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"Ich weiss nicht", antwortete der Gefangene, "warum ich Euch mehr als andern Menschen vertraue; aber, wenn Ihr mir Euer Ehrenwort gebt, mich zu befreien, so sollt Ihr mich jetzt noch hier im Kerker lassen, und mich nur erlösen, wenn Ihr meine Aussagen wahr befunden habt. Kehrt Ihr dann frei und überzeugt zurück, so erfüllt Euer Versprechen und wir sind uns beiderseits durch Dank verpflichtet."
Der Graf ging wiederum zum Gouverneur, erinnerte ihn, wie so manche Verbrecher aus Gnade schon befreit worden wären, wie man durch diesen völlig reuigen Sünder etwas Gutes stiften wolle, dass dieser sich anheischig mache, im Fall er begnadigt würde, niemals wieder mit irgendeinem Trupp von Banditen gemeine Sache zu machen, und wie man doch gestehen müsse, dass manche dieser Räuber mehr durch Schicksale, als durch ihre Neigung zu diesem stand getrieben würden, viele vornehme selber diese Wegelagerer aufmunterten und in ihren Sold nähmen, so dass man bei diesem Armen, Zerknirschten sich wohl einmal eine Abweichung vom Gesetz erlauben dürfe.
Buoncompagno war als ein edler Mann von grosser Gesinnung nicht unwillig, Pepolis Begehren zu erfüllen, weil er selbst am besten das Elend seines Vaterlandes kannte, und weil das Verderbnis des gemeinen Mannes hauptsächlich von den Grossen, selbst den Fürsten ausging, die durch diese Unordnung und Verwirrung die Kräfte und das Ansehn des römischen Staates schwächen, und, wo möglich, vernichten wollten. Er gab also dem Grafen den unterzeichneten Pardon, indem er ihm den besten Erfolg wünschte.
Als dieser in den Kerker zurückkam, fand er den Gefesselten beschäftigt, einen Brief durch Wachs und eine Chiffer, die in Holz geschnitten war, zu versiegeln. Der Gefangene war sehr erfreut als er den Gnadenbrief sah, der ihm seine unbedingte Freiheit versicherte. "Ihr seid ein Ehrenmann", sagte er, "wie es wohl heutzutage nur wenige geben mag, ich verdanke Euch Leben und Luft und dass ich nun meine Kinder und Gattin wiedersehen kann. Das ist mehr als Leben. Auch wollt Ihr mich noch beschenken, so dass ich mit Sicherheit einen neuen Lebensplan anheben mag. Ihr sollt sehen, verehrter Mann, dass Ihr Euch keinen Unedlen verpflichtet. Aber so lieb Euch Ehre, Leben und Gewissen sind, handelt nun auch genau nach meiner Anweisung, und lässt keinen Sterblichen, ohne alle Ausnahme, wissen, was unter uns beiden vorgefallen ist. Darauf gebt mir Eure gräfliche Hand zum Pfande." – Es geschah. -"Nun nehmt", fuhr er fort, "dies mit Wachs versiegelte Blatt, aber zeigt es keinem Menschen, und wenn Ihr es aufbrechen solltet, würde ich Euch für einen Treubrüchigen und Meineidigen halten müssen, und es würde Euch und mir zum Verderben gereichen. Ihr würdet nichts inwendig finden, kein einziges geschriebenes Wort, sondern nur eine Chiffer, die Euch völlig unverständlich wäre. Dieses stumme Blatt, ohne Aufschrift, diese Chiffer entaltend, werdet Ihr dort abgeben, wohin Euch dieses zweite kleinere verhüllte Blatt anweiset, welches, wie Ihr seht, auch ohne alle Aufschrift ist. Versprecht mir feierlich, dies Blatt auch nicht zu öffnen, bevor Ihr aus den Toren Roms seid. Niemand muss wissen, dass Ihr diese beiden Zeichen bei Euch habt. – Das Geschäft, so hoffe ich gewiss, wird Euch glücken; ich bleibe hier und erwarte Euch, und sowie ihr zurückkehrt, führt Ihr mich zur Freiheit hinaus. Ihr seht also, ich vertraue Euch weit mehr, als Ihr mir, denn Ihr könntet ja, wenn Euch die Sache gelungen ist, mit meinem Gnadenbrief in alle Welt gehen, oder ihn dem Gouverneur wieder zurückstellen. Ich hoffe aber und weiss, wir beide sind von besserer Art, als mit so kleinen Ränken zu schachern."
"Wohl ist es so", sagte der Graf, fast gerührt, "und darum nehmt und behaltet diesen Euern Pardon, damit dieser Euch bleibt, wenn ich vielleicht verunglücken sollte. Ich gehe sogleich noch einmal zum Gouverneur, ihm dies zu erklären, und ihn zu bewegen, Euch die Tore zu eröffnen, im Fall mir etwas Menschliches zustossen sollte."
Der Gefangene rief ihm noch nach: "Vergesst nicht, dass das Lösegeld für den geraubten Mann nur eine tolle unmögliche Forderung zum Schein ist, denn kein Fürst könnte es auszahlen. Die ganze Sache sollte nur die Milizen, das Militär und die Gerichtsbeamten schrecken, dass sie in ihrer Pflicht saumselig würden und den Mut zu solchen Wagestücken, wie der Alte unternommen hatte, verlören; auch wollte man die Unterhändler kennenlernen, und im äussersten Fall den Gefangenen auf eine grässliche Art ermorden."
Der Kerkermeister trat herein, um dem Gefangenen, auf Befehl des Gouverneurs, vorläufig die Ketten abzunehmen, und der Graf verliess die Stadt. Als er im Freien war, öffnete er das ihm bestimmte Blatt, und sah, dass es ihn nach Subiaco hinwies an einen Apoteker Tommaso. Er verwunderte sich, dass er nach dem Orte geschickt wurde, wo das Verbrechen verübt war. Er merkte den Namen des Mannes, und vernichtete dann den Zettel sorgfältig, dass sein Diener, der ihn zu Pferde begleitete, oder irgend sonst wer, das Blatt nicht lesen könne. In der Nähe der Stadt liess er seinen Begleiter in einem dorf des Gebirges und wandelte zu Fuss nach dem kleinen Ort. Auf seine Erkundigung vernahm er, dass der Mann, den er suchte, gleich am Eingang des Ortes seinen kleinen Laden hatte