. Er trat zu ihm ein, sah sich behutsam um, und ersuchte ihn, mit ihm allein in seinem Zimmer zu sprechen. Tommaso brachte ihn in ein Cabinet, und Pepoli übergab ihm das Billet ohne Aufschrift. Wie der Apoteker das Siegel aber betrachtete, erriet er, von wem es kam, erbrach und wurde sichtlich blass, als er die Chiffer innen erblickte. Diese liess er sogleich am Licht, welches dastand, verbrennen, setzte sich nieder und schrieb ein andres Zeichen, welches er behutsam mit seiner Hand verbarg. Er siegelte hierauf das Blatt, welches er ebenfalls ohne Aufschrift liess, und sagte dann zum Grafen: "Wenn Ihr diese Strasse hinuntergegangen seid, so trefft Ihr etwas rechts, auf einem kleinen Platz, ein ziemlich grosses, weisses Haus, an welchem sich über der Tür das Bildnis der Madonna zeigt; vor dem haus ist eine steinerne Schwelle von drei Stufen; Ihr könnt gar nicht fehlen. Wenn Ihr angeklopft habt, so wird Euch ein ganz kleines dürres Männchen die Haustür aufmachen; diesem sagt leise ins Ohr: 'Semphoras' – dann wird der Euch schon zurechtweisen. Sollte, was aber nicht leicht geschieht, eine Magd öffnen, so wartet stillschweigend, bis der kleine Dürre zu Euch tritt."
Der Graf ging verwundert und sinnend über die Gasse. Als er fast schon jenes bezeichnete Haus erreicht hatte, kam ihm Geschrei und Getümmel entgegen; es war der Barigell, ein grosser starker Mann mit fast herkulischen Gliedern, der mit seinen Häschern einen Verbrecher in das Gefängnis führte. Der Graf klopfte an das Haus, die Tür öffnete sich, und die schmalste vor Dürre fast klappernde Figur trat ihm blass und mit eingesunkenen Augen entgegen und fragte ihn mit feinkrähender stimme, was sein Begehren sei. Graf Pepoli neigte sich an sein Ohr und flüsterte ihm jenes ihm anvertraute rätselhafte Wort zu. "Ah! das ist was anderes", sagte der Kleine, verbeugte sich und sah ihm dann freundlich lächelnd ins Gesicht: "Ihr wisst die heutige Parole!" – Er führte den Fremden dann mit vielen Verbeugungen eine Treppe hinauf, öffnete eine Tür, und schob den Grafen in ein grosses, ganz leeres Zimmer hinein. "Einen Augenblick warten!" krächzte der Kleine, indem er die Tür von aussen wieder verschloss. Der Graf ging im Zimmer auf und ab. Die Fenster waren so hoch, dass man nirgend auf die Strasse sehen konnte, wodurch das Gemach fast das Ansehen eines Kerkers erhielt.
Nur zwei Sessel standen im grossen Raum und ein verschlossener Wandschrank war noch sichtbar; sonst kein anderes Mobiliar. Graf Pepoli wurde nach und nach verdriesslich, dass er so lange warten müsse, er horchte nach der Tür und Treppe, vernahm aber kein menschliches Wesen. Er wurde besorgt, denn es schien ihm nicht unmöglich, dass diese Vorschwornen, die mit so künstlichen Mitteln verbunden waren, ihn selbst gefangenhalten konnten, wenn sie vielleicht fürchteten, dass er schon mehr von ihnen wisse, als ihrer Sicherheit zuträglich sei. Er rasselte an der Tür; sie war fest verschlossen, und jede Anstrengung, sie zu öffnen, vergeblich. Indem er noch nachsann, was er wohl beginnen könne, stand zu seinem Erschrecken plötzlich ein grosser Mann dicht hinter ihm, der ihm auf die Schulter klopfte. Er sah um, und erriet nun, dass eine unbemerkte Tür in der Wand sich leise geöffnet hatte. Er erstaunte aber von neuem, als er den Mann erkannte, der kein anderer war, als jener stark gebaute Anführer der Häscher, den er vor weniger Zeit auf der Strasse in seiner Amtsverrichtung als Obrigkeit gesehen hatte. "Was verlangt Ihr von mir, werter Freund?" fragte ihn die hohe Figur in einem ernsten, fast verdriesslichen Ton. Pepoli überreichte ihm schweigend das Blatt des Apotekers. Der Barigell ging beiseit, nahm die Chiffer heraus, betrachtete sie mit gerunzelter Stirn und zerriss das Papier dann in die kleinsten Fragmente. – Der mächtige Antonio, so hiess dieser Vorstand der Häscher, ging mit schwerem Tritte schweigend und, wie es schien, zürnend, im widerhallenden saal auf und ab. -"Euer Name, Stand, Aufentalt?" fragte er dann, indem er zugleich den festverwahrten Wandschrank aufschloss. Der Graf nannte sich, seinen Stand und seinen Wohnort Bologna. Unter vielen grossen, geschriebenen Büchern, welche eine Menge alphabetisch geordneter Namen zu entalten schienen, nahm er das eine, schlug nach, suchte und las eifrig. -"Ich finde nicht", sagte er nach einer Weile, "dass Ihr einer unserer Verbündeten seid – der gute, dumme Tommaso hätte Euch besser nicht hergesendet – erzählt mir Eure Sache, weshalb Ihr uns aufsucht." –
Der Graf erfüllte sein Begehren. Mit immer zunehmendem Verdrusse hörte ihm jener zu. -"Ja", sagte er dazwischen, "den alten Kerl halten sie immer noch gefangen, und mit Recht. Wenn es mehr solcher gäbe, oder wenn sie aufgemuntert würden, hätte die Brüderschaft bald ein Ende." – Als er nun vom hingerichteten Strada hörte, wurde er noch ungeduldiger: "– und dieser Nichtsnutzige", rief er, "hat er Euch zu dem zweideutigen Ascanio gewiesen? Und dieser hat die Frechheit gehabt, Euch hierherzusenden? – wir hatten den Schlauen künstlich genug auf die Engelsburg geschafft, wo er wohl mit zehn Jahren auf der Galeere davongekommen wäre; aber er ist klug, er benutzt sogleich Eure Bemühungen für den