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doch freiwillig wieder bei seiner Compagnie melden müssen. Und so hängt die Sache natürlich zusammen. Nun fürchte ich immer, wird mein Vittorchen doch auch noch nachgeholt, wenn sie auch hier in Rom auf dem festen land ist; aber die Belzebubs von da können gewiss in die Tiber hineinschwimmen. Denn sie hat wenigstens in diesen Tagen schrecklich viel geweint und geheult, und die Mutter nicht weniger. Auch haben sie sich fürchterlich gezankt. Nicht wahr, nun habt Ihr's begriffen?"

"Ja wohl", sagte Vinzenz, der Priester:, "ich danke Euch für diesen gründlichen Bericht; Guicciardini selbst hätte ihn nicht besser abfassen können."

Als die Mutter eines Geschäftes wegen in die kammer trat und den Priester bemerkte, lud sie diesen an ihren Mittagstisch, wo sie und die Tochter, nebst dem Dichter Caporale ziemlich heiter waren.

Alle nahmen sich vor, sich nach Camillo zu erkundigen, und der Priester entfernte sich dankbar, da er diese freundliche gastliche Aufnahme von den Leuten, deren Stellung er in der Welt als eine hohe betrachtete, nicht erwartet hatte, die Mutter ihm auch noch zur Erleichterung seiner Reise ein Geschenk verabreichte.

"Wie froh bin ich", sagte sie hierauf zu ihrem alten Freunde, "dass diese Unbändige sich endlich doch hat zähmen lassen. Ich habe sie wirklich nicht genug gekannt, denn ich glaubte nicht, dass ihre frevle, unnatürliche Gesinnung sie so weit führen könne. Morgen werde ich den Kardinal besuchen und mit ihm die Bedingungen des Ehekontrakts verabreden. So wird Ruhe und Friede in unsre Familie kommen und wir können glückliche Tage erleben."

"Aber", warf Caporale ein, "passte dieser Eidam auch zu der grossgesinnten Tochter?"

"Es musste zum Schluss kommen", sagte sie.

"Wenn es nur nicht der Anbeginn anderer, ebenso schlimmer Verwicklungen ist", bemerkte der Alte.

"Alles", rief die Mutter, "lässt sich leichter ertragen, als der Schwindel, in welchem wir uns jetzt taumelnd bewegten, dass mit jedem unbewachten Augenblick das Elend unerwartet hereinbrechen konnte. Die notwendigkeit, die Verhältnisse zügeln und zähmen von nun an den wild umfahrenden Zufall, durch diese Alltäglichkeit wird sie dem Leben und der natur wieder zurückgegeben, und der Gatte wird an ihrer Seelenstärke emporwachsen, sich an ihr erstarken und zum mann reifen. Indessen geht unvermerkt die stürmische Jugend vorüber, und das Leben hat sie in die notwendigen Gleise hineingewöhnt, in denen es doch nun einmal laufen muss, wenn es sich nicht selbst zerstören soll."

Als sich Caporale entfernte, traf er draussen auf dem hof die junge Freundin, welche ihre Tauben fütterte. "Und Ihr wollt Euch vermählen? Und an Peretti?" fragte er. "Ihr hofft doch glücklich zu werden?"

"Folgt mir in den kleinen Garten", antwortete sie; "Ihr seid uns in diesen wenigen Tagen so nahegekommen, dass ich zu Euch vertraut, wie zu einem älteren Bruder sprechen kann."

Sie gingen in eine Baumpflanzung, die über ihnen lieblich rauschte. -"Was sollen wir glücklich nennen?" fing sie an; "ich sehe mit jedem Tage mehr ein, dass dasjenige, was ich mir so nennen wollte, nur ein albernes Kindermärchen ist, und doch ist alles, was jenseit dieser Wünsche liegt, nicht der Mühe wert, es vom Boden aufzuheben, wenn es auf dem Spaziergange vor unsern Füssen schimmert. Ich werde eingespannt, wie der Ackerstier, in das Joch der alltäglichen Gewöhnlichkeit, so ziehe ich denn nun auch die Furchen der hergebrachten und regelrechten Langeweile, wie die übrigen Menschen."

"Konnte es Euch aber wirklich Ernst sein", fragte Don Cesare wieder, "mit jenem Farnese? Ich berge es Euch nicht, ich war über Euern Ausspruch ebenfalls erschrocken."

Sie sah ihn mit ihrem scharfen glänzenden Auge an und erwiderte: "Und wenn ich Euch nun gerade hin sagte, dass es mein Ernst wärewas gibt es denn da zu erschrecken? Ob ich so oder so verkauft werde, wenn ich dann doch einmal verhandelt werden soll, kommt doch wohl auf eins hinaus. Wer versteht denn von euch, oder auch von Weibern und Müttern, die Hoheit, den reinen Adel einer echten Jungfrau? Alle haben es ja längst in Geschäften, Pflege des Mannes, Wartung ihrer Kinder vergessen, wie es in diesem Heiligtume aussieht. Die Entweihung soll unser Beruf sein, so sagen sie alle, ich habe es aber nie geglaubt: zwang die eiserne Not einmal, der sich auch der Kühnste beugen muss, wie ich es jetzt erlebt habe, nun so war ein Mehr oder Weniger der Entwürdigung immer nicht so gar wichtig. Weggeworfen bin ich, vernichtet, es hat so sein müssen, ich erlebe meine sogenannte Bestimmung, das heisst in meiner Sprache: die Nichtswürdigkeit."

"Und immer wieder muss ich vor Euch erschrekken", sagte der Dichter.

"Wie ich vor dem Leben", antwortete sie mit scharfem Ton: "ja wohl habe ich in dieses kalte ekle Schlangengewinde, in dieses Durcheinander des widrigsten Ungeziefers erst jetzt den wahren, richtigen blick hineinwerfen können. – Ich möchte weinen, und ich muss eben lachen, wie Ihr seht."

Caporale fuhr vor dem lauten krampfhaften lachen wie schaudernd zurück. "Ja, ja, es ist nicht anders", fuhr sie mit feurig glänzenden Augen, wie phantasierend fort: "zum lachen ist alles