Schicksal, von keinem Menschen verstanden zu werden."
Viertes Kapitel
Der alte Kardinal sass sehr tiefsinnig in seinem Zimmer, verstimmt und zugleich gerührt. Der junge Neffe, Francesco Peretti, stand verlegen im Winkel des Gemachs, seine Augen waren rot und feucht, und man sah ihm an, dass er eben heftig geweint hatte. "Alle meine Pläne", fing der Alte jetzt nach einer langen Pause an, "brechen zusammen; die Freude meines Lebens ist dahin. Seit ich dich, Unglücklicher, sah, hat sich eine fast rätselhafte Liebe zu dir meines Herzens bemächtigt: in dir wollte ich meiner armen Familie alles vergüten und ersetzen, was ich zu meinem Schmerz meinen vielbedrängten Eltern nicht habe widmen können, weil sie früher dahingingen, als ich in irgendeinem Wohlstand mich befand. Die Schwester, den Bruder wollte ich in dir beglücken, und dich als Grundstein niederlegen, auf welchem meine Familie einst das Gebäude ihres Ansehns und Einflusses aufführen könnte. Du kommst an, der Tag, wo ich dich wiedersah, war beglückend für mich, in der Täuschung war er der schönste meines Lebens. Denn freilich, musste ich den Irrtum schon früh gewahr werden; du bist schwach, fast ohne Charakter und Männlichkeit, scheust die Arbeit und lebst am liebsten in Zerstreuung, und was noch schlimmer ist, in schlechter Gesellschaft. So musste ich es bald aufgeben, dir die geistliche Laufbahn zu eröffnen, auf welcher ich dir am hülfreichsten sein kann, da du deinen Widerwillen gegen den ehrwürdigen Stand auch gar nicht verhehltest. Schon damals schwankte ich in meinem Entschluss, ob ich gut getan, dich nach Rom zu rufen, oh ich dich nicht lieber sogleich wieder auf das Land zurückschicken solle. Es kam aber noch schlimmer. In meiner Gegenwart zitterst du vor mir und beugst dich meinem Willen, und hinter meinem rücken bist du ausgelassen, frech und spielst den Frevler, nimmst die Manieren an, die du von den hiesigen Erben der grossen Häuser siehst, als wenn du zu ihnen gehörtest. Die Studien, die ich dir aufgegeben, die dir einmal achtung und bedeutende Staatsämter erringen sollen, vernachlässigst du, jeder deiner Lehrer klagt dich an, keiner will, so gern sie mir schmeicheln möchten, Hoffnung für dich schöpfen. nachher hast du dich von deinen verächtlichen Gesellschaften verleiten lassen, liederliche verrufene Weibsbilder zu besuchen, du gehst in den schändlichsten Lüsten unter, und es ist so weit gekommen, dass meine törichte Liebe sich gewöhnen muss, deinen Tod für kein Unglück mehr zu halten."
Peretti kam näher und kniete demütig vor dem alten Oheim nieder. – "Eminenz", sagte er flehend, "erlaubt mir Eure liebe wohltätige Hand zu küssen. O liebster, vortrefflichster Oheim, vergebt doch noch einmal einem irregeleiteten jungen Menschen. Ich werde mich bessern, ich werde künftig Euern Ermahnungen mehr Gehorsam leisten: Nur –"
"Nun ja!" rief der Kardinal mit Heiligkeit aus: "nun tut sich ein neues Abenteuer hervor, das tollste noch von allen! Das junge Blut will jetzt schon heiraten, das flachsköpfige Bürschchen ohne Bart, Verstand und Erfahrung, will einen Ehemann vorstellen und eine Haushaltung führen. Sollte eine Vermählung stattfinden, so war dazu nach manchem Jahre noch die Zeit, wenn du in der Welt bekannt, wenn du die achtung angesehener Familien genossest – aber jetzt schon! Und wen? Eine Unbedeutende, wie man sagt talentvolle Dichterin! Bekannt durch Schönheit und viele Liebhaber- alles abgeschmackt!"
"O liebster, verehrtester Vater", rief Francesco aus, "– ja so muss ich Euch nennen, denn so väterlich, gütig, liebreich, mehr als ehrwürdig erscheint Ihr mir. Glaubt mir es doch dass diese Liebe keine jugendliche Übereilung ist, dass Eure gnädige, liebreichste Einwilligung mich glücklich und zu einem ganz andern Menschen machen könnte. Seit ich die himmlische Accorombona nur gesehen habe, bin ich verwandelt und gebessert; meine Gesellschaft, die Ihr mit Recht tadelt, habe ich verabschiedet und mag sie nicht mehr sehen, denn ich weiss es jetzt, wie edle Menschen denken und sich betragen müssen. Erhebt Ihr mich zu meinem höchsten Glück, so werde ich Euch gewiss Ehre und Freude machen. Könnt Ihr mir nicht Eure Einwilligung geben – ach! Teuerster, Einziger – Ihr nennt mich schwach, und ich bin es auch – aber, wenn Ihr unerbittlich seid, so wird sich meine Schwäche in Verzweiflung verwandeln und meinen Untergang bereiten." –
Er weinte von neuem und warf sich wieder in der heftigsten Bewegung vor seinem Oheim nieder. Dieser blieb ganz ruhig, betrachtete ihn gelassen von oben, und spielte dann nachdenkend mit seinen blonden Locken. "Die Jungfrau soll gross, kühn und keck in ihrer Gesinnung sein", sagte er dann; "ich habe sie nie gesehen, aber den rechtschaffenen Vater habe ich wohl vorzeiten gekannt: wie wird diese Starke dich lieben und achten können, wenn auch sonst alle Hindernisse gehoben wären?"
"Der Bruder Flaminio, dem ich mein Herz eröffnet habe", erwiderte der Jüngling, "gibt mir Hoffnung; er hat mir von der Schwester gesagt, wie wunderbar ihr Wesen sei. Sie verabscheut den Luigi Orsini, der sich schon seit lange mit der grössten Heftigkeit um sie bewirbt, und erklärt: nur mit einem stillen, friedlichen Mann, von sanftem Charakter, könne sie in der Ehe glücklich sein."
"So segne dich der Herr", sagte der Kardinal, indem