wisst Ihr auch nicht, was Übersättigung und Langeweile alles erzeugen können. Wieviel Aufwand, übertriebene Pracht, Gold in Haufen weggeworfen, übermässige Belohnung der Künstler und Gewerbe bei Hochzeitenund daneben unwürdige Knickerei und Geiz. Die edelsten Geister unserer Zeit so oft in Tätigkeit, das Vollendete, Grosse hervorzubringen, wovon unsere Nachkommen noch mit Bewunderung sprechen können; – und unmittelbar darauf solche Spiele und Spässe, welche ihr eben läppisch genannt habt. Der Grossherzog sieht seine kränkelnde Gemahlin nur selten, er wünscht sich männliche Erben, damit sein Reich nicht an seine Brüder falle: der Kardinal Ferdinand ist ein vortrefflicher Mann, fein, gewandt und edel, aber der Grossherzog betrachtet ihn natürlich mit Neid und Eifersucht. Der jüngste, Don Pietro, der viel in Spanien gelebt, und mit einer Spanierin aus dem haus Toledo vermählt istwas soll man von diesem sagen? diesem wilden ausschweifenden Mann, den Krankheiten ausgehöhlt haben, der in seiner Wut kaum einem Menschen gleichter wird gefürchtet und gehasst, und setzt ebendadurch alles in Schrecken, er herrscht dadurch, dass er es gar kein Hehl hat, wie er keine Rücksichten kenne und sich alles für erlaubt halte." –

"Da Ihr Euch so gerne mitteilt, Don Celio, so erlaubt mir noch einige fragen, und löst mir einige Zweifel auf, die Eure Erzählung von jenem lächerlichen Gesandten aus Ferrara mir erregt hat", sagte Don Giuseppe. "Jener Troilo von Orsini, den Ihr nanntet und als einen schönen jungen Herrn beschriebet, muss mit der Herzogin von Bracciano, jener Isabella, auf einem sehr vertrauten fuss leben, ich möchte das Verhältnis verdächtig nennen, da er so ganz keine Rücksicht auf ihren Stand und Ruf zu nehmen scheint, dass er sie zu diesen nächtlichen Spaziergängen und Verkleidungen missbrauchen darf."

"Mein geehrter Herr", sagte Celio, "Ihr nehmt diese Verhältnisse zu streng und feierlich. Wie die arme Grossherzogin, die doch eigentlich in keiner wahren Ehe lebt, sich oft in Langeweile, Verdruss und Eifersucht verzehrt, und sich daher gern in zuweilen schlechten Spässen ergeht und erheitert, so ist es auch auf ähnliche Weise mit Donna Isabella beschaffen. Ihr Gemahl, der Herzog von Bracciano, ist ein tapfrer Herr, ein Mann in hundert Rücksichten ausgezeichnet, aber der Liebe mag er wohl nicht fähig sein. Seine Bravour hat sich früh im Dienst der Republik Venedig erwiesen, er ist schon etlichemal leidenschaftlicher Soldat gewesen, noch vor drei oder vier Jahren hat er sich im Kampf gegen den Türken vielen Ruhm erworben, und schon vor zwölf Jahren ging er von Venedig aus zur See: aber die arme Gemahlin hat ihn nur noch wenig gesehen."

"Ihr kennt den Mann nicht persönlich?" fragte der Fremde.

"Nein", antwortete Celio, "denn er hat sich schon seit Jahren nicht in Florenz gezeigt; aber alle, die von ihm sprechen, achten ihn hoch, wegen seiner männlichen Tugenden; aber sie fürchten ihn auch, denn er ist barsch und unerbittlich, wenn er erzürnt ist; selbst der Grossherzog hat eine gewisse Scheu vor ihm. Nun geht er seiner Laune nach, lebt bald hier, bald dort, und hält in Rom ein prächtiges grosses Haus, wo es ihm sein grosses Einkommen erlaubt, die Kardinäle und andere Fürsten zu überglänzen. Dann ist er wieder auf Reisen, unterstützt die armen Anverwandten und bändigt diejenigen, die sich zu trotzig erweisen. Aber die arme Isabella! Er soll sie nur aus politischer Rücksicht geehlicht und niemals geliebt haben. Nun hat sich dieser leichtfertige Ton am hof eingeführt, der einem Fremden auffallen könnte, welcher aber nur sehr selten ärgerliche Geschichten oder Verhältnisse hervorruft. Und so steht Donna Isabella auch ganz rein und unbescholten da. Aber die Langeweile, das einsame Leben, ein unbefriedigtes Dasein führen sie dahin, vielleicht mit zu grossem Ernst diese läppischen Spässe zu verfolgen."

"Hat sie Kinder?"

"Nur einen Sohn und eine Tochter, den Virginio, der noch unmündig ist, und den sie wie ihre Virginia liebt. Sie hat sich sehr jung, fast noch selbst als ein Kind verheiratet."

"