Gnade das grösste Opfer, das Ihr mir noch bringen müsst, um das Elend, das mich ins Grab drückt, wenn Ihr mein Flehn nicht erhört, abzuwenden – das Leben meines ungeratenen Sohnes!"
Er hörte die geschichte des verirrten Jünglings ruhig an, und sagte am Schlusse: "Auch diese Bitte gewähre ich Euch, ob eine solche Verzeihung gleich meinen Gundsätzen und Überzeugungen völlig widerspricht. Auch dies muss mir Papst und Gouverneur bewilligen; denn es ist das erstemal in meinem Leben, dass ich dergleichen verlange. Wenn aber dieser Marcello wiederum abfallen sollte, er wieder in schlechte Gesellschaft und durch diese in die Bande des Gerichtes gerier, so sind, das vergesst mir nicht, für ihn meine Lippen versiegelt."
Sie trennten sich, beide füreinander mit der grössten Hochachtung erfüllt. In ihrem haus angelangt, fand die Mutter den Kardinal Farnese neben der Tochter sitzen, mit der er schmeichelnd zart, verbindlich und fein, vielfache gespräche führte. Die Matrone, als sie hereintrat, erschrak fast über die Schönheit der Tochter, die sich so blühend wie in dem Meisterwerke eines grossen Malers von dem alten, klugen und edlen Gesicht des Staatsmannes abhob. Vittoria benutzte die erste gelegenheit, sich auf ihr Zimmer zurückzuziehn, und als die beiden allein waren, sagte Farnese mit der unbefangensten Freundlichkeit: "Wo wart Ihr bis jetzt, geehrte Freundin?"
"Beim Kardinal Montalto", antwortete jene.
"Was wollt Ihr bei dem Duckmäuser?" rief Farnese laut lachend; "dieser kriechende, träge Esel aus der Mark, der in seinen Gebärden noch immer den Bettel seiner Eltern zur Schau trägt, der noch immer die Sprüchwörter der Kärrner und Viehtreiber von dort im mund führt, ein würdiger Liebling jenes fanatischen Pius des Fünften, der ebenso armutselig entsprossen war – warum erniedrigt Ihr Euch zu solchen Gesellen, von der besten Gesellschaft, die Ihr gewohnt seid, so tief hinab?"
"Mässigt Euch, Verehrtester", sagte sie gelassen, "soeben haben wir abgeschlossen; sein Neffe ist der Verlobte meiner Tochter." –
Dem Kardinal versagte das Wort im mund, er war totenbleich geworden. Er, der dafür berühmt war, dass er nie, auch bei den grössten Vorfällen des Lebens, in Verlegenheit geraten könne, konnte die Rede nicht wiederfinden, stotterte heftig und sagte endlich in lallendem Ton: "So? – Das habt Ihr, wie Ihr glaubt, klug gemacht? herrlich fabriziert! Diesen gelblichen Strohgimpel, diesen unflüggen Krammetsvogel in Euer Dohnengarn zu verstricken und ihn verzappeln zu lassen!"
Er stand auf, stampfte mit den Füssen und knirschte mit den Zähnen. -"Ich dachte", fing er wieder an, "Ihr würdet als eine verständige, erfahrne Frau, meine Vorschläge reiflich erwägen – aber nein, auch sie ist eine gackernde tugendhafte Gans, wie die übrigen schwatzenden regelrechten Maschinen."
Es war ihm unmöglich, seine Wut zu verbergen, und so verliess er das Haus.
Sechstes Kapitel
Nach kurzer Zeit, nachdem Graf Pepoli nach Rom zurückgekommen war, machte er sich mit dem frei gewordenen Ascanio auf den Weg nach den Sabinischen Bergen. Als sie im feld waren, sagte der Freigewordene: "Nur zwei Arten von Menschen wissen das Glück der Luft, der Landschaft und des hellen Wetters zu würdigen, der Kranke, der eine tödliche Krankheit in seinem Bette überstanden hat, und sich nun wiedererholt, um die natur noch lange Zeit mit neu anwachsenden Kräften zu begrüssen, und der Gefangene, der monatelang im dumpfen Kerker schmachtete. Ach, welches Glück, Licht und Luft zu genieren! Wen sie so in die freie Landschaft hinaushängen, der ist auf keinen Fall so übel daran, als dem sie in einem engen Gefängnishofe den Kopf abschlagen."
"Habt Ihr nun Hoffnung", fragte der Graf, "dass wir unser Geschäft bald vollenden, und sogleich den armen Alten werden befreien können?"
"Wenn ich aufrichtig sprechen soll", erwiderte jener, "so habe ich dazu die Hoffnung immer mehr und mehr aufgegeben, je mehr ich mir die Sache und ihre Schwierigkeiten überlegt habe. Denn ich sehe ein, sie haben seit meiner Gefangenschaft das ehemalige Zutrauen zu mir verloren; viele Dinge müssen sich geändert haben, dass jener Antonio mit Euch so barsch verfahren durfte. Wenn Ihr mir also misstraut, mein Wohltäter, oder wenn Ihr irgend zagen wollt, da ich selbst nicht mehr weiss, wie ich mit jenen ruchlosen Menschen stehe, so mögen sich hier unsere Wege auf immerdar trennen, und ich werde mich ewig Eurer Wohltat erinnern, die ich Euch nicht habe vergelten können."
"Und jener arme Gefangene?" rief Graf Pepoli aus, "dessen einzige hülfe und Hoffnung ich auf Erden bin? Nein, mein guter Ascanio, lasst uns beide das Letzte, das Äusserste versuchen. Wenn man nur den Mut nicht verliert, so gestalten sich die Sachen immer besser, als man es erst erwarten konnte."
"Ich wandle mit Euch", rief jener, "und wenn es in den Tod ginge."
Sie näherten sich dem Gebirge, und Ascanio fand es jetzt notwendig, sein Antlitz und seine Tracht zu verstellen. So kamen sie nach Subiaco, und ohne sich beim Apoteker aufzuhalten begaben sie sich in das Haus des Barigello. Der Kleine lächelte verschmitzt, als er ihnen die Tür öffnete. Oben sass in einem andern Zimmer, als jenem leeren, das Oberhaupt der Häscher. "Richtig