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alten Bösewicht, um sich ganz frei zu machen." – Er verschloss die Bücher und ging dann, die hände auf dem rücken, im saal ziemlich lange auf und ab. Hierauf stellte er sich dicht vor den Grafen hin und sagte mit barschem Ton: "Wie wär es denn, wenn ich Euch lieber gleich hierbehielte? Wenn Ihr auch nicht viel wisst, so wisst Ihr doch genug, um mich und den guten Gevatter da unten in seiner Apoteke verraten zu können. Am kürzesten zum mindesten wäre es so entschieden. Der schlaue, vielwissende Ascanio bliebe am Ende auch am sichersten dort."

Der Graf, ohne die Fassung zu verlieren, erklärte noch einmal bündig seine Absicht, und wie es von je sein Vorsatz gewesen sei, eine bedeutende Summe für die Befreiung des Gefangenen zu verwenden, dass die Grausamkeit, ihn selbst zurückzubehalten, oder gar zu ermorden, eine ganz überflüssige sei: auch würden seine Anverwandten in Bologna, die Gerichte dort in Rom, ja die Kardinäle, der Gouverneur und wohl der Papst selbst die genauesten Nachforschungen anstellen, da sich die grössten des Landes, wie die Fürstin Margareta von Parma für ihn und sein Unternehmen interessiert hätten: ja, da, wie nicht unbekannt, Herren und Fürsten selbst diesen Bündnissen heimlich zugehörten, so könnte er wohl gar von diesen wegen seines Attentats hart bestraft werden. Auch warte in der Engelsburg Ascanio auf seine Rückkehr; dieser würde, im Fall sein Beschützer ausblieb, gewiss nicht schweigen und da dieser so sehr alle Fäden in der Hand habe, ihnen wohl den allergrössten Schaden zufügen, weil unter solchen Umständen ihn der Gouverneur schwerlich seiner Haft entlassen würde.

"Ihr seid ein kluges Männchen, Graf", sagte Antonio, "und habt fast so viele Fassung wie unsereins. Die Sache, wie Ihr sie da vorstellt, ist nicht ohne. Der verwünschte Ascanio weiss gar zu viel, und so klug wir uns zu sein dünken, ist er denn doch vielleicht noch klüger. Nehmt nur, wenn ich Euch freigebe, die eine Überzeugung mit hinweg, dass, wenn Ihr Euch gelüsten liesset, irgendeinem sterblichen Menschen nur eine Silbe von dem zu verraten, was Ihr seitdem erfahren habt, Ihr auch keine Stunde Eures Lebens sicher sein könntet. übrigens ist Euer Ansuchen zu wichtig, die Sache zu verwickelt: ich für mich selbst kann nichts entscheiden, ich darf es nicht auf mich nehmen, und viele der Schiedsrichter sind nicht zugegen. Nur ein Mittel gibt es. kommt mit dem Neumond mit Eurem Ascanio selber wieder hierher: dann ist der grosse Rat versammelt. übrigens kennt Ihr mich und den Gevatter niemals." –

Der Graf begab sich wieder auf den Rückweg, indem er die seltsamen Verhältnisse der Welt übersann, wie er so freundlich und höflich noch vor wenigen Tagen von Kardinälen und fürstlichen Damen aufgenommen und beschützt war, und wie er in diesem Augenblicke in der Abhängigkeit eines gemeinen Menschen gewesen sei, der ihm eine grosse Gnade in seiner Meinung dadurch erwiesen habe, dass er ihn seine Strasse wieder frei habe ziehen lassen.

Indessen verhandelte die Mutter Accorombona mit dem alten, verständigen Kardinal Montalto wegen der Verbindung seines Neffen mit ihrer Tochter Virginia. Der alte Mann erstaunte über die hohe Gestalt der noch schönen Matrone, über den Ausdruck dieses klugen Auges und ihre edle und vornehme Haltung. Er fasste dadurch sogleich ein gutes Vorurteil für den Geist und den Charakter einer Frau, die sich mit solchem Wesen ankündigte. Donna Julia hatte bis jetzt den Kardinal nur in kirchlichen Funktionen gesehen, weil er die gewöhnlichen Zusammenkünfte der Menschen vermied; sie verstand aber sein kluges Auge und wusste durch den verstorbenen Gatten, wie konsequent, umsichtig und beharrlich er sich von je in allen Geschäften des Lebens betragen hatte.

Nach den ersten höflichen Begrüssungen sagte die Matrone: "Eminenz, es gehört zu den glücklichsten Vorfällen meines Lebens, mit einem so echten, wahrhaft tugendhaften Mann in nähere Verbindung zu kommen. Haltet es für keine Schmeichelei, denn ich spreche nur Wahrheit, dass ich unter allen Umständen ein solches Bündnis meiner Tochter den Anerbietungen der reichsten, vornehmsten, ältesten Familien würde vorgezogen haben."

"Ich glaube Euch, würdige Dame", antwortete der Kardinal; "denn Euer hoher Sinn, Euer Edelmut wird von aller Welt gerühmt. Auch ist Euer und Eurer Tochter Entschluss deshalb zu loben, weil ihr es beide sehr gut Wisst, dass ich diesem meinem angenommenen Sohne keine grossen Reichtümer, Schätze oder liegenden Gründe übermachen kann; denn ich habe jene krummen Wege, mir Reichtum zu erwerben, immerdar vermieden. Aber ein gut eingerichtetes Haus mit einem angenehmen Garten werdet Ihr erhalten, und ein so anständiges, ja reichliches jährliches Einkommen, dass Ihr Euch dieser Vermählung wegen nicht einzuschränken braucht, und wenn das Haus, welches Ihr machen werdet, auch nicht zu den glänzendsten gehört, so wird es jeder Billige doch gewiss zu den anständigen und wohlhabenden rechnen. Ihr werdet Gesellschaft sehen, Diener halten; die Mobilien, die Zierden des Hauses, sind edel, wenn auch nicht kostbar, und wenn Ihr noch Euer Vermögen mit diesen Einkünften vereinigt, werdet Ihr allen Sorgen des Lebens entoben sein, und Freunden Euch gastfrei und wohltätig erweisen können. Auch ich hätte für meinen Neffen wohl eine berühmte hochadliche Familie finden können, die ihn nicht ungern aufgenommen hätte; doch bin ich überzeugt, dass er in solcher Umgebung zugrunde gegangen wäre. Meine Familie, die mich ans Licht gebracht hat, war eine der ärmsten in