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Mensch zu handeln."

"Wenn nur nicht vorher Unglück geschieht", bemerkte die Mutter seufzend.

"Das, wie alles, muss man der Vorsehung anheimstellen", sagte Vittoria, "denn er ist doch der Erziehung und Ermahnung entwachsen."

"Woher nur", fing die Mutter wieder an, "hat der Knabe diese Unbändigkeit? Sein Vater war milde und sanft, nachgiebig, folgsam, ein Feind alles wilden ungestümen Wesens: die Ruhe und Gesetzteit selbst. – Von wem?"

"Gewiss von dir", sagte Vittoria lachend.

Die Mutter stand auf, ging nach dem Fenster, sah in die Landschaft hinaus, kehrte dann um, betrachtete die Tochter ganz nahe mit grossen Augen und sagte kurz und schneidend: "Von mir?"

Vittoria liess sich nicht irremachen, schloss ihr Buch, legte es in die Kapsel und sagte ruhig: "So denke ich mir die Anstammung dieses tobenden Blutes. Dein fester Sinn, dein grosses, starkes Gemüt, dein edles Wesen, das für seine Überzeugung Blut und Leben hingeben würde, ist in ihm als Mann in diese jugendliche Roheit umgeschlagen, die sich später selber erziehn wird. War ich doch auch ein wildes Kind, und gewiss warst du nicht allzu zahm, als du noch mit deinem Püppchen spieltest."

"Du magst recht haben", antwortete die Mutter, "mir ist der Gedanke noch nicht eingefallen. Freilich vergessen wir nur allzuleicht in späteren Verhältnissen, wie wir in unsern frühesten Jahren waren.

Ich habe da wieder den Camillo Mattei gesehen", fing die Matrone von neuem an; "er schien auf unser Haus zuzugehn: ich weiss nicht, was er immer hier will."

"Er ist ja ein allerliebstes Kind", sagte Vittoria erfreut; "man neckt sich mit ihm so hübsch, er ist dabei so ehrlich und treu, dass man ihn liebhaben muss." –

"Was soll er uns?" fragte Julie, und wendete das Haupt unwillig ab; "er ist unwissend, einfältig, von geringem Herkommen; nun liegt er schon dem armen Weltpriester, seinem oheim, seit Wochen zur Last: kann er nicht nach Rom zu seinen Eltern, den Bürgersleuten zurückkehren, um seine Schulstudien fortzusetzen?"

"Lass ihn, liebe Mutter", bat Virginia, "er gefällt mir, und uns allen im haus; unsere Familie ist als eine gastfreundliche bekannt; sollen wir bei diesem guten Mattei eine Ausnahme machen? Frage nur unsre Amme, oder unsern alten Guido, wie gut und lieb dieser immer freundliche Camillo ist."

Die Mutter zwang sich heiter zu erscheinen, als Camillo eintrat, sich demütig verbeugte und schüchtern stehnblieb, bis sich Flaminio zu ihm gesellte, und ihm einen Sessel in seiner Nähe anbot.

"Camillo", fing Vittoria an, "Ihr habt neulich die Zeichnungen von den Bildern sehen wollen, die der Kardinal Farnese in seinem neuen schloss Caprarola von Zuccheri hat malen lassen: seht, hier ist das schöne Buch, er hat es uns gestern geschickt."

Camillo blätterte und sagte dann etwas beschämt: "Ich verstehe zuwenig von diesen grossen und sinnreichen Sachen. Und an diesen Kämpfen und Schlachten kann ich mich vollends nicht erfreuen. Freilich wohl, die Schlacht des Konstantin, oder Attila von Raffael –"

"Läppischer Mensch!" rief Vittoria, halb zürnend und halb lachend, "wenn er mit Raffael kommt, muss sich alles verkriechen. Und doch meint der Kardinal wohl, und sein Maler noch mehr, er könne es mit dem jungen mann und seinen vatikanischen Zimmern aufnehmen, und stehe auf der Leiter der Kunst noch einige Stufen höher. Und diese Bilder hier aus dem saal des Schlafs und der Träume sind auch echt poetisch; diese herrlichen Erfindungen werden immer als Muster gelten können."

"Kann alles sein", erwiderte Camillo etwas verdriesslich: "es ist aber ein so schöner klarer Morgen, und dabei noch gar nicht heiss, dass wir lieber mit den verehrten Damen einen Spaziergang machen sollten."

Die Mutter nahm ihren Sonnenhut, und Vittoria folgte ihrem Beispiel. "gehen wir dann nach der Villa Este", sagte die Matrone, "und besehen einmal wieder die Herrlichkeiten des neuen Palastes und alle die Künste und Schönheiten des Gartens."

"O nein!" rief Vittoria unwillig, "alle diese kleinen Springbrunnen und Bildchen in Marmor, so fein gelegt und geschnitztwären nicht die Zypressen hingesetzt, die doch dazwischen ein ernstes Wort reden, so wäre diese Anstalt ganz unerfreulich. Nein! hin zu den allerliebsten Wasserfällen! Zu Mäcens Villa, der Neptuns-Grotte, da löst sich unser Herz und Gemüt, und die liebliche, unendlich schöne natur fasst mich wie ein grosser Dichter vertraulich bei der Hand, und sagt mir so herzliche, rührende, erhebende und lustige Dinge in mein horchendes Ohr, wie sie in keinem buch und in keiner Handschrift stehen."

Flaminio führte die Mutter und Camillo ging an der Jungfrau Seite. Man konnte es ihm ansehn, dass er sich neben der hohen schönen Gestalt beschämt und klein fühlte, und doch zugleich geschmeichelt, dass er mit ihr so vertraulich wandeln durfte.

Als sie in die Nähe der Wasserfälle gekommen waren, setzte sich die Mutter mit ihrem Sohne in den Schatten der Olivenbäume, und liess ihr Auge sinnend an den Formen der schönen ölbekränzten Hügel umherschweifen. Vittoria aber sprang an ihr vorüber, um sich in der Nähe des Wassers