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natur vielleicht am nächsten liegt. Denn glaubt nur nicht, diesmal wohlfeilen Kaufs loszukommen, oder dass sich alles in leere Drohungen auflösen werde. Der Kardinal hat mit seiner feinen Spürkraft diesen Moment schon seit lange herannahen sehen; er ist klug genug, um sich die gelegenheit nicht entschlüpfen zu lassen. So gleissend, wie möglich, hat er mir alles eröffnet, in wehmütiger Stimmung, indem er mir oft, als seinem intimsten Freunde, die hände drückte, und mich beim Abschiede noch herzlich umarmte, mir in den grössten Lobeserhebungen von meinem ungeheuren poetischen Talente sprach, das alle jetzigen Dichter weit überragte, indem er mir unaufgefordert beteuerte, nicht eher zu ruhen, als bis er mir eine viel vorteilhaftere Stelle verschafft habe, als meine jetzige sei. So werde ich auch noch durch Euch zu einem mächtigen mann werden. – Soviel ist gewiss, wenn Ihr Euch jetzt dem Kardinal entzieht, so geht Euer Prozess verloren und Euer Sohn stirbt unter Henkershänden."

"Nicht wahr?" rief sie mit grellem Ton; "es gibt doch Freunde, wahre Freunde in dieser Welt!"

"Ich habe diese Nacht nicht schlafen können", sagte der Alte: "mir war unser Dasein mit seinen Bedingnissen noch niemals in diesem seltsamen Lichte erschienen. Der Angelstern, den wir in unsrer Brust für einen ewigen hielten, droht zu erlöschen, und es ist einem zumut, als wenn das Gewissen nur ein Märchen wäre, wenn alte Männer, Priester, Fürsten, vom volk Verehrte so ruhig und sicher ihre Verruchteiten, als wären es ebenso viele matematische Lehrsätze, dem erstaunten Zuhörer auseinanderlegen."

Der Dichter wollte sich entfernen, doch bat ihn die

Mutter, zu ihrem Troste noch zu verweilen, weil es ihr in dieser Stimmung unmöglich falle, mit ihrer Familie allein zu sein. Ungern nur erfüllte Caporale diese Freundespflicht, weil er fühlte, dass sein Rat von keinem Nutzen sein könne, er neue gewaltsame Szenen fürchtete, und selbst nach diesen Erschütterungen und der durchwachten Nacht der Ruhe bedurfte. Im Zimmer befand sich Vittoria allein: Flaminio war mit Peretti gegangen, um diesen zu begleiten, denn der neue Fremdling hatte dem jungen Accoromboni eine glühende Freundschaft aufgedrungen. Vittoria schien sehr heiter, denn sie lachte noch und fütterte mit Brosamen aus dem Fenster ihre Tauben, die sie sehr liebte.

"Was erfreut dich, mein Kind?" fragte die Mutter

mit schwerem Ton.

"Ei, dass ich schon wieder, fast wie Circe", sagte

sie übermütig "mir einen neuen Liebhaber eingefangen habe, den ich kaum noch in ein Tier zu verwandeln brauche, denn er tritt mir selbst als freiwilliger Gimpel entgegen. Er schwört mir zu, dass eine ewige, unüberwindliche leidenschaft ihn zu meinen Füssen fessle, um ohne Trank und Speise vom Anblick meiner schönen Augen zu leben. Er will seinen alten Oheim zu seiner Einwilligung bewegen, oder augenblicks des schrecklichsten Todes sterben. Er hat mir in der kurzen Zeit, dass er jetzt bei mir war, mehr vorgeschwatzt und mir mehr Albernheiten gesagt, als alle meine vorigen und jetzigen Anbeter in Wochen. Wenn man nicht selbst von diesem Wahnsinn befangen ist, so gibt es auf Erden doch nichts so Lächerliches, als diese Liebe."

"Und deinen Orsini hast du schon so bald vergessen?" fragte die Mutter.

"Nun ich den ersten Schreck überstanden habe", antwortete sie, "muss ich auch über diesen Rodomont lachen. Er gefällt sich im Toben, seine Liebeserklärung weiss er nur in Flüche einzukleiden. Und am Ende kann man diese Sacripante und Rolande doch mit einem ruhigen, verständigen Blicke regieren."

"Lass deine Tauben", sagte die Mutter, "und setze dich zu uns."

Vittoria nahte sich mit beobachtendem blick und sagte: "Dir muss wieder etwas begegnet sein, denn du trittst mit einem ganz verwandelten gesicht zu mir her. Ich wollte mit dir von diesem meinem Peretti sprechen, und herzlich in deiner Gesellschaft lachen. Hast du das schon in einem Gedicht oder Novelle gehört, dass ein wilder Ochs der Kammerherr ist, der den fremden, angekommenen Prinzen der geliebten Fürstenbraut vorstellt? Selbst unter den Tollheiten des Ariost würde diese noch als die verwunderlichste erscheinen: und doch ist die Sache buchstäblich wahr, und sie hat gerade mir begegnen müssen."

"Wir stehen jetzt auf einem ganz andern Punkte", sagte die Mutter; "seit gestern hat sich alles völlig geändert, das kann mir dieser bewährte Freund hier bezeugen."

"Nun so sprich denn", sagte Vittoria ganz gelassen, "ich denke, ich kann alles hören, solange noch das Tageslicht scheint; in der Nacht bin ich freilich viel furchtsamer."

"Wir müssen verzweifeln!" rief die Mutter von neuem heftig aufgeregt, "alle Mittel entweichen, alle hülfe lässt von uns los: Armut, Schande, Elend, Tod und Entsetzen stehen dicht vor unserer Tür, alle pochen laut und ungestüm an, und verlangen eingelassen zu werden, und unsre schützenden Wächter des Hauses sind entwichen und verleugnen uns."

"Aber wir sollen uns nicht verleugnen, und solange meine Seele mein eigen ist, ruht auch mein Schicksal in meiner Hand. Nie, nie werde ich mich beugen, nie dem nachgeben, was die Menschen notwendigkeit oder Verhängnis nennen. Welch Wesen kann zu uns treten und sagen: Du sollst mir gehorchen! Solange ich noch ein Glied regen kann, werde ich mich nicht vor Menschen, auch