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antreibt, dem Vater den Preis des grösseren Dichters zuzuschreiben? Und ist dies ihm eine Schande? Darf es ihn wohl kränken?"

"Der Ruhm bleibt wenigstens in der Familie", sagte Caporale, "und wenn unser Bernard nur noch lebte, so müsste er sich mit seinem Sohne in den genau abgewogenen Preis teilen."

"Er ist ein Dichter", bemerkte eine der Damen, "der die Sprache so in seiner Gewalt hat, wie vor ihm noch kein anderer; daher sind seine Verse so süss und musikalisch, dass sie ein jedes Ohr entzücken."

Der alte Sperone schien über diesen Ausspruch empfindlich zu werden, denn er sagte mit etwas spitzigem Ton: "Süss und lieblich, ja, aber die Männlichkeit fehlt."

"Diese Schlachten", warf Caporale ein, "diese aufmunternden Reden der Helden, sind doch in heroischer, kräftiger Tonweise. Schade, dass er das Gedicht, da es nun doch einmal fertig ist, nicht sogleich drucken lässt, damit sich ganz Italien daran erfreuen könne."

"Im Gegenteil!" rief Sperone, "er kann nicht zu lange damit zögern, damit ein Werk, das die jetzige Zeit überdauern soll, die notwendige Vollendung erreichen möge. Er ist freilich empfindlich über diese Verzögerung, und doch ist er wieder seinen jüngern und ältern Freunden dankbar, wegen der Weisungen, die sie ihm zukommen lassen. Nur tadelt freilich einer oft das, was der andere lobt; mir scheint völlig überflüssig, was ein jüngerer höchst notwendig findet. Diese Strophe will der eine ausmerzen und ein anderer durchaus beibehalten. Das süsse Liebesgekose, üppige, ja unzüchtige Stellen sind dem Gutdenkenden in diesem Gedichte, das die Religion zum gegenstand hat, ein Greuel, und ein junges leichtsinniges Gemüt nennt diese sündlichen Ottaven die Licht- und Glanzpunkte des Werkes, um welche es sich einzig und allein der Mühe lohne, das weitläuftige Gedicht zu lesen. So verschieden ist der Sinn der Menschen, und es wäre deshalb besser gewesen, einem einzigen klugen mann die Revision unbedingt anzuvertrauen."

Man stritt noch hin und her, und als die entschiedenste der Damen zu verstehen gab, der bejahrte Kritiker möchte doch vielleicht zu einseitig verfahren, und manche Schönheit nach seinem System gewissermassen vorsätzlich und willkürlich verdammen, sagte der Alte mit einiger Erbitterung: "Mein Zwiespalt mit dem jungen Tasso schreibt sich eigentlich gar nicht von der abweichenden Ansicht seines Gedichtes her, sondern er ist viel älter und aus einer ganz andern Ursache entsprungen. – Als der Jüngling vor Jahren sich in den Dienst des Herzogs von Ferrara begab, war ich unter seinen Freunden der einzige, der ihm ernstaft von diesem Schritte abriet. Er ist kein Hofmann, man muss als solcher geboren sein, man muss nichts anders sein wollen, nichts anders kennen und achten, als den Hof, am wenigsten aber den Dichter dortin mitnehmen wollen. Er konnte Professor in Padua oder an einer andern Universität werden, er konnte ein Staatsamt übernehmen, und sich auf diesem Wege, da er kein Vermögen ererbt hat, unabhängig machen. Da lockte aber und blendete ihn der freundliche Herzog, die Prinzessinnen, dessen Schwestern, Lob und Bewunderung von allen Seiten. Meine Warnung schien ihm die törichte Rede eines Murrkopfs, wohl gar eines Pedanten, der ihm seine glänzende Stellung beneidete. So bin ich denn auch in seinem Schäferspiel Aminta als verdriesslicher Mopsus aufgetreten, im Gegensatze seines vortrefflichen Pigna, oder Elpino. Meinetalb, man kann nicht allen Menschen gerecht und beifällig leben, am wenigsten der Selbstständige, dem es mit Leben und Wissenschaft Ernst ist. Was ist ein Dichter an dem Hof eines verwöhnten, selbstsüchtigen Fürsten? Niemals wie der ebenbürtige Freund und Verwandte, keinesweges wie der nützliche und notwendige Rat und Staatsmann. Anfangs Günstling, Vertrauter, Liebling, Gegenstand einer unverstandenen Bewunderung; späterhin der Gemisshandelte, der die Launen seines eigensinnigen Beherrschers ertragen muss. Hat er sich berühmt gemacht, so wollen nun andere Höfe, Regenten und Weiber ihn lieben, bei sich sehen; ihm geschehen Anerbietungen, er fühlt sich wieder geschmeichelt, unterhandelt hinterrücks halb und halb, die Aufpasser verraten es seinem Herrn, und dieser, der sich für den Wohltäter, ja den Schöpfer des Armen hält, ist erbost, sieht in seinem vormaligen Liebling den frevelnden Verbrecher, und sinnt, wie er sich an ihm rächen und ihn bestrafen könne, ohne sich der Welt und den Verleumderzungen zu sehr blosszugeben. Wie sich dieselben Fürsten in ihren Gärten eine Sammlung der wilden, seltenen und ausländischen Tiere halten, die zuweilen wegen der Federn, oder des wundersamen Rüssels von ihnen und den Fremden in Augenschein genommen werden, so steht ein Poet an solchem hof in seinem kümmerlichen Futter. Und dann wird noch von Beschützung der Künste und Wissenschaften gesprochen und gesungen, und Perikles und Alexander oder Augustus angeführt, zum Verdruss und Ärger eines denkenden Mannes, der diese Szenen kennt, und öfter in seinem Leben gesehen hat."

"O Ihr böser, zorniger Greis!" rief Caporale aus, "wenn Ihr so traurige Erfahrungen gemacht habt, so seid Ihr doch nur halb im Recht, denn Ihr vergesst es ganz und gar, auch das Gute eines solchen Verhältnisses herauszuheben."

"Das meiste", antwortete Sperone, "sieht in der Welt so aus, wie es der Mensch sehen will. Aber seid versichert, die Lage dieses armen Tasso ist gerade so, wie ich sie beschrieben habe, und der Erfolg wird meine Aussage rechtfertigen