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der ganzen Mark, mit saurem Schweiss erbeutete sie ihr Leben; sosehr es meine ackerbauenden Eltern auch wünschten, so konnten sie doch nicht das mindeste für mich tun; wie mein frommer Freund und Beschützer, der in Gott selige Pius der Fünfte, bin ich in meinen frühsten Jahren nur ein Bettler gewesen, der lange von Wohltaten anderer leben musste, die fast ebenso dürftig waren, als ich selbst. Glaubt mir, edle Frau, in der Armut, Hülflosigkeit, wo wir immerdar auf des himmels Gnade und den persönlichen Beistand Gottes aufschauen müssen, tut sich eine Heiligkeit, eine süsse Weihe kund, von der die Wohlhabenden niemals etwas erfahren. Und auf diesem Wege habe ich die Güter der Welt geringe achten lernen, ohne sie vorsätzlich zu verschmähen, aber kein Schmeichelwort hat mir je Gold und Goldeswert erkaufen dürfen; in Venedig, Spanien, in meinen Diözesen, immerdar war ich mir und meiner Überzeugung getreu. Diese meine Erfahrungen habt Ihr freilich nicht machen können, aber Ihr habt Euch ebenfalls nie verleugnet, nicht den Grossen aufgesucht, seines Einflusses wegen, noch vor dem Reichen, seines Goldes wegen, gekniet. Stark und fest seid Ihr, männlich und hochdenkend, und das hat mich hauptsächlich bestimmt meine Einwilligung so schnell zu geben, obgleich mein Neffe, streng genommen, zum Ehegatten noch zu jung und unreif ist. Ich sah es aber, wie bald er von dieser jungen Vornehmen durch deren Frechheit verdorben wurde; ich liebe das Kind, ich wäre fähig, für diesen Jüngling alles zu tun, und drum übergebe ich diesen weichen und schwachen Charakter Eurer weisen Führung, dass Ihr ihn zum mann bildet, dass er Recht von Unrecht, Wahrheit von Lüge unterscheiden lernt."

"Die Aufgabe ist nicht leicht", erwiderte die Matrone; "damit es aber völlig gelingen könne, ist es notwendig, auch für das Heil meiner Tochter, dass Ihr mir eine Bitte bewilligt, und sie auch mit den Mitteln durchsetzt, die Euch gewiss zu Gebote stehen."

Sie erzählte ihm hierauf von der wilden, fast tierischen leidenschaft des jungen Luigi Orsini, und wie er in brutaler Weise die Tochter bedroht habe, wie man vor ihm und seinen nichtswürdigen Helfershelfern, wie den besoldeten Banditen, in jeder Stunde zittern müsse.

Der Kardinal versank in tiefes Nachdenken. "Diese Ruchlosigkeit", sagte er dann, "ist der wahre Wurmfrass unseres Staates, das Gift, welches schon seit lange alle seine Lebensadern durchdringt. Ein Drako täte uns not, der aber auch Kraft und Ansehen genug besässe, um seine bluttriefenden Edikte durchzusetzen. Und doch kann es nur auf diesem Wege besser werden, wenn es ja irgendeinmal besser werden soll. Unser verehrungswürdiger Heiliger Vater ist zu schwach, zu friedliebend, ja er ist so sehr Menschenfreund, dass er gern noch im tückisch verruchten Mörder das Bildnis seines Bruders anerkennt. Er vergisst nur, dass ein verziehener Mord zehn neue erzeugt. – Doch seid ruhig, denn in diesem Falle ist es meine heiligste Pflicht, dem drohenden Übel zu steuern, und es wird mir auch gelingen. Ich verspreche es Euch bestimmt, der wilde Jüngling soll Eure Schwelle niemals wieder betreten, und Euch weder in Gesellschaft, noch auf öffentlichen Strassen, oder in den Tempeln verletzen, wenn er nicht den Bann auf sein Haupt herniederziehen will. Das wird mir der Papst bewilligen, wenn er auch sonst nicht mein persönlicher Freund ist; aber hier wird seine eigene Ehre, die meinige unmittelbar in Anspruch genommen. Er wird in dieser Sache die strengsten Befehle erteilen, und sie auch seinem Sohne, dem Gouverneur, schärfend mitteilen; auch diesem werde ich noch heute selbst meinen Besuch machen. – Dann werde ich Rücksprache nehmen mit einem ältern Vetter des jungen Irrwisches, dem Herzoge Paul Giordano, dem tüchtigen, gedienten Bracciano. Vor diesem Mächtigen, wenn er sich erhebt, zittern alle diese Wildfänge; ihm entgegenzuhandeln, wagen sie nicht, und er hat sich bisher immer als mein persönlicher Freund erwiesen. Also seid über diesen Punkt ohne alle sorge."

"Ihr nanntet, Verehrter", fuhr die Donna fort, "mein Vermögen; es ist für eine Witwe wohl nicht unbeträchtlich, doch aber kaum zureichend, da ich noch Söhnen damit, die unversorgt sind, fortelfen muss. Und, was das schlimmste, ich bin nahe daran, es durch Schikanen einzubüssen." – Sie erzählte ihm kürzlich, wie gerecht ihre Sache sei, wie sie schon zu ihren Gunsten entschieden worden, und wie nur kürzlich, um sie zu quälen und vielleicht ihre Tochter zu verderben, ein grosser, den sie nicht nennen wolle, auf krummen Wegen es so weit gebracht, dass ihre Advokaten scheu zurücktraten, und die feindliche Partei nahe daran sei, zu gewinnen.

"Ich kann wohl den erraten", sagte Montalto, "den Ihr mit so vieler Klugheit verschweigt; seid ruhig, ich werde diese Sache selber in die hände nehmen, und meine tugendhaften Kollegen, der Medicäer Fernando und Borromäus werden mir Beistand leisten. Jener Ungenannte wird es niemals wagen, mit seinem offnen Angesichte hinter dem Vorhange herauszutreten, und so werden Advokaten und Richter ihre Bahn von selber wiederfinden."

Jetzt stand die Donna auf, fasste die Hand des Kardinals, küsste sie mit Inbrunst, indem sie von ihren heissen Tränen benetzt wurde. -"Was ist Euch?" fragte der Alte erschrocken. -"O jetzt, jetzt", rief sie schluchzend, "die grösste