eigenes Auge, zu meinem unendlichen Schmerze, nicht gesehen. Könnt Ihr wohl noch ein einziges Wort zu Eurer Entschuldigung hervorbringen? '
Der Alte wusste nicht, ob man ihn närre, ob die Rede Ernst sei, er sank in die Knie, und bat, in Demut und Wehmut aufgelöst, um Verzeihung. Er konnte immer noch seine Fassung nicht wiederfinden. Er mochte nicht sagen, und wagte es am wenigsten in der Gegenwart des Troilo, wen er eigentlich erwartet habe. Er flehte nur, als man sich trennte, seine Verirrung und sein Missgeschick zu verschweigen. Dies wurde ihm zugesagt, und Donna Isabella war auch froh, als sie sich, von den Dienern des Hauses unerkannt, wieder im Freien befand. – Das Abenteuer des Gesandten blieb aber nicht verschwiegen, und er musste Anspielungen auf seine Sklavin hören, von der man in seiner Gegenwart wie von einer fremden Schönheit sprach, die mit seltsamen Reizen ausgestattet sei. Isabella aber zog sich seitdem ganz von ihm zurück, und er durfte sich nicht darüber beklagen." – –
"Diese possierliche Begebenheit", bemerkte die Matrone, "wenn sie nicht sehr ausgeschmückt ist, belehrt uns wieder, wie es an Höfen und bei den Vornehmsten ganz anders hergeht, als wir Geringeren es uns denken können."
"Es ist unbillig", sagte Vittoria, "Menschen so zu kritisieren, als wenn sie etwa ein Buch wären, aber ich muss gestehen, dass ich diese Donna Isabella gar nicht begreife. Schön, verständig, witzig, unterrichtet – und doch die Zeit mit so nüchternen Spässen hinbringen zu können. Fühlt sie denn nicht, dass, indem sie den alten Gesandten dem Gelächter preisgibt, etwas, wenn noch so weniges, auf sie selber von dieser Geringschätzung zurückfällt? Die edlen Naturen müssen am meisten darüber wachen, wen sie zur Gesellschaft wählen; denn die zartesten, höchsten, leiden am meisten vom schlechten Umgange: der Mittelmässige braucht nicht so ängstlich zu sein, denn in seiner Unbedeutendheit schützt ihn eine Waffe, die dem feinern geist mangelt."
"Sehr wahr", sagte Don Giuseppe, "der flache Mensch kann durch den Hochbegabten weder zur göttlichen natur aufsteigen, noch durch den Nichtsnützigen zum Bösewicht verwandelt werden. Je feiner, zarter die natur, so leichter ist sie der Verderbnis ausgesetzt." –
Man trennte sich, denn es war spät geworden. Indem Don Giuseppe von den Damen, vorzüglich von Vittoria Abschied nahm, fühlten diese beiden wohl, in welcher Bewegung sie waren. Er zögerte, sah Mutter und Tochter mit bedeutenden Blicken an, und bat dann um die Erlaubnis, seine Besuche wiederholen zu dürfen. Sie wurde ihm gern zugestanden, denn beide Frauen konnten es sich nicht verhehlen, dass ihnen dieser fremde Mann sehr bedeutsam erschienen war, wenn sie auch nichts Bestimmteres von ihm wussten.
Caporale begleitete diesen noch; und als sie in die einsame Gegend des Coliseums gekommen waren, stand der Fremde einen Augenblick still, fasste die Hand des Dichters und sagte: "Wie sehr muss ich Euch danken, Vortrefflichster, dass Ihr mich in diese Familie eingeführt habt, und wie glücklich seid Ihr zu preisen dass Ihr sie schon seit Jahren, und als vertraute Freunde kennt. Um des himmels willen, wie ist diese Vittoria an diesen Mann, oder an dieses Männchen geraten? Sie, die, wie ich meine, nur unter den Fürsten Italiens hätte wählen dürfen. Dazwischen muss eine höchst sonderbare geschichte liegen. Steht er nicht neben ihr, wie ein gemaltes Püppchen, das nur da ist, um den Saal ausfüllen zu helfen? Kann die Mutter wirklich viel von der Verwandtschaft mit dem Montalto erwarten? Mag der Mann fromm und tüchtig sein, aber niemand achtet ihn; er wird niemals einen grossen Einfluss erringen, dabei ist er alt und schwächlich."
Caporale antwortete nur obenhin, weil er die geschichte der Familie einem Fremden, den er nur noch so wenig kannte, nicht preisgeben wollte.
"Die junge Frau", fuhr Don Giuseppe fort, indem sie weitergingen, "ist ein wahres Wunder zu nennen. Mir ist noch niemals in der Schönheit die wahre Hoheit und Majestät des Weibes so erschienen. Wie sie spricht! Welcher Ton! Und welch ein Labsal ist es, sie nur anzublicken! Diese purpurdunkeln Haare, die rabenschwarzen Brauen, unter diesen, wie Goldstrahlen, die langen gebogenen Augenwimpern! Kein Maler hat je in seiner schönsten Begeisterung so etwas ersonnen. Und habt Ihr wohl das liebliche Rätsel bemerkt – oder, wie soll ich es nennen? – dass in dem linken Augenlide fünf oder sechs dieser Goldfäden mangeln? Schlägt sie nun das Auge nieder, oder blickt sie gar auf und sieht Euch an, so ist, als wenn Amor plötzlich aus dem Goldsaum flöhe und unverhüllt sichtbar auf dieser entblössten zarten Stelle des Auges dastünde. – Nicht wahr? für einen Mann von Jahren schwärme ich noch so ganz leidlich? – Ich werde gewiss von dem erhabnen Wesen träumen." –
Am andern Tage ging Caporale mit schwerem Herzen zu seinen Freunden. Die junge Frau traf er im Garten, der, sehr verschieden von dem ehemaligen Gärtchen, sich weit hinter der schönen wohnung ausdehnte. Vittoria eilte auf ihn zu. – "Nun?" rief sie ihm entgegen.
"Ich begrüss Euch", sagte der Poet.
"Ich dachte", antwortete sie schmerzlich, "Ihr hättet mir etwas Neues zu hinterbringen, und etwas Gutes, oder wenigstens