ihnen Camillo mit kurzen, eiligen Worten das Abenteuer und die überstandene Gefahr erzählte. Flaminio erblasste und ward so schwach, dass er sich an einen Baum lehnen musste. Die Mutter ergoss sich in Danksagung und Lob Camillos über seine Kühnheit und Geistesgegenwart. "kommt mit uns", beschloss sie, "teuerster Freund, kleidet Euch um, Flaminio wird Euch von seinen Kleidern geben, wärmt Euch in einem Bett, trinkt glühenden Wein und lasst Euch unsre Pflege gefallen."
"Nein! nein!" rief Camillo, "Eure Güte und huldreiche Freundlichkeit erkenne ich mit Dank, aber ich bedarf sie nicht. Ich fühle vom wasser nichts, die Sonne scheint warm, ich laufe zu meinem Oheim, der gar nicht weit ist, und kleide mich um. Meine Wonne, dass ich Euch so habe dienen und Euch Eure herrliche Tochter retten können. Ein unverdientes Glück!"
So lief er fort, und die Matrone, ohne zu sprechen, führte ihre Kinder nach ihrem haus. Vittoria war nachdenkend und Flaminio tief gerührt.
Als Camillo zu seinem alten Oheim kam und ihm die sonderbare Begebenheit erzählte, sagte der verdriessliche Mann: "Immer Kindereien getrieben, die zum grössten Unheil ausschlagen können. Wenn ihr nun beide ertrunken und vom Strudel verschlungen wärt! Ich hab es dir schon oft gesagt: der Umgang mit diesem hochmütigen volk ziemt dir einfachem Bürgerkinde nicht. Was kannst du von ihnen erlangen? Du wirst mit deinem stand unzufrieden werden und deine Zeit verlieren, und wenn du jeden Tag mit Leibund Lebensgefahr einen von ihnen aus dem wasser ziehst, hast du keinen Dank davon. Das geht mit Kardinälen und Baronen um; wenn der hochnasige Abt, der älteste Bruder einmal herkommt, sieht er mich kaum über die Achsel an. Der lange Mensch wird mir niemals etwas zu Gefallen tun, sosehr ich mich auch vor ihm demütige. – Jetzt in deine kammer da hinein! Zieh dich aus, kriech ins Bett, dass du warm wirst, ich will dir das Essen hineinschicken."
Camillo gehorchte ihm gern, nur um mit sich allein zu sein. Fast ohne zu wissen, was er tat, kleidete er sich aus, legte sich nieder, und träumte die Begebenheit immer wieder von neuem. "Gott im Himmel!" sprach er zu sich selbst: "wer bin ich? Und sie hat mich du genannt. Diesem himmlischen mund habe ich Küsse rauben dürfen, und, ich habe es im Taumel wohl gefühlt, sie hat mich wiedergeküsst. nachher wendete sie sich weg, aber wie freundlich, wie zärtlich! Und das Angesicht! der Busen! O was kann Marmor, Farbe nachbilden, wenn die Wahrheit, das Leben sich uns nahe und wirklich so hinstellt! – Ich habe gelebt. – Diesen Körper nahe am meinigen gefühlt, gedrückt, das Pochen ihres Herzens empfunden. – Und – der eine Augenblick – wo sich das Gewand weghob im Emporringen, und Bein und Knie sich entblössten. – Kann ich diesen Glanz je wieder vergessen? Wird die Erinnerung daran mich nicht elend, wohl gar rasend machen? – Wie matt ist Licht und Schimmer und Farbe und glänzendes Weiss gegen den Glanz und die Herrlichkeit, die uns der Körper eines schönen Weibes offenbart! Und diesen Himmel, einmal geschaut, will das Auge immer wieder sehen. – Wozu noch leben? Diese Momente kehren niemals, niemals wieder. – Hätte ich nicht vielleicht besser getan, mich mit ihr vom Strudel nieder in den ewig dunkeln Abgrund hinunterwälzen zu lassen? Sie zu morden, statt sie zu retten? Wissen wir denn, was der Tod ist? Mir wäre er Wollust, Himmel, Seligkeit gewesen, wenn auch im Grauen der Verzweiflung."
So phantasierte Camillo und konnte weder den Schlaf finden, noch wirklich wach sein.
Zweites Kapitel
Da die Familie Accoromboni sehr viele Bekannte und Freunde hatte, vorzüglich im nahen Rom, so war es natürlich, dass alle diejenigen, die von ihnen wussten, bald durch das Gerücht jene Begebenheit erfuhren, und zwar mit Übertreibungen, so dass manche glauben mussten, die junge und schöne Vittoria sei der Welt durch einen frühzeitigen Tod entrissen worden. Die Mutter, welche ihre tiefe Rührung verbarg, da sie die Äusserung einer jeden Schwäche scheute, hoffte den jungen Camillo bald wiederzusehn, und ihm noch einmal Dank zu sagen, und bei ihm selbst zu erforschen, auf welche Art sie ihm vielleicht auf seinem künftigen Lebenswege nützlich sein könne. Als er aber nicht erschien, ward sie besorgt, und Vittoria noch mehr, dass der Jüngling wohl erkrankt sein könne, denn sie konnten nicht glauben, dass er, ohne von ihnen Abschied zu nehmen, nach Rom zurückgereiset wäre. In dieser Erwartung sagte die Mutter zur Tochter an einem Morgen: "Mein Kind, es ziemt sich nicht, dass wir uns um den jungen Menschen, dem wir dein Leben zu danken haben, so gar nicht kümmern. Er ist arm, seine Eltern, wie ich gehört habe, leben in der Stadt nur sehr kümmerlich, man sagt, dass er sich dem geistlichen stand widmen soll, wir müssen also irgendeine Summe ihm oder seinen Eltern einhändigen, damit er seine Studien bequemer fortsetzen könne, und ihn nachher einigen unsrer wohlwollenden gönner dringend empfehlen, damit er bald zu einer einträglichen Stelle befördert werde, so dass er nachher seine armen Eltern selber unterstützen kann. Bei solchen Gelegenheiten kehrt mir immer wieder der Wunsch zurück, dass ich reich sein möchte,