. Ich weiss es, dass er seiner Lage dort in Ferrara schon gänzlich überdrüssig ist: er sehnt sich nach neuen Verhältnissen, kann ohne Beschützer nicht leben und dichten und hat also den Mut nicht, offen mit dem hof zu brechen. Der neue Grossherzog von Florenz, Francesco, ist eitel genug, um einen berühmten Mann in seiner Nähe haben zu wollen: stille Botschaften, Vermittelung von Fremden, Anerbietungen, alles bedrängt den Armen, er will und will nicht: nun ist sein Fürst, die Weiber sind einmal wieder freundlich zu ihm, sie schmeicheln und liebkosen ihm und seinem Talent; da sieht er wieder goldne Tage, und schwimmt selig in der Abendröte. Aber der Ferrarese weiss es recht gut, dass er auf dem Sprunge steht, von ihm abzufallen; es fehlt nicht an Klätschern, die dies benutzen, ihn gegen den Ärmsten zu erbittern. Er war erst mit Pigna vertraut, auch der Sekretär Guarini schloss sich ihm freundlich an: jetzt sind sie gegen ihn und der letzte ist sein erklärter Feind, ein schlauer gewandter Mann, und der die Haltung besitzt, die dem Torquato fehlt, dabei auch ein Poet, und ein begabter; da muss die Eifersucht entbrennen. Nun hat ihn sein wahrster Freund und Beschützer, Scipio Gonzaga, hierher nach Rom berufen; der Herzog hat ihm nur ungern den Urlaub bewilligt, weil er weiss, dass hier mit dem Kardinal Ferdinand Medicis des Tasso wegen verhandelt werden soll, ja Scipio denkt wohl gar, den Papst selbst für den Dichter zu gewinnen, dass dieser ihm hier ein Kanonikat oder eine Präbende zuweisen möchte; dieser aber will natürlich um eine Nebensache Ferrara nicht beleidigen; Florenz will nicht zu offen mit seinen Anerbietungen heraustreten; Ferrara nimmt aus Eitelkeit den Gegenstand wichtiger wie die andern, auch vertrauen diese dem schwankenden Charakter Tassos nicht und seiner Unentschlossenheit, und so verwirrt und verwickelt sich das Verhältnis von allen Seiten so, dass es zum Unglück des Poeten ausschlagen muss."
"Eure Schilderung ist freilich eine traurige", sagte eine junge schöne Dame, "und wenn Euer Wahrsagergeist ein richtiger ist, so möchte ich schon jetzt den lieben Tasso beweinen. Aber Euer Wort trifft eigentlich jedes menschliche Verhältnis: jeder Stand muss sich durchkämpfen, jeder geistreiche Mann hat seine Feinde, der Minister und Rat findet Verlockung, seinen Pflichten ungetreu zu werden, wer nicht als Eremit lebt, gerät in Verwicklung und muss kämpfen, sinnen und arbeiten."
"Ihr habt nicht unrecht", antwortete der Greis, "und doch treten dem Poeten noch viel mehr Schwierigkeiten entgegen. Hat er kein Staatsamt, oder gelehrtes, ist er nicht Priester, so ist sein Beruf ein doppelter, durch welchen er eigentlich ein ganz rätselhaftes Wesen wird. Verwickelt mit der Welt, ist er in seiner Beschäftigung, in seinem Beruf doch ein wahrer Einsiedler; denn auf den Weltlauf hat seine Arbeit auch nicht den allermindesten Einfluss. Dadurch aber verliert er auch allen Massstab, sich an sich selbst oder den übrigen Menschen zu messen; denn an keinem einzigen Abende kann er zu sich sagen: heute hast du einmal etwas Nützliches getan, du hast dem, du hast jenem fortgeholfen, jenen verwirrten Handel hast du aufgeklärt, diese Gesellschaft, jene Zunft, der Angeklagte, jener vornehme muss dir danken. Ist er ohne Begeisterung, so fühlt er sich, als sei er ganz ohne Bestimmung, besucht sie ihn, so meint er alle Menschen zu überragen; dann ertönt das Lob der Freunde, die laute Bewunderung der Menge, das Entzücken der Weiber und Mädchen – glaubt ihr, meine Freunde, dass es viele so starke Männer, so feste Charaktere gebe, die mit richtigem Sinn das alles geniessen und fassen, die den Lorbeer nicht für strahlender als die Königskrone halten, im Rausche nicht dahintaumeln, und das Leben eigentlich verlieren sollten?"
"Ja nun freilich", sagte Caporale, "kann es nur selten solche Menschen geben, wie unser grosser Ariost war. Tasso ist weicher und nicht so selbstständig."
"Was die Fürsten betrifft" – fing Sperone mit einiger Feierlichkeit wieder an – "traut doch dem alten Ausspruch: procul a Jove, procul a fulmine. – Vor einigen Jahren besuchte ich auch eine Sammlung wilder prächtiger Tiere am hof eines vortrefflichen Fürsten. Der grösste Tiger lag in seinem Käfige und sonnte sich, indem die bunten Flecken seiner schönen Haut; im Lichte freundlich schimmerten. Man war oft so grausam gewesen, ihm lebende grössere oder kleinere Hunde als Atzung in seine Zelle hineinzuwerfen. Ich war daher nicht wenig verwundert, als ich ein klaffendes Hündchen bei ihm sah, das uns mit munterem Bellen begrüsste und auf seinem Tyrannen hin und her sprang, welcher sich allen Mutwill von ihm gefallen liess. Der Wärter erklärte meiner Verwunderung die sonderbare Erscheinung. Vor mehreren Monaten war der Tiger an entzündeten eiternden Augen erkrankt, so dass er sehr verstimmt und verdriesslich war. Es ist schwer, einer solchen Bestie einen Doktor und Arznei beizubringen und, da der hohe Patient auch kein Gemüse, oder Fastenspeise geniessen mochte, so fürchteten sich die Wärter selber vor dem Unwillen des zornigen Kranken. Man fuhr fort, ihm Fleisch und zuweilen wieder lebendige Tiere in sein Behältnis zu werfen; denn dies schien das einzige, woran er sich erfreute und zerstreute. Ein kleines Hündchen ward ihm lebend zugeworfen. Dieses, ohne Furcht und Zittern, sprang auf ihn freundlich zu, und leckte seine wunden Augen; jener liess es sich gefallen